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Bergsteigen

Abenteuer – Gefahr – Glück

Von Susanne Rohlfing, 21.05.10, 23:41h

Der Berg verspricht Abenteuer und Naturerlebnis, und längst nehmen es nicht mehr nur verwegene Einzelgänger wie Reinhold Messner mit ihm auf. Der Bergsport boomt. Und Klettersteige bieten auch dem Laien eine Herausforderung.

Schönheit des Berges
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Sonnenaufgang auf dem Kilimandscharo in Afrika. (Bild: Kroeger)
Schönheit des Berges
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Sonnenaufgang auf dem Kilimandscharo in Afrika. (Bild: Kroeger)
Mount Everest
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Der wohl berühmteste Berg der Welt, der 8848 Meter hohe Mount Everest. (Bild: dpa)
Steve Kroeger
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Steve Kroeger fand eine Einstellung zum Leben. (Bild: Privat)
Mount Everest
Steve Kroeger
Auf dem Grünstein angekommen, läuft der Schweiß in Strömen unter dem Helm hervor, die Wirbelsäule entlang, die Waden hinunter. Das Herz pocht wild, die Lungen pfeifen. Erschöpfung pur – und zugleich große Zufriedenheit. Der Grünstein bei Berchtesgaden ist nicht hoch, nicht namhaft, nicht spektakulär. Und Mitte April ist er noch nicht mal besonders grün, denn da erwacht er gerade erst aus dem Winterschlaf. Doch Berg ist Berg. Gipfel ist Gipfel. Egal, ob er wie beim Grünstein auf 1304 Metern liegt, wie beim Kilimandscharo auf 5895 Metern oder wie beim Mount Everest auf 8848 Metern. Oben ist oben. Oben warten Freude und Freiheit. Der Mensch auf einem Gipfel ist ein glücklicher Mensch.

An diesem sonnigen Sonntag herrscht reger Betrieb am höchsten Punkt des kleinen Berges. Wanderer und Klettersteiggeher treffen sich hier oben. „Berg Heil", sagt der eine zum andern. Man grüßt sich, reicht einander die Hand und erzählt sich Geschichten, von diesem Berg oder von anderen.

Egal ob Grünstein oder Mount Everest

Da ist zum Beispiel die schwangere Mutter dreier Kinder mit ihrem Mann, der aussieht, als sei er kurz zuvor in eine Schlägerei geraten. Sein Gesicht ist grün und blau und aufgeschrammt, seine Nase leicht schief. Am Tag zuvor hatte er es mit dem gleich nebenan gelegenen, 2713 Meter hohen Watzmann aufgenommen. Er hatte ihn mit Tourenski bestiegen, war bei der Abfahrt über einen Felsen gestolpert und auf einen anderen gestürzt. Heute lacht der junge Vater darüber, und seine Frau zeigt wenig Mitleid. Sie sagt: „Ich wollte ihn nicht gehen lassen, das hat er jetzt davon."

Sicher ist: Er wird es wieder tun. Wieder und wieder wird er sich der Herausforderung stellen und zu einem Gipfel streben. Der Berg, egal ob Watzmann, Grünstein oder Mount Everest, lockt. Der Mensch will ihn bezwingen, sich an ihm beweisen. Der Natur, die keine Rücksicht kennt, trotzen. Den eigenen Körper fordern, sich seiner Stärke versichern. Der Mensch will Wind, Sonne und Regen spüren, Abenteuer erleben, Glück erfahren. Der Berg ist dabei sein Verbündeter – und zugleich sein Gegner.

Dem Tod nur knapp entronnen

Vor acht Jahren bereitete Michael Grassl eine Übung für die Bergwacht vor. Routinearbeit für ihn, den erfahrenen Bergsteiger, der sich gern an der Eigernordwand oder dem Matterhorn austobte. Dieser Tag aber endete anders als geplant. Es wurde nicht geübt. Es ging um Leben und Tod. Die Kollegen kamen nicht, um zu trainieren, sie kamen, um den schwer verletzten Michael Grassl zu bergen. Bei seinen Vorbereitungen war ein Haken aus der Felswand gebrochen, Grassl war 22 Meter in die Tiefe gestürzt und auf einem Felsen aufgeschlagen. Er hatte unzählige Knochenbrüche, verbrachte drei Monate im Krankenhaus, heute hält sein Körper den großen Belastungen, die damals ein Kinderspiel für ihn waren, nicht mehr stand – aber Michael Grassl hat überlebt. Und noch immer liebt er die Berge.

Der Mensch ist für den Berg gemacht

Berge sind Natur pur. Grüne Wiesen, üppige Wälder, schroffe Felsen. Dafür ist der Mensch gemacht, nicht für unsere hoch zivilisierten Städte. Ein Leben zwischen Stahl und Beton sei nicht artgerecht für den Menschen, so sieht es Rainer Brämer, Natursoziologe an der Universität Marburg und Leiter der Forschungsgruppe „Wandern und Natur" des Deutschen Wanderinstituts. Das Resultat: eine einseitige Belastung der menschlichen Psyche. Unwohlsein. Stress. Sehnsucht nach einer natürlichen Umgebung.

