Von Kerstin Meier, 04.06.10, 20:06h, aktualisiert 04.06.10, 23:55h
Der Hochhauskomplex war in den 1970ern mal topmodern, auf dem Dach gibt es sogar Saunen und ein Schwimmbad, in dem Oliver Hasse fast jeden Tag ein paar Runden dreht. Doch inzwischen ist der Klotz in die Jahre gekommen und mit ihm seine Bewohner. Hier lebt nur, wer sich nichts anderes leisten kann. Und jetzt eben auch Oliver Hasse. Ein Jahr lang soll er schreiben, „irgendwas, völlig egal“, sagt er. Im Moment hat er sich darauf verlegt, Menschen zu skizzieren, denen er im Aufzug begegnet. Am Ende des Jahres soll dann ein Buch mit den Beiträgen aller „2-3 Straßen“-Teilnehmer erscheinen. Ansonsten komponiert Oliver neue Songs, macht Straßenmusik. Und Mülheim? Wie gefällt es ihm hier? Schulterzucken. „Naja, sone Kleinstadt halt“.
Pläne für “Ruhr-Venedig“
Zwar ist Mülheim wirklich überschaubar, doch die Stadt nennt sich mit 170.000 Einwohnern offiziell „Großstadt“. Und offensichtlich vertritt sie diesen Anspruch auf Urbanität auch mit Nachdruck - anders ist zumindest der überkandidelte Name „Ruhrbania“ nicht zu erklären. So soll ein komplett neues Areal mit modernen Wohnungen, Büros, Läden und einer Promenade heißen, das gerade direkt an der Ruhr entsteht. Glaubt man den Werbebroschüren, soll sich die Großbaustelle in Zukunft in eine Art „Ruhr-Venedig“ verwandeln. „Das kostet Milliarden und keiner will es!“, schimpft eine 60-jährige Mülheimerin. Die Dame gibt uns auch noch eine Warnung mit auf den Weg: „Außerhalb gibt es ein paar schöne Dörfer und Stadtteile. Aber in die Mülheimer Innenstadt zu kommen - dafür braucht man Mut!“
Tatsächlich ist die Mülheimer Innenstadt von Venedig so weit entfernt wie Paderborn von Paris. Ein Spaziergang durch die Fußgängerzone ist eine Lehrstunde in Sachen Bausünden. Er findet seinen Abschluss auf einem Platz vor einem riesigen Betonbrunnen, der seine Tristesse unter viel blauer, roter und gelber Farbe zu verbergen versucht. Davor steht, seltsam deplatziert, ein schönes altes Postamt. Heute beherbergt das Gebäude das Mülheimer Kunstmuseum. Wo früher Briefmarken verkauft wurden und Telefonzellen standen, sitzen gerade ein paar ältere Damen zusammen. Einmal im Monat trifft man sich zu „Kunst und Kaffee“, heute stand ein Rundgang durch die Chagall-Ausstellung auf dem Programm. Chagalls Grafik-Zyklus „Daphnis und Cloé“ ist im Besitz des Mülheimer Museums, genauso wie Werke von Emil Nolde, Max Beckmann und Alexej von Jawlensky.
Außer den Chagall-Grafiken sind im Moment allerdings nur Farbeimer und Leitern zu sehen - Mitte Juni soll eine große Sammlungsausstellung eröffnen. Eine Schau, die Beate Reese zu organisieren begonnen hat, als sie die Leitung des Museums im vergangenen Sommer übernahm. Damals konnte sie nicht ahnen, dass die Ausstellung nun eine Art trotzige Aktualität hat, ein Ausrufezeichen hinter die Leistung des Mülheimer Museums setzt: Seht her, was das Museum alles zu bieten hat, seht her, was alles auf dem Spiel steht! Denn dem Museum droht die Schließung. Bis zum Jahr 2013 will die Stadt drei Millionen Euro im Kulturetat streichen. Und dazu gehören neben Geldern für die Volkshochschule, die Stadtbibliothek und die Musikschule auch die Mittel für das Kunstmuseum. Beate Reese bemüht sich um Zuversicht. Die endgültige Entscheidung über die Sparpläne sind gerade auf den Oktober vertagt worden. Ihre Wut und ihre Enttäuschung kann sie trotzdem nur schwer verbergen. Das Mülheimer Museum gibt es seit mehr als hundert Jahren. Für Beate Reese ist es ein Ort, den die Stadt braucht. Weil er Antworten anbietet auf die Fragen, die sich den Menschen im Ruhrgebiet stellen: „Wo bin ich eigentlich zu Hause? Wie verankere ich mich selbst in einer Region, die versucht, ihr Gesicht zu verändern?“
Bürger gegen Sparpläne
Mehr als 12.000 Mülheimer Bürger haben inzwischen schon für den Erhalt des Museums unterschrieben. „Das hat mich positiv überrascht, dass so viel Engagement aus der Bürgerschaft kommt“, sagt Udo Balzer-Reher. Vergnügt schaut der Festivalleiter der Mülheimer Theatertage durch die Gläser seiner roten Hornbrille. „Wir haben eine gute Verteidigungslinie“, hofft er: „Die Stadt weiß, was sie an dem Festival hat.“ Neben dem Berliner Theatertreffen sind die Mülheimer Theatertage der wichtigste Termin für das deutschsprachige Schauspiel.
Ohnehin ist das Theaterangebot der Stadt grandios. Es gibt das renommierte „Theater an der Ruhr“, den „Ringlokschuppen“ für die freie Szene und - im Zusammenspiel mit Essen - das internationale Festival „Theater der Welt“, das am 30. Juni beginnt. Ganz klar: Mülheim hat sich für einen kulturellen Schwerpunkt entschieden. Ein Profil, auf das die Stadt stolz sein kann - wenn sie darüber die Kunst nicht ganz vergisst.
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