Schriftgröße

Interview mit Sarah van Dawen

„Kindern fehlt eine Stimme“

Erstellt 10.06.10, 17:01h, aktualisiert 10.06.10, 17:53h

Sarah van Dawen ist vor kurzem zur Vorsitzenden des Kölner Jugendrings gewählt worden. Im Interview mit Clemens Schminke spricht die 23-Jährige über Mitbestimmungsrechte von Kindern und die Sparpläne der Kommunen im sozialen Bereich.

Sarah van Dawen
Bild vergrößern
Sarah van Dawen. (Bild: ksta)
Sarah van Dawen
Bild verkleinern
Sarah van Dawen. (Bild: ksta)
Köln - Frau van Dawen, in Ihrer Bewerbungsrede für das Amt der Vorsitzenden haben Sie von der „strukturellen Benachteiligung“ von Kindern und Jugendlichen gesprochen. Was heißt das?

SARAH VAN DAWEN: Kinder und Jugendliche haben kaum Mitbestimmungsrechte. So war die Beteiligung am Bürgerhaushalt vom Alter her nicht begrenzt, trotzdem haben Kinder und Jugendliche keine Möglichkeit, über den Haushalt direkt oder indirekt mitzubestimmen. Sie dürfen auch nicht wählen, können nicht über ihren Alltag entscheiden. Wenn sie einmal Bürger und Bürgerinnen dieser Stadt sein sollen, müssen sie aber Demokratie lernen.

Wie soll das gehen: Kinder entscheiden über den städtischen Haushalt mit . . .?

VAN DAWEN: Das ist natürlich sehr abstrakt, aber machbar, wenn man schon im Kleinen anfängt. Es gibt praktische Möglichkeiten der Beteiligung, wie sie das Amt für Kinderinteressen bietet. So lässt es Jungen und Mädchen über die Gestaltung von Spielplätzen mitentscheiden. Wichtig wäre aber zum Beispiel auch, dass Kinder und Jugendliche über Schulstundenpläne und ihren direkten Alltag bestimmen dürfen. Ich glaube, da wird Kindern zu wenig zugetraut. Sie würden sich viel mehr mit den Dingen identifizieren, wenn sie mitentscheiden dürften. Dazu gehört auch, mehr mit ihnen statt über sie zu reden. In den Medien werden Kinder und Jugendliche oft als kriminell dargestellt, zumindest als widerständig, oder aber als zukünftige Eliteträger. Sie selber als einzelne Personen kommen kaum zu Wort.

Zurzeit werden die Angebote für Kinder und Jugendliche sogar geringer, weil den Kommunen das Geld ausgeht.

VAN DAWEN: Wenn man in die Zukunft denkt, dann kann man gerade bei der Jugend nicht kürzen, auch wenn die Haushalte konsolidiert werden müssen. Bundeskanzlerin Angela Merkel selber sagt, bei Jugendlichen soll nicht gespart werden. Das muss auch in den Kommunen gelten. Deshalb unterstützt der Kölner Jugendring eine Aktion wie „Kölner gestalten Zukunft - Vereint gegen Sozialabbau“ der Wohlfahrtsverbände. Wir sind auch Mitglied in anderen Bündnissen, stehen im Kontakt mit der Stadt und führen Gespräche mit Oberbürgermeister Jürgen Roters. Ziel ist, die Finanzierung der Jugendorganisationen zu sichern. Das ist momentan sehr schwierig. Dabei sollten sich die Interessenverbände nicht gegeneinander ausspielen lassen.

Trotzdem: Die öffentliche Hand hat nun einmal weniger Geld.

VAN DAWEN: Statt immer nur vermeintlichen Sachzwängen hinterherzurennen, sollte man das Denken über Inhalte nicht aufgeben. Sonst würde man Demokratie und Politik irgendwann nicht mehr brauchen und könnte die Idee der Partizipation gleich aufgeben. Allerdings gibt es verschiedene Auffassungen, wie die Jugendarbeit zu finanzieren ist, zum Beispiel wie die Wirtschaft als Sponsor eingebunden werden kann. Das alles wird auch bei uns ganz unterschiedlich diskutiert, und das ist gut so, denn wir sind ein Forum für den offenen Austausch.

Viele Kinder und Jugendliche werden inzwischen besser betreut, weil an Schulen der Unterricht ganztags stattfindet.

VAN DAWEN: Das ist teils positiv, teils schwierig. Denn Ganztag heißt, dass die Jugendlichen anders als früher am Nachmittag zum Beispiel nicht mehr zu den Pfadfindern oder zu den Falken gehen können. Und wenn Schulen nachmittags die Sporthalle brauchen, bekommen die Sportverbände ein Raumproblem. Insgesamt ist das aber eine gute Entwicklung.

Immer mehr junge Kölner sind ausländischer Herkunft. Wie arbeiten Sie mit denen zusammen?

VAN DAWEN: Bei unseren Vollversammlungen kommen alle Kinder und Jugendlichen direkt zu Wort, egal woher sie stammen. Und auch auf Organisationsebene gibt es den Austausch. Seit etwa einem Jahr gehört die DIDF-Jugend, die einen türkischen Hintergrund hat, zum Jugendring, und wir kooperieren mit einer alevitischen Jugendorganisation.

Gibt es auch internationale Kontakte?

VAN DAWEN: Ja, regelmäßig findet mit Israel ein Fachkräfte-Austausch statt. Wir lernen voneinander, wie im jeweiligen Land Jugendarbeit funktioniert.

Ein oft gehörtes Schlagwort ist das von der zunehmenden Kinderarmut. Ist das Bild überzeichnet?

VAN DAWEN: Nein. In Ehrenfeld haben die Falken vor kurzem ihre Aktion »Armut macht Wut!« eröffnet. Ich leite selber eine Jugendgruppe, bin bei Zeltlagern dabei und sehe, wie sich das auswirkt. Zum Beispiel rufen Eltern oder andere Erziehungsberechtigte an und sagen: »Das können wir uns nicht leisten.« Manche Kinder haben nicht genug Kleidung mit, sind gutes Essen nicht mehr gewohnt. Was man sonst nur liest und hört, bekommt man direkt mit. Umso weniger Verständnis hat der Jugendring, wenn bei Kindern und Jugendlichen gekürzt werden soll.

(Das Gespräch führte Clemens Schminke)

Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Orte des Geschehens

große Karte

Anzeige


Anzeige


Umfrage

Mehr autofreie Zonen für Köln?
Der Platz vor der Eigelsteintorburg ist schon autofrei, nun soll der Chlodwigplatz folgen. Auch für den Neumarkt schlägt der Masterplan vor, eine Seite für den Verkehr zu sperren. Ist das sinnvoll?


Special


Anzeige




Modisch aufgefallen


Junge Zeiten


Bildergalerien


Termine

Veranstaltungssuche

 

Veranstaltungs-Tipps

Manic Street Preachers

22. April 2012,
E-Werk Köln

 

Neue ksta.tv-Videos aus Köln




Offene Schulen


Top-Links (Anzeige)



Weitere Serien


ksta shop


Aktuelle Verkehrsinfos


Service


Mein ksta.de


ksta.de auf Facebook

KSTA auf Facebook

Aktion


Aktion



Hintergrund


Stadtmenschen Community


Extra


Dienste