In empirischen Studien haben Wissenschaftler bewiesen, dass schon ein Spaziergang im Park oder die Betrachtung von Bildern mit Naturmotiven stressentlastend wirken. „Diese Befunde deuten darauf hin, dass wir uns in einer natürlichen Umgebung, also letztlich in unserem ursprünglich arteigenen Biotop wohler fühlen als in unserer selbst geschaffenen Hochzivilisation", sagt Brämer. „Indem wir uns ganz oder teilweise in ein Umfeld zurückziehen, auf das alle unsere evolutionär entwickelten Sinne und Fähigkeiten zugeschnitten sind, geht es uns besser, die Stimmung steigt, wir werden wieder anstrengungslos aufmerksam.“

Deutscher Alpenverein mit immer mehr Mitgliedern

Dass es den Menschen mit fortschreitender Zivilisation immer mehr zurück ins Grüne zieht, belegt die Entwicklung der Mitgliederzahlen des Deutschen Alpenvereins (DAV): Sie stiegen zwischen 2000 und 2010 um 219 000 auf 851 000 deutlich stärker an als in den Jahrzehnten zuvor. Zwischen 1980 und 1990 verzeichnete der DAV ein Plus von 113 000 Mitgliedern, bis 2000 kamen weitere 122 000 hinzu. Die Mitgliederzahl der Sektion Köln/Rheinland hat sich seit 1998 mehr als verdoppelt, heute sind 9371 Menschen angemeldet.

Wenn Michael Grassl den Umgang mit dem Klettersteig-Set erklärt und vormacht, wie ein Überhang zu bewältigen ist, ist ihm keine Scheu vor dem Berg anzumerken. Seit seinem Unfall sei er aber „nicht mehr so extrem unterwegs", sagt der Präsident des Deutschen Ski- und Bergführer-Verbandes. Genuss stelle sich früher ein. Den ganz großen Nervenkitzel braucht der 41-Jährige nicht mehr. Stattdessen bemüht er sich, dem zurzeit größten Trend am Berg etwas von seinen Gefahren zu nehmen. Grassl hat in Berchtesgaden eine Klettersteigschule initiiert, denn Klettersteige locken zurzeit die Massen. Steighilfen aus Eisen und Stahlseile erleichtern den Aufstieg und sind in luftigen Höhen die Lebensversicherung des Menschen. An ihnen kann man sich ohne bergerfahrene Seilschaft mit Hilfe seines Klettersteig-Sets sichern.

Stahl und Eisen schützt nicht vor Selbstüberschätzung

Erste Klettersteige wurden während des Ersten Weltkriegs als Versorgungswege angelegt. Als sportliche Herausforderung etablierte sich die „Via ferrata" (Eisenweg) zunächst seit den 70er Jahren in den Brenta-Dolomiten in Italien. Heute ist das Klettersteiggehen eine eigene Sparte des Bergsports und erlebt seit etwa zehn Jahren auch in Deutschland einen enormen Auftrieb. „Klettern, Klettersteige und Themenwanderungen werden von unseren Mitgliedern zurzeit besonders nachgefragt", sagt Clemens Brochhaus, Öffentlichkeitsreferent der Sektion Köln/Rheinland des Deutschen Alpenvereins. Anfänger müssen auch gar nicht weit fahren: Auf dem Rabenacksteig in Nochern, dem Mittelrhein-Klettersteig in Boppard oder dem Calmont-Klettersteig in Bremm an der Mosel können erste Erfahrungen gesammelt werden.

Klettersteige in den Alpen führen Felswände hinauf und an Abgründen entlang. Sie bieten Nervenkitzel und sportliche Herausforderung. Klettersteige ermöglichen dem Laien, am Berg in ein Gelände vorzudringen, das er allein kraft seines Könnens nicht erschließen könnte. Das Wissen, zumindest nicht in den Tod stürzen zu können, hilft ungemein gegen Höhenangst.

Aber: „Es wird Sicherheit vorgegaukelt, und die Leute gehen da ohne jede Bergerfahrung ganz unbedarft rein", sagt Grassl. Deshalb habe die Bergwacht viel zu tun in Bayern. „Fast jedes Wochenende fliegen wir einen aus, der nicht mehr aus der Wand raus kommt." Laien neigten dazu, den Berg zu unterschätzen. „Klettern ist nicht mehr nur etwas für verwegene Typen." Das findet Grassl gut. Doch sollte sich der Laie nicht ohne Vorbereitung und Übung an die Felswand wagen, denn vor Selbstüberschätzung schützen Stahlseil und Eisenstiege nicht.

Die Seven Summits

Im Zweifel ist der Berg immer stärker als der Mensch. Das ist Teil seiner Magie. Deshalb messen wir uns so gern mit ihm. Einen Berg zu erklimmen bedeutet Stärke zu beweisen und ein Ziel zu erreichen. Wer auf dem Gipfel steht, dem liegt die Welt zu Füßen.

