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Gaza-Konflikt

„Der Angriff war politisch kalkuliert“

Erstellt 02.06.10, 14:43h, aktualisiert 10.07.10, 22:45h

Matthias Jochheim war an Bord des Gaza-Hilfskonvois, der von den Israelis angegriffen wurde. Im Interview mit ksta.de erzählt der Frankfurter Mediziner vom Kampf um die Kontrolle des Decks, über Provokation und Hamas-Sympathisanten.

Israel
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Ein Elitekommando der israelischen Armee enterte eine Gaza-Flottille. (Bild: dpa)
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Ein Elitekommando der israelischen Armee enterte eine Gaza-Flottille. (Bild: dpa)
Matthias Jochheim
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Matthias Jochheim. (Bild: Ärzteorganisation IPPNW)
Matthias Jochheim
ksta.de: Herr Jochheim, das blutige Ende Ihrer Hilfsaktion für Gaza hat einen internationalen Konflikt heraufbeschworen. Der türkische Regierungschef Erdogan hat Israel mit markigen Worten kritisiert und den Angriff auf den Hilfstransport als "Massaker" bezeichnet. Sehen Sie das ähnlich?

MATTHIAS JOCHHEIM: Es ist eine Tragödie. Nach unseren Informationen sind 15 Menschen getötet worden, allesamt Mitglieder unserer Aktion. Soweit ich weiß, sind alle Opfer Türken. Dass Erdogan so drastisch reagiert, ist nachvollziehbar. Die Mavi Marmara fuhr unter türkischer Flagge in internationalen Gewässern. Der Angriff der Israelis war illegal und erst recht unverhältnismäßig.

Was ist in der Nacht von Sonntag auf Montag an Bord der Mavi Marmara genau passiert?

JOCHHEIM: Ich war in dieser Nacht als Beobachter an Deck eingeteilt. Bis vier Uhr war alles ruhig, dann kam meine Ablöse. Ich ging zwei Stockwerke tiefer, um mich schlafen zu legen. Gegen halb fünf habe ich laute Schreie gehört, kurz darauf brachten andere Aktivisten die ersten Toten und Verletzten zu uns. Sie hatten tiefe Fleischwunden, die von scharfer Munition stammten. Alles war sehr hektisch.

Wie haben sich die Soldaten verhalten?

JOCHHEIM: Äußerst aggressiv. Viele von ihnen waren maskiert, man konnte nur Augen und Münder sehen. Und sie waren mit Gewehren und Blendschockgranaten bewaffnet, die sie auch einsetzten. Dann begann ein Kampf um die Kontrolle des Decks, der ungefähr eine halbe Stunde dauerte. Anschließend mussten wir uns hinknien, wurden mit Kabelbindern gefesselt und mit Gewehren im Anschlag bedroht. Das Schiff wurde in den Hafen von Ashdod verbracht. Gepäck und Handys wurden beschlagnahmt, wir wurden verhört. Ein paar Stunden später wurde ich mit dem Rest der deutschen Delegation ausgewiesen. Viele andere sitzen noch im Internierungslager.

Nach Angaben der Israelis hat die Besatzung massive Gegenwehr geleistet.

JOCHHEIM: Es mögen sich einige wohl mit Holzknüppeln verteidigt haben. In dieser Situation halte ich das durchaus für legitim, auch wenn wir Gewalt generell kategorisch ablehnen. Von anderen Waffen an Bord habe ich keine Kenntnis.

Israel beruft sich bei der Aktion auf den Selbstschutz.

JOCHHEIM: Das ist natürlich ein Argument, das gerne vorgeschoben wird. Unsere Flottille bestand aus sechs Schiffen, auf denen sich rund 700 Menschen aus unterschiedlichen internationalen Organisationen befunden haben. Unsere drei Frachter hatten vor allem Fertighäuser, Baumaterial und Medikamente geladen. Im Vorfeld haben wir uns getroffen und die Aktion geplant. Uns einte das Prinzip der Gewaltfreiheit und das Ziel, humanitäre Hilfe für Gaza zu leisten. Solche Aktionen wie die unsrige hatten sich in der Vergangenheit gehäuft. Es gab inzwischen so etwas wie eine Regelmäßigkeit. Das wollten die Israelis nicht weiter dulden. Der Angriff geschah aus politischem Kalkül, man wollte weitere Protestaktionen mit aller Härte im Keim ersticken.

Eine der Organisationen ist die IHH, die auch die Mavi Marmara gechartert hatte. Ihr werden fundamentalislamische Strömungen nachgesagt.

JOCHHEIM: Die IHH ist eine Art Rotes Kreuz der Türkei. Sie verfolgt karitative Zwecke. Und sie vertritt die Linie eines politischen Islam. Bei den Vorbereitungstreffen hatten wir keinen Zweifel an der pazifistischen Gesinnung. Aber man kann natürlich nie wissen, ob sich darunter auch ideologisch Verbrämte oder Hamas-Sympathisanten befinden. Aber ich kann versichern, dass die Hamas keinen Einfluss auf unsere Aktion hatte.

Das sehen die Israelis offenbar anders.

JOCHHEIM: Eine vage Vermutung rechtfertigt aber nicht einen solchen Angriff. Israel bezeichnet die Küste vor Gaza als Hoheitsgewässer. Schon allein diese Tatsache verstößt gegen internationales Recht, denn nach israelischem Verständnis ist Gaza nicht besetzt. Die Grenze auf See haben sie völlig willkürlich auf 67 Kilometer festgelegt. Bis dorthin darf sich kein Schiff nähern. Doch selbst diese Grenze haben wir nicht überschritten, da unser Flottenverband zum Zeitpunkt des Angriffs zwischen 70 und 100 Kilometer von der Küste entfernt war.

Israel soll ihren Hilfskonvoi vor einer Fahrt nach Gaza gewarnt haben, warum haben Sie sich dennoch auf dieses Risiko eingelassen?

JOCHHEIM: Die Regierung Israels hat zuvor über die Medien mitgeteilt, dass sie uns niemals passieren lassen würde. Und sie haben gesagt, dass sie in Ashdod bereits ein Internierungslager eingerichtet haben. Uns war schon klar, dass wir nicht ungehindert in den Hafen von Gaza-Stadt einlaufen können. Doch der Sinn unserer Aktion lag doch darin, die internationale Gemeinschaft auf das Unrecht, das der palästinensischen Zivilgesellschaft geschieht, aufmerksam zu machen. Wir kämpfen für freie Zugangswege und wollten ein Zeichen setzen. Im Nachhinein betrachtet war das Opfer natürlich zu groß.

Das Gespräch führte Christian Parth

Zur Person: Matthias Jochheim, 61, ist stellvertretender Vorsitzender der deutschen Abteilung der Ärzteorganisation IPPNW (International Physicians for the Prevention of Nuclear War) mit Sitz in Berlin. Er arbeitet als ärztlicher Psychotherapeut in Frankfurt am Main.



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