Von Katrin Voss, 18.05.10, 08:36h, aktualisiert 18.05.10, 08:41h
Der Neumarkt ist Kölns Verkehrsknotenpunkt Nummer eins, mit einer Pkw-Dichte und Feinstaub-Messwerten, die landesweit ihresgleichen suchen. Vor unserem Wohnzimmerfenster wiegen drei mächtige Platanen grüne Laubäste im Wind. Zwei Eichhörnchen, ein dunkelbraunes und ein fuchsrotes, vergraben ihre Vorräte im Gartenbeet. Der Nachbar füttert sie mit Erdnüssen. Das Fledermauspärchen, das an lauen Abenden in den Hinterhöfen der Häuser nach Insekten jagt, hat sich letzte Woche wieder zurückgemeldet. Den bunten Eichelhäher, der vorgestern ein Meisen-Junges kidnappen wollte, haben wir mit dem Besen verscheucht.
Eine Schwadron afghanischer Halsbandsittiche fliegt am Abend manchmal Patrouille übers Viertel und macht Halt in den Wipfeln eines Birkenbaumes. Eine Zeit lang Schnabelknacken, dann krächzen die laubgrünen Papageien wieder zum Aufbruch. Neulich nachts, da hockte eine Eule auf dem Pflanzkübel und blinzelte mit großen runden Augen in die Dunkelheit. Der Mann im Haus nebenan, ein Hobby-Ornithologe, steht öfters auf dem Balkon zur Vogel-Safari mit dem Fernstecher. Die Thieboldsgasse ist ein Kleinod, ein urbanes Biotop, ein dörfliches Habitat für Stadtmenschen - ein Rückzugsgebiet von der lärmenden City.
In lächerlichen fünf Gehminuten schaffen es selbst Fußlahme von hier bis in die Schildergasse, wo aufs Jahr gerechnet angeblich fast 13 000 Menschen pro Stunde umherflanieren. Das ist mehr als die Oxford Street in London aushalten muss. Europas meistbesuchte Einkaufsmeile also - so nah und doch so fern. Besucher von auswärts nehmen das immer wieder ungläubig zur Kenntnis. Sonntags morgens weckt hier bestenfalls die geballte Kraft des Erzbistums. Die ungarische Pfarrgemeinde singt sich nebenan im Mindszenty-Ungarnhaus warm. St. Pantaleon läutet schon vor zehn, St. Aposteln stimmt ein, dann St. Mauritius, St. Peter ruft ab kurz nach zehn. Manchmal lauschen wir sogar den Domglocken, die zum Hochamt läuten, je nach Windrichtung.
Wer mit dem Auto in die Thieboldsgasse einbiegt, muss achtgeben, dass er einen Parkplatz findet und die gesuchte Hausnummer nicht verpasst. Sonst wird er nämlich einen neuen Anlauf nehmen müssen. Was bedeutet, einmal das gesamte Griechenmarktviertel umrunden und von vorne anfangen. Gehe zurück auf null. An ihrem nördlichen Ende, dort, wo sie sich vom Neumarkt aus einfädelt ins Veedel, hat die Thieboldsgasse noch grobes Kopfsteinpflaster. Das wirkt verkehrsberuhigend auf, sagen wir mal, sehr holprige Weise. Die Gasse als Teststrecke - moderne Pkw-Stoßdämpfer machen das mit, keine Frage. Fahrradklingeln schellen hektisch im Takt der unruhigen Bepflasterung. Da braucht es eine starke Hand, solide Mountainbike-Bereifung und einen stabilen Lenker. Auch da, wo keine Steine mehr die Fahrbahn pflastern, ist das Fortkommen eher zähflüssig. Kaum hat man Fahrt aufgenommen, ist da schon wieder ein Schlagloch, ein Lieferwagen in zweiter Reihe geparkt, die Einmündung einer Seitenstraße.
Die Thieboldsgasse ist eine langsame Straße. Und es ist genau dieses gemächliche Tempo, das ihr ganz gut steht. Sie hat schon eine Menge aushalten müssen. Die Geschichte hat viele Wunden geschlagen in dieses uralte Stück von Köln: ein Wohnviertel, das gezwungen war, sich immer wieder neu zu erfinden.
Heinrich Böll war das Nachkriegs-Köln fremd geworden. „Schlimm ist so eine Entwicklung wie die Nord-Süd-Fahrt, die ja praktisch ganze Viertel zu Friedhöfen gemacht hat“, sagte er einmal. Die Nord-Süd-Fahrt braust ganz nah an uns vorbei. Das Viertel ist dadurch vielleicht isolierter geworden, aber auch enger zusammengerückt. Tatsächlich floriert hier kölsche Sozialromantik. Es gibt: die Kneipe auf der Ecke. Montags die Straßenkehrer. Nachbarn, die man kennt. Ein Trinkgeld für die Müllabfuhr. Die Heimatadresse der Karnevalisten vom Reitercorps Jan von Werth und der Lyskircher Jonge. Und die „Deepejasser Kirmes“, so etwas wie der Jahreshöhepunkt für unsere Gasse. Früher haben die Leute einfach Tische und Stühle auf die Straße gestellt. Jetzt pilgern sie am Wochenende nach Fronleichnam zur Kirmes hinüber auf den Mauritiuskirchplatz, wo es Kölsch vom Fass, eine Bühne und Losbuden gibt. Bald werden wieder die bunten Kirmes-Fähnchen quer über die Gasse von einer Laterne zur anderen gespannt.
Nach dem Krieg war hier nichts mehr außer Schutt und Asche. Ein Bombardement in der Nacht zum 29. Juni 1943 setzte das ganze Viertel endgültig in Brand, und Hunderte starben in den Luftschutzkellern. Das Trümmerfeld hat lange gebraucht, um wiederaufzuerstehen. Bis 1962 stand da, wo heute unser Haus ist, noch kein Stein auf dem anderen.
Ein Arme-Leute-Viertel ist die Thieboldsgasse bis dahin gewesen. Ob es nun die Diebe waren, die sich hier herumgetrieben haben sollen oder doch nur der tiefe Lehmboden, der sie zu einer hohlen Gasse machte - der Name „Deepejass“ hat sich im Volksmund seit dem Mittelalter beharrlich gehalten. Ein Stadtteil für Migranten ist die „Rue Thibeault“, wie sie sich später feiner nannte, schon immer gewesen. Verarmte Sinti und Roma, jüdische Zuwanderer aus Osteuropa waren es zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, die sich hier niederließen - Vertriebene aus Polen, Russland oder Ungarn. Mit dem bisschen Geld, das sie bei sich hatten, eröffneten sie winzige Läden mit Trödel und Second-Hand-Artikeln.
Schräg gegenüber unseres Hauses balanciert der indische Gemüsehändler mit dem Sackkarren Kisten frischer Ingwerwurzeln und Chilischoten auf dicken Reissäcken den Bürgersteig entlang. Seit der Feinkostladen Rick und dessen Nachfolger nicht mehr sind, teilen sich zwei asiatische Lebensmittelgeschäfte das Frischkostmonopol auf der Gasse. Gleich nebenan kocht Lakshmi scharfe Currys aus Sri Lanka, die sie ihren Gästen lächelnd an die Tische mit den geblümten Wachstischdecken bringt. „Die Lage ist ist bestenfalls 1b“, hat der Makler abgewunken, als wir hierhergezogen sind. Eine Cocktailbar, die einmal hier eröffnete, war nach drei Monaten wieder geschlossen.
Nur einen Steinwurf entfernt auf der Ecke Bayardsgasse gibt es ein Visum nach Indien. Das Büro der „Indo German Consultancy Services“ ist offizieller Dienstleister des indischen Generalkonsulats in Frankfurt und Anlaufstelle für alle Reisenden aus Köln und NRW, die für den Subkontinent ein Touristenvisum brauchen. Ein paar Häuser weiter schwitzt die deutsche Kundschaft beim Yoga-Training. Drüben in der Fleischmengergasse reihen sich die Asien-Shops dicht aneinander. Wir sind mittendrin im indischen Viertel.
Serge Willms, der Kultfriseur von Nummer 71, stellt Bistro-Tisch und Stühle vor das Schaufenster seines Salons, sobald am Mittag die Sonne warm in die Gasse lugt und das Quecksilber auf dem Thermometer die 20-Grad-Marke überschreitet. Seit 30 Jahren rettet der „Haartherapeut“ den Leuten die Frisur. Serge ist Chef eines John-Lennon-Fanclubs, die Musikbox im Laden läuft den ganzen Tag, und manchmal gibt es nach dem Haareschneiden auch noch eine Session am Klavier. Dann ist er „Maître Sardou“, und seine Band sind „The Bluesbarbers“. Sie spielen Blues und Soul auf Kölsch - neulich kam sogar das Lokalfernsehen dazu. Wenn es laut zu werden droht, heftet Serge Infozettel an die benachbarten Hauswände und lädt auf ein Bier ein. „Mit dem Blues“, sagt der Meister, „ist es wie mit einem Kuss: Er berührt deine Seele.“ Man nickt, zahlt und geht hinüber nach Hause. Draußen blickt man durch die Gasse, die Musik noch im Ohr, und sagt ja.
Eingriff in die Natur
18.05.2010 | 14.03 Uhr | ing.lambertz
Den bunten Eichelhäher, der vorgestern ein Meisen-Junges kidnappen wollte, haben wir mit dem Besen verscheucht.
Was sagt denn der…
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