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Bundespräsident

Verblüfft von so viel Sympathie für Gauck

Von Holger Schmale, 07.06.10, 01:26h, aktualisiert 26.06.10, 16:28h

Zwischen Verblüffung und Empörung rangierten am Sonntag die Reaktionen in den Führungen von Union und FDP auf die Welle der Sympathie, die für den von SPD und Grünen aufgestellten Bürgerrechtler Gauck durch die Republik rauscht.

Wulff und Gauck
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Chrstian Wulff (links) und der Gegenkandidat von SPD und Grünen: Joachim Gauck. (Bild: dpa)
Wulff und Gauck
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Chrstian Wulff (links) und der Gegenkandidat von SPD und Grünen: Joachim Gauck. (Bild: dpa)
BERLIN - Eigentlich wollte die Koalition mit der rasanten Nominierung von Christian Wulff für die Wahl zum Bundespräsidenten wenigstens dieses Thema schnell abhaken. Doch das Gegenteil ist der Fall, wobei das weniger an Wulff als an seinem Gegenkandidaten Joachim Gauck liegt. Zwischen Verblüffung und Empörung rangierten am Sonntag die Reaktionen in den Führungen von Union und FDP auf die Welle der Sympathie, die für den von SPD und Grünen aufgestellten Bürgerrechtler durch die Republik rauscht.

Es sind vor allem die konservativen, auflagenstarken Medien aus dem Springer-Verlag - sonst eher zuverlässige Unterstützer Angela Merkels - die der Koalitionsführung Sorgen machen. Einhellig präsentierten sie gestern Gauck auf ihren Titelseiten als den geeigneteren Bewerber für das höchste Amt im Staate. Da auch der Spiegel sein aktuelles Heft mit Gauck und der definitiven Zeile „Der bessere Präsident“ aufmacht, vermuten sie in der Union schon eine Art Verschwörung.

„Ich bin beeindruckt, das ist gekonnt“, sagt ein Spitzenmann der CDU / CSU-Fraktion. Dort lautet nun erst einmal die Parole: Ruhe bewahren. Vor allem sorgen die Parteistrategen dafür, dass es keine weiteren Äußerungen aus den eigenen, meist östlichen hinteren Reihen gibt, die Zweifel an Wulff und Sympathien für Gauck bekunden. „Diese Welle wird auch wieder abschwellen“, sagt einer aus der Regierung, und außerdem schweiße so eine Kampagne die eigenen Reihen erst recht zusammen.

Ein wenig klingt das nach Selbstberuhigung. Denn es ist offenkundig, dass Angela Merkel und ihre Berater die Attraktivität und Dynamik, die in der Kandidatur des nach eigner Beschreibung linken liberalen konservativen Gauck liegt, unterschätzt haben. Zu sehr waren sie damit beschäftigt, die nach dem überfallartigen Rücktritt Horst Köhlers entstandene Lage so schnell wie möglich unter parteipolitische Kontrolle zu bringen.

Schon am Montag sei für Merkel klar gewesen, dass der neue Präsident kein Seiteneinsteiger sein dürfe, sondern ein erfahrener Politiker sein müsse. „Damit war der Blick auf Gauck verstellt“, sagt einer aus ihrer Umgebung. Im Übrigen aber sei das Merkel am Mittwoch vom SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel vertraulich übermittelte Angebot, Gauck als gemeinsamen Kandidaten mit Rot-Grün zu präsentieren, selbstverständlich vergiftet gewesen. SPD und Grüne hätten immer die Urheberschaft beansprucht und Merkel als die Passive dargestellt, „das konnten wir nicht akzeptieren“.

Und selbst wenn die Union über diesen Schatten gesprungen wäre - „dann wäre die FDP das Problem gewesen“. Die Liberalen seien in ihrer desolaten Lage überhaupt nicht fähig, eine überparteiliche Linie zu verfolgen. Ihnen sei es bei der Suche nach einem Kandidatur ganz besonders darum gegangen, die Handlungsfähigkeit von Schwarz-Gelb mit einem eigenen Kandidaten zu demonstrieren.

Dass nun aber der Eindruck entstanden ist, die FDP und ihr Vorsitzender Guido Westerwelle seien bei der Auswahl Wulffs gar nicht beteiligt gewesen, wird in der FDP-Führung als sehr ärgerlich registriert. „Dabei ist doch völlig klar, dass der Guido da mitgefingert hat“, heißt es in seiner Umgebung. Schließlich sei Wulff einer der letzten unbeschädigten Sympathieträger, der klar für Schwarz-Gelb stehe. Doch wie abgekühlt inzwischen das Klima unter den Koalitionspartnern ist, zeigt die Häme, mit der man in der FDP über die bei der Präsidentennominierung nicht zum Zug gekommene Ursula von der Leyen spricht: Die heiße jetzt wohl „Ursula ganz allein“, heißt es dort.

Und die breite Sympathie für Gauck? Viele Menschen würden noch merken, wie eitel und selbstbezogen der ehemalige Pastor auch sein könne, heißt es. So habe er gerade erst noch damit kokettiert, man könne doch wohl keinen 70-jährigen ins höchste Staatsamt berufen, und strebe dies nun doch mi t kaum verhohlener Freude an. Der niedersächsische Ministerpräsident strahle dagegen die politische Erfahrung und Seriosität aus, die jetzt benötigt würden. „Ich kenne keinen anderen, der schon so als Staatsmann zur Welt gekommen ist wie Christian Wulff“ sagt einer aus der Unionsführung, und man kann nicht genau ausmachen, wie viel Spott dabei ist.

Das politische System werde in den kommenden Monaten, auch wegen der anstehenden bitteren Sparbeschlüsse, noch mancher Erschütterung ausgesetzt sein. Da sei es beruhigend, einen verlässlichen Mann an der Spitze zu haben, „der nicht wegen ein paar ungezogenen Artikeln zurücktritt“, sagt der CDU-Politiker und lässt so gleich noch wissen, was man in seiner Partei von Horst Köhler hält.

Viele Bürger sind freilich noch nicht überzeugt von den Qualitäten des Kandidaten Wulff. Bei verschiedenen Online-Abstimmungen lag Gauck gestern Nachmittag weit vor dem CDU-Mann: 68 Prozent zu 20 Prozent lautete das Ergebnis auf ksta.de; Spiegel online meldete 80 Prozent Gauck, 8 Prozent Wulffn.



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