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Schock in der Politik

Mit Tränen in den Augen

Von Markus Decker und Stefan Sauer, 31.05.10, 23:52h, aktualisiert 01.06.10, 10:38h

Es ist eine Explosion. Auch für Köhler selbst. Das Gesicht des 67-Jährigen wirkt wie aus Wachs, als er um kurz nach 14 Uhr im Schloss Bellevue ans Mikrofon tritt. Wenig später beginenn die Nachfolge-Spekulationen.

Horst Köhler
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Bundespräsident Köhler und seine Frau Eva Luise bei der Rücktrittserklärung. (Bild: dpa)
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Bundespräsident Köhler und seine Frau Eva Luise bei der Rücktrittserklärung. (Bild: dpa)
BERLIN - Als das Bundespräsidialamt am Montagmittag um 12.31 Uhr per Agentur-Meldung zu einem Pressestatement des Staatsoberhaupts einlädt, wird in Berlin noch abgewiegelt. „Rücktritt?“, raunen sich die Journalisten im Foyer des Berliner Konrad-Adenauer-Hauses scherzhaft zu, um den Gedanken sogleich zu verwerfen. Kann nicht sein. Da ist es gegen 13.30 Uhr. Und niemand der anwesenden Journalisten macht sich die Mühe, von der Pressekonferenz mit CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe mal rüberzufahren ins Schloss Bellevue, das nur 500 Meter entfernt liegt. Als um exakt 14.03 Uhr die erste Eilmeldung über die Ticker läuft - „Köhler erklärt Rücktritt“ - ist die Sensation perfekt. Es ist eine Explosion. Auch für Köhler selbst.

Das Gesicht des 67-Jährigen wirkt wie aus Wachs, als er um kurz nach 14 Uhr im Schloss Bellevue ans Mikrofon tritt. Er spricht von der Kritik, die seine Äußerungen zum Militär-Einsatz in Afghanistan neun Tage zuvor ausgelöst hätten; er bedaure, dass sie zu Missverständnissen habe führen können. Köhler liest seine kurzen Sätze mit Tränen in den Augen von Sprechzetteln ab, nur diesen einen nicht: „Ich erkläre hiermit meinen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten - mit sofortiger Wirkung.“ Keine drei Minuten dauert der Auftritt.

Die Wirkung hingegen ist immens. Kanzlerin Angela Merkel sagt ihr Abendessen bei der Fußballnationalmannschaft ab. Unionsfraktionschef Volker Kauder bricht seine dreitägige Türkei-Reise ab, zu der er morgens erst aufgebrochen war. „Wir haben auch von nichts gewusst - wie alle“, sagt sein Sprecher. CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich geht es ähnlich. Er kommt heute von einer Rom-Reise zurück. Vorzeitig.

In ersten Stellungnahmen überwiegen überwiegen Unverständnis und Verärgerung. SPD-Innenexperte Sebastian Edathy urteilt: „Köhlers Verhalten weckt Zweifel an seinem Amtsverständnis. Die Erwartung, man habe bei hinterfragbaren öffentlichen Äußerungen des Bundespräsidenten entweder zuzustimmen oder zu schweigen, ist mit allgemeinen demokratischen Grundsätzen nicht in Übereinstimmung zu bringen.“ Der Schritt weise „auf eine persönliche Überforderung hin“. Die Köhler zweimal unterlegene Präsidentschafts-Kandidatin der SPD, Gesine Schwan, will nichts sagen. Sie sei „mit der Verarbeitung“ des Geschehens befasst, teilt ein Vertrauter mit.

Für die schwarz-gelbe Koalition verkompliziert sich die politisch ohnehin höchst undurchsichtige Lage weiter. Auf dem vorläufigen Höhepunkt der Finanzkrise, eine Woche vor dem Spargipfel im Kanzleramt und vor dem Hintergrund einer ungeklärten Machtfrage in NRW muss das Bündnis ein neues Staatsoberhaupt aus dem Hut zaubern. Zwar verfügen Union und FDP in der ausschlaggebenden Bundesversammlung nach wie vor über die Mehrheit. Doch wer solls machen? Finanzminister Wolfgang Schäuble? Würde von den Liberalen wegen seiner ständigen Querschüsse in der Steuerfrage kaum akzeptiert. NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers? Kann aus Düsseldorf derzeit nicht weg. Bleiben von den aktuell genannten Kandidaten bloß Bundestagspräsident Norbert Lammert oder Bildungsministerin Annette Schavan übrig. Letztere wurde 2004 schon einmal gehandelt.

Ein Mann namens Horst Köhler hat mit all dem überhaupt nichts mehr zu tun. „Ich danke den vielen Menschen in Deutschland, die mir Vertrauen entgegengebracht und meine Arbeit unterstützt haben“, sagt der einsame Mann in Berlin. „Es war mir eine Ehre, Deutschland als Bundespräsident zu dienen.“



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