Von Petra Pluwatsch, 14.05.10, 20:45h, aktualisiert 15.05.10, 00:02h
Das ist in diesem Sommer 200 Jahre her, und eben deswegen hat Matthias Marr, Luise-Experte und Kastellan von Schloss Paretz, seit Monaten alle Hände voll zu tun. Die früh verstorbene Königin, Ehefrau des stief-steifen Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III., erlebt im Jahr 2010 nach Jahrzehnten des Vergessens eine schier unglaubliche Wiederauferstehung. „Miss Preußen 2010“ betitel werbewirksam die „Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin Brandenburg“ einen opulenten Veranstaltungsreigen rund um die Preußenkönigin. Gleich mehrere Ausstellungen - im Berliner Schloss Charlottenburg, auf der Pfaueninsel, im Potsdamer Filmmuseum und natürlich im 2001 wiedereröffneten Schloss Paretz - sind eben jener Frau gewidmet, die das preußische Königshaus aufmischte wie keine andere vor oder nach ihr.
„Ein Skandal“ raunte man der Legende nach in den besseren Kreisen, als die damals 17-Jährige in einer opulenten Kutsche - demnächst in Schloss Paretz zu sehen - als Verlobte des Preußenprinzen in Berlin einfuhr und ein Bürgerkind, das ihr zur Begrüßung einen Strauß Blumen überreichte, umarmte und küsste. „Ein Skandal“, als die Braut am Tag ihrer Hochzeit am 24. Dezember 1793 am preußischen Hof das frivole Walzertanzen einführte. „Ein Skandal“, als sie das Geld des Kronprinzen zum Fenster hinauswarf, um eben jene hauchzarten weißen Empire-Kleidchen in Auftrag zu geben, die offenherzig zeigten, was ihre Vorgängerinnen unter Reifröcken und fest geschnürten Korsetts zu verbergen trachteten. „Ein Skandal“ vielleicht auch, dass das Kronprinzenpaar entgegen allen Gepflogenheiten bei Hofe einander in Liebe zugetan war und nach der Hochzeitsnacht vom distanzierten „Sie“ zum vertraulichen „Du“ überging.
Volksnah, herzlich und emotional waren die Attribute, die man in jenen Tagen mit dem Namen Luise verband. Von ihr erhoffte man sich in den nachrevolutionären Zeiten des beginnenden 19. Jahrhunderts eine friedliche Annäherung zwischen König und Volk. Zehn Kinder gebar die „preußische Madonna“ ihrem Friedrich Wilhelm innerhalb von 13 Jahren - ein Vorbild auch als liebende Ehefrau und Mutter. Die Ehe galt als glücklich, das Familienleben als nachahmenswert. Drei der Kinder starben jung. Ein Sohn, Wilhelm I., brachte es 1871 zum ersten deutschen Kaiser. Da war Luise schon mehr als ein halbes Jahrhundert tot und der Hype um ihre Person gewann mehr und mehr an Fahrt.
Wohl keine andere Frau in der jüngeren Geschichte Deutschlands ist so geliebt, verehrt und verklärt worden. Ihr früher Tod mag zum Mythos Luise beigetragen haben, ebenso ihr zaghaftes politisches Engagement, mit dem sie den zaudernden, wortkargen Ehemann 1806 zu einem - desaströs endenden - Feldzug gegen Napoleon ermunterte. Sie galt als Befürworterin behutsamer sozialer Reformen und als scharfe Gegnerin Napoleons I., den sie aus tiefstem Herzen verachtete. Dennoch ließ sie sich 1807 von den Beratern des Königs überreden, dem verhassten Feind persönlich ihre Aufwartung zu machen. Sie sollte ihn um Gnade für den Kriegsverlierer Preußen bitten, nachdem die Friedensverhandlungen ins Stocken geraten waren. Ein Unternehmen, das zwar nicht von großem politischen Erfolg gekrönt war, jedoch Luises Ruf als überzeugte Deutsche und als „Märtyrerin“ für Volk und Vaterland festigte.
Viele nahmen Luise von Preußen in den kommenden Jahrzehnten in ihr Boot und benutzten sie als Projektionsfläche für die eigenen Wünsche: Politiker, Künstler, Männer und Frauen, Herrscher und Beherrschte. Sie mutierte zum „Schutzgeist der deutschen Sache“, wenn es galt, Stimmung gegen den Erbfeind Frankreich zu machen. Sie wurde „der deutschen Frau“ als Vorbild hingestellt, um sie an ihre Pflichten als treue Ehefrau und Mutter zu erinnern.
Erst nach Ende des Ersten Weltkrieges begann der Mythos Luise an Kraft zu verlieren. „Mythen verblassen, wenn ihre Zwecke den Notwendigkeiten der Zeit nicht mehr entsprechen“, schreibt Günter de Bruyn in seinem Buch „Preußens Luise“: „Mythische Helden erfüllen nur so lange ihre kriegerischen Funktionen, wie heldische Einzelkämpfer benötigt werden; und Luise konnte als Vorbild nur in Zeiten dienen, deren Frauenideal dem, nach dem sie geformt war, entsprach.“
Umso erstaunlicher, dass „Miss Preußen“ 200 Jahre nach ihrem Tod zurückbeordert wird ins Bewusstsein der Deutschen. Das Filmmuseum in Potsdam stellt Luise-Filme aus rund neun Jahrzehnten vor und analysiert die politisch-gesellschaftlichen Hintergründe ihrer Entstehungszeit. Auf der Pfaueninsel, auf der die Königin manch laue Sommernacht verbrachte, ist eine Ausstellung über die „Inselwelt der Königin“ eröffnet worden: Sechs zeitgenössische Künstler setzen sich mit dem Leben Luises und den landschaftlichen Besonderheiten der Insel auseinander. In Schloss Charlottenburg sind anlässlich des runden Todestages die königlichen Wohnräume renoviert worden. Bis Ende Mai läuft im Schloss die Ausstellung „Luise. Leben und Mythos der Königin“. In Paretz zieht man Ende Juli nach mit der Präsentation „Die Kleider der Königin“.
Doch so ganz scheint die „Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin Brandenburg“ der Zugkraft des Namens Luise doch nicht zu trauen. Wendig-trendig bewirbt sie die Ausstellungen mit Slogans wie „It Girl“ und „Working Mom“, fast so, als sollte im Jahr 2010 ein neuer Luise-Mythos geschaffen werden - der von der jungen, emanzipierten Frau, die Kinder und Karriere locker unter einen Hut bekommt - und dabei selbstverständlich auch noch gut aussieht.
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