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Ausstellung

Die Flamme lodert für den Comic

Von Christian Bos, 19.05.10, 22:08h, aktualisiert 19.05.10, 22:19h

Die Ausstellung „Helden, Freaks und Superrabbis“ im Jüdischen Museum Berlin beschäftigt sich eindrucksvoll mit der „jüdischen Farbe der Comics“ - und führt den wichtigsten Impulsgeber der amerikanischen Comic-Kultur vor.

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„Mad“-Ikone Alfred E. Neumann als „Adolph Hitler“. (Bild: Jüdisches Museum Berlin)
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„Mad“-Ikone Alfred E. Neumann als „Adolph Hitler“. (Bild: Jüdisches Museum Berlin)
„Was wäre wenn, Superman von jüdischen Eltern aufgezogen worden wäre?“ fragt das „Mad“-Magazin in einer Ausgabe aus dem Jahr 1994. Zur Antwort zeigt es den „ikonischsten“ aller Comic-Helden im Gebetsmantel, den schwarzen Haarschopf von einer Kippa bedeckt. Der Rabbi scheitert in der „Mad“-Parodie an der Beschneidung des Unverwundbaren, dafür erfüllt Superman seine Mutter mit Stolz, als er seinen Röntgen-Blick dazu benutzt, den angesehenen Beruf des Radiologen zu ergreifen.

„Superduperman“

Seit den frühen 50er Jahren verbindet „Mad“ erfolgreich pubertären mit jüdischem Humor, der allzu ernsthafte Superman wurde hier schon in der vierten Ausgabe als „Superduperman“ verspottet. Doch der wahre Witz an der Sache liegt im Irrealis: Denn Jerry Siegel, Supermans geistiger Vater, war ja ein Sohn jüdischer Einwanderer. Mit der übermächtigen Comic-Figur hatte sich Siegel seinen Golem erschaffen. Doch den künstlichen, aus Lehm geformten Beschützer der jüdischen Legende überhöhte Siegel zum Messias - nicht aus Zufall ähnelt Supermans kryptonischer Name, Kal-El, dem hebräischen Wort für „Stimme Gottes“. Schutzbedürftig fühlte sich der schüchterne Science-Fiction-Fan bestimmt. Als er 17 Jahre alt war, starb sein Vater an den Folgen eines Raubüberfalls.

Mit der „jüdischen Farbe der Comics“ beschäftigt sich jetzt eine Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin unter dem Titel „Helden, Freaks und Superrabbis“. Sie führt überzeugend vor, was unter Comic-Experten längst Konsens ist: Die nach Übersee verfrachtete Schtetl-Kultur war nicht einer von vielen, sondern der wichtigste Impulsgeber der amerikanischen Comic-Kultur.

Für die Anfangsjahre der Kunstform am Ende des 19. Jahrhunderts kann man das allerdings noch nicht behaupten. Weder Richard F. Outcaults „Yellow Kid“ noch Rudolph Dirks „Katzenjammer Kids“ - die Pionierleistungen des Genres - sind jüdische Schöpfungen. Und Dirks' Vorbild Wilhelm Busch muss man, denkt man an einige Verse aus „Die fromme Helene“ sowie „Plisch und Plum“, wohl als Antisemiten bezeichnen. Aber schon bald brachten die humorigen Zeitungsstrips mit Milt Gross und Rube Goldberg ihre ersten jüdischen Meister hervor.

In den 30er und 40er Jahren erschienen dann zwei der langlebigsten und einflussreichsten Serien unter jüdischer Autorenschaft: Al Capps „Li'l Abner“ und Will Eisners „The Spirit“. Für seinen satirischen Strip erfand Capp unter anderem die Fabelfigur des „Shmoo“. Der sieht aus wie ein plumper Kegel, reproduziert sich asexuell und in Massen, schmeckt vorzüglich und freut sich noch, wenn man ihn verspeist. Zudem sind Shmoos derart unterhaltsam, dass sie ihren Besitzern Fernsehen und Kino ersetzen. Wenn ein Shmoo in „Li'l Abner“ auftaucht, zerstört er den Warenkreislauf.

Noch vor dem amerikanischen Eintritt in den Zweiten Weltkrieg hatten Comic-Helden die Attacke gegen die Nazis eröffnet. Eisner hatte für „The Spirit“ im Juni 1941 eine Geschichte verfasst, in der Hitler nach Amerika reist, hier wegen seiner Rassentheorien von jedermann verachtet wird, bis ihn schließlich der Spirit ausgerechnet mit einem Machiavelli-Zitat von seinem Irrweg abbringt. Eisners Pointe: Hitler kehrt als gebrochener Mann ins Deutsche Reich zurück, wird von seinen Schergen erschossen und durch ein Double ersetzt. Es geht auch einfacher: Jack Kirbys patriotisch gewandeter Captain America versetzte Adolf Hitler schon im Dezember 1940, ein Jahr vor Pearl Harbour, den ersten Kinnhaken.

Nach dem Krieg, als Kirby zusammen mit Stan Lee für Marvel Comics einige der beständigsten Comic-Helden schuf, verzichtete er - anders als Jerry Siegel beim Konkurrenten DC-Comics - auf eine Überhöhung seiner Golems. Der Unglaubliche Hulk und Das Ding sind ganz im Sinne der Schtetl-Legende mächtige Beschützer, die unvermittelt zur unberechenbaren Gefahr werden können. Eine kaum im Zaum zu haltende Wut wohnt auch Kirbys energetischem Zeichenstil inne. Seine heroischen Monster sind Selbstporträts.

Gegen Ende der 60er Jahre richtet sich der Blick der jüdischen Comicautoren ins Innere, die wichtigen Impulse kommen jetzt aus dem Underground. Harvey Pekar trotzt seinem unspektakulärem Leben erschütternde Einsichten ab, wenn er nicht nach guter jiddischer Tradition „kvetcht“, also sich über Gott und die Welt beschwert.

Neue Kunstform

Art Spiegelman schließlich gelingt der Durchbruch in den Mainstream, als er die Erlebnisse seines Vaters in Auschwitz als Parabel mit Mäusen, Katzen und Schweinen zeichnet. „Maus“ dürfte der erste Comic gewesen sein, der auch von Unkundigen als ernste Kunst akzeptiert wurde. Zuvor hatte der bereits erwähnte Will Eisner die „Graphic Novel“ als neue Kunstform vorgestellt - mit Geschichten aus dem jüdischen Getto.

Ein in seinen letzten Lebensjahren entstandenes Blatt, eröffnet die Berliner Ausstellung. Will Eisner hat seinen Spirit auf den Sockel der Freiheitsstatue gestellt. Stolz grüßt der die auf Ellis Island ankommenden Einwanderer mit der emporgereckten Fackel der Freiheit. Doch an Stelle der kupfernen Tafel mit der Unabhängigkeitserklärung hält er eine Zeitungsseite mit Comic-Strips in seinem Arm. Comics begannen als Esperanto der Entwurzelten, wurden von schmalbrüstigen jüdischen Jungs als Traum-Medium entdeckt und liefern heute die Vorlage für unser aller Hollywood-Träume.



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