Von Stefan Kunze und Matthias Niewels, 18.05.10, 17:54h, aktualisiert 19.05.10, 09:20h
Die Spurensuche beginnt im Oberbergischen. Ulrike K. (alle Namen von der Redaktion geändert) sitzt in einem düsteren Wohnzimmer. Auf dem Tisch liegen Medikamente, viele Medikamente. Vor über 40 Jahren war sie Heimkind im „Haus Moitzfeld“. Direkt nach der Geburt sei sie von ihrer Mutter getrennt worden. Mit vier Jahren kam sie ins Kinderheim nach Moitzfeld. Sie hat ihre Mutter nie gesehen. „Ich war allein, schrecklich allein.“ Sie berichtet, wie sie Tag für Tag in ihre Rolle im „Haus Moitzfeld“ hineinwächst - hineingepresst wird. Als kleines Kind wird sie geschlagen, als heranwachsendes Mädchen vergewaltigt.
Ulrike K. ist aber gar nicht so sicher, ob das Wort „Vergewaltigung“ wirklich das richtige Wort ist. „Ich habe doch gelernt, mich nie zu wehren. Also habe ich mich auch nicht gewehrt, als die Jungs kamen.“ Von den Erziehern habe es keinen Schutz gegeben, sondern Schläge. Mit dem Lineal, mit der flachen Hand, mit der Faust. „Ich habe alles getan, nur um nicht geschlagen zu werden.“ Das ist es, was sie im Heim „Haus Moitzfeld“ gelernt hat: Angst vor Schlägen, Angst davor, im dunklen Keller eingesperrt zu werden. Ulrike K. hat sich nie gewehrt. „An wen hätte ich mich wenden sollen?“ Sie wollte nur weg - sie will nur noch weg. Aus dem Heim ist sie ausgerissen, zwei Mal hat sie nach der Heimzeit versucht, sich das Leben zu nehmen. Durch den Bericht im „Kölner Stadt-Anzeiger“ über das benachbarte Knabenheim sei alles wieder hochgekommen. Einige Jungen von dort sind für sie keine Opfer, sondern Täter. „Auch für die war ich Freiwild.“
Verantwortlich für das Kinderheim war in den 60er und den frühen 70er Jahren Schwester Ute, eine Diakonissin. Sie ist inzwischen gestorben und kann nicht mehr erzählen, geradestellen oder sich entschuldigen. Marianne H. war Erzieherin. An sie hat Ulrike K. besonders schlimme Erinnerungen. Sie sei von Marianne H. „zur Bestrafung“ aus dem Waschraum geholt und nackt vor die Jungengruppe gestellt worden. Marianne H. lebt heute in Süddeutschland. Sie bietet psychologische Betreuung bei der Trauerbegleitung an. Zielgruppe sind Eltern, die ihr Kind verloren haben.
„An Moitzfeld kann ich mich kaum noch erinnern“, sagt sie. Dafür immer wieder: „Ich habe vielen Kinder geholfen.“ Auch Ulrike K.? Nein, Ulrike K. nicht. Die habe sie nicht betreut. Wenn, dann doch nur in Vertretung. Von Misshandlungen und Vergewaltigungen will sie nichts wissen. Und die Geschichte mit dem nackten Kind im Jungenraum? „Nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass ich so etwas getan habe.“ Aber Selbstzweifel gibt es auch: „Ich war sicherlich kein Engel. Damals.“ Und über ihre damaligen Kolleginnen und deren Erziehungsmethoden will sie „lieber nicht“ reden.
Der ehemalige Leiter des Knabenheims Peter M. will reden - zumindest ein wenig. Peter M. ist nicht direkt zu erreichen. Nur über eine Mittelsfrau ist ein telefonischer Kontakt möglich. „Es gab Anfang der 70er Jahre einen erbitterten Streit zwischen den jungen, studierten Erziehern und den altgedienten.“ Peter M. lässt keinen Zweifel daran, dass „körperliche Ertüchtigung“ zum Standard in allen Heimen gehört habe. Von Erziehern angeordnete Gruppenkeile inklusive. „So etwas gab es im Knabenheim und auch im Kinderheim nebenan.“ Er habe „gehört“, dass Mädchen „hart sanktioniert“ wurden für „gewisse Kontakte“ mit Jungen aus seinem Knabenheim. Heimkinder berichten von einer Holzhütte im Wald, wo man sich traf. Peter M. ist sicher, dass dort „einiges lief“. Auch Vergewaltigungen und körperliche Misshandlungen? „Ich weiß es nicht, kann es aber nicht ausschließen.“ Schließlich seien das ja Jugendliche von „besonderem Kaliber“ gewesen. Ulrike K. wird konkreter: Sie sei dort von mehreren Jungen vergewaltigt worden.
Marta und Hanna F. sind Geschwister und lebten bis zum Ende der 60er Jahre in dem Kinderheim Moitzfeld. Hanna F. bekommt heute noch eine Gänsehaut, wenn sie das Geräusch von einem über den Boden rauschenden Umhang hört. Hanna F. nickt. So einen Umhang trug Schwester Ute. In ihrem Büro strafte sie mit dem langen Holzlineal. Für Nichtigkeiten, wie das heimliche Naschen an Stachelbeeren, die für Marmelade vorgesehen waren. Die Geschwister wurden nicht im Kinderheim vergewaltigt - aber in der eigenen Familie bei Wochenendaufenthalten. Das kam heraus, weil andere Kinder der Familie davon berichteten. Marta und Hanna F. mussten detailliert vor Gericht aussagen. „Im Heim wurde das totgeschwiegen. Niemand hat sich um uns gekümmert.“
Trotz all der Trostlosigkeit und emotionalen Kälte erinnern sich die Geschwisterkinder auch an schöne Momente. Weihnachtsfeiern, Wanderungen oder das abendliche Gitarrenspiel gehören dazu. Sie sagen, das Kinderheim in Moitzfeld sei nicht durchweg ein Horrorort gewesen. Nicht immer und nicht für alle.
Bei der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe ist Elmar Knipp Ansprechpartner für Missbrauchsopfer. Er betreut landesweit die Opfer in den Einrichtungen der Diakonie. Knipp spricht von „etwa 20“ Fällen. Bergisch Gladbach mit seinen zwei Einrichtungen, in denen ehemalige Heimkinder von Misshandlungen und Vergewaltigungen sprechen, hat für ihn keine herausragende Position. „Es gibt Hinweise aus vielen Einrichtungen, landesweit.“ Immer gehe es um „Machtstrukturen“. Vereinzelte Kinder, ohne Hilfe im Heim etwa durch Geschwister und ohne Hilfe durch Verwandte außerhalb des Heimes, seien die bevorzugten Opfer in dieser Hierarchie gewesen. Ulrike K. sagt: „Ich konnte mit niemandem sprechen und wollte auch nicht. Es hätte mir doch niemand geglaubt.“ Für Knipp sind solche Sätze auch eine Erklärung, warum die Geheimhaltung funktionierte. Faktisch wurde Ulrike K. zum Komplizen bei der Vertuschung der Misshandlungen, bei denen sie das Opfer war.
Tanja P. ist die Tochter der ehemaligen Putzfrau im Kinderheim. Ihre Mutter - sie starb vor zehn Jahren - nahm sie oft mit ins Heim. Während die Mutter putzte, spielte sie mit den anderen Kindern. Sie kann sich nicht vorstellen, dass es Misshandlungen und Vergewaltigungen gegeben hat. „Also, in meiner Erinnerung war das eine schöne Atmosphäre, mit all' den vielen Kindern.“ Aber natürlich sei das Heim auch eine „geschlossene Welt“ gewesen.
Für die Geschwisterkinder Marta und Hanna F. war das Heim tatsächlich eine Welt für sich. Beide haben mit Psychotherapien versucht, ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Ihr Bruder, ebenfalls ein Heimkind in Moitzfeld, starb mit 42 Jahren an Herzversagen. Er habe die Zeit im Heim nie verarbeitet, nie ein geordnetes Leben geführt. Ulrike K. hat alle Therapien abgebrochen.
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