Steve Kroeger hat den Berg vor drei Jahren entdeckt. Heute bestimmt er sein Leben. Kroeger war auf dem Kilimandscharo in Afrika, dem Elbrus im Kaukasus und dem Aconcagua in Argentinien. Damit hat er drei der „Seven Summits", der höchsten Berge der sieben Kontinente (siehe Kasten unten) bestiegen. Die übrigen sollen in den nächsten Jahren folgen. 2013 will Steve Kroeger die ultimative Bergerfahrung machen. Keinem Gipfel liegt mehr Welt zu Füßen als dem des Mount Everest, des höchsten Bergs der Erde. Da will Kroeger hin. Dabei reizt ihn weniger die sportliche Herausforderung. Der 33-Jährige bezeichnet sein Projekt als sein „sieben Jahre währendes Persönlichkeitsseminar".

„Genau hier wollte ich immer hin“

Bevor er den Berg zu seinem Ziel erklärte, stählte Kroeger seinen Körper im Fitnessstudio. Er legte 30 Kilogramm Muskelmasse zu und widerstand nur knapp der Versuchung, mit Anabolika nachzuhelfen. Am Ende fand er seine Muskelberge selbst nicht mehr schön. In seinem Beruf als Personal Trainer machte ihm derweil zu schaffen, dass seine Klienten ihre Fitnessziele nicht erreichten. Er begann, sie für feste Termine trainieren zu lassen: Für einen Zehnkilometerlauf, einen Halbmarathon, einen Marathon. Und schließlich für die Besteigung des Kilimandscharo.

Die Wanderung auf den höchsten Gipfel Afrikas war 2007 auch für ihn seine erste Bergtour. Und als Steven Kroeger zum ersten Mal auf dem Gipfel des Kilimandscharo stand, als die Sonne rot am Horizont aufging, nach den Strapazen des Aufstiegs und der überstandenen Sorge, der Höhenluft oder den konditionellen Anforderungen nicht gewachsen zu sein, habe er gedacht: „Genau hier wollte ich immer hin." Und: „Am Berg erhältst du Antworten auf nie gestellte Fragen." Bei der Besteigung des Elbrus im Kaukasus geriet er mit seiner Gruppe in einen Schneesturm. Er habe Angst verspürt wie niemals zuvor in seinem Leben, erzählt Kroeger. Als sich die Wetterlage beruhigt hatte, habe sein erster Gedanke seiner Mutter und seinem Bruder gegolten. Sein Fazit: „In persönlichen Grenzsituationen kommst du den Dingen im Leben, die wirklich wichtig sind, etwas näher."

Der persönliche Gipfel

Heute baut Kroeger für seine Klienten bei den Kilimandscharo-Besteigungen Workshops ein, bei denen die Erlebnisse am Berg auf das Privat- und Berufsleben übertragen werden. Es zum Gipfel des Kilimandscharo zu schaffen soll helfen, auch die persönlichen Gipfel des Lebens zu erreichen.

Er selbst sei nicht durch und durch Bergsteiger. Er sei keiner, der sich mit der Materie Berg besonders gut auskenne, sondern nur ein „durchschnittlich trainierter Fitnesstyp". Auf Gipfel wie den des Kilimandscharo oder den des Elbrus zu steigen, seien für ihn „kontrollierte Grenzgänge" unter der Anleitung erfahrener Führer. „Und ich komme jedes Mal als anderer Mensch wieder", sagt Kroeger. Dabei sei die bergsteigerische Leistung nicht wichtig. „Es geht um den Willen, Ziele zu erreichen." Am Berg wird dieser Wille Höhenmeter für Höhenmeter gefordert.

Der Klettersteig am Grünstein ist bei Anfängern wie Einheimischen beliebt. Aber nicht alle Freunde des Berges sind auch Befürworter von Kletterstgeigen. So hält etwa Extremkletterer Thomas Huber die Versicherung einer Route mit viel Eisen und Stahlseil für eine „Vergewaltigung des Berges" (siehe Interview Seite 8). Michael Grassl hingegen sagt: „Es geht darum, die Leute für die Berge zu begeistern. Da hilft kein Schwarz-Weiß-Denken, man muss einen Mittelweg finden." Massenbesteigungen des Mount Everest, bei denen sich reiche Abenteurer von Sherpas den Sauerstoff auf das Dach der Erde tragen lassen, hält Grassl nicht für den Mittelweg. Klettersteige schon.

Für einen besseren Umgang mit der Natur

„Vor hundert Jahren ist niemand nur zum Spaß auf den Berg gegangen, wozu, das machte ja keinen Sinn“, sagt Grassls Kollege Sepp Bernegger. Damals hätten die Bergvölker den Berg gefürchtet, er habe ihnen ja nichts Gutes gebracht. Nur Lawinen und Sturzbäche. Zunächst machten sich nur verwegene Abenteurer wie Reinhold Messner auf, die Bergwelt zu erobern. Jetzt hat die Südkoreanerin Oh Eun Sun gerade das letzte große Ziel des Alpinismus erreicht. Sie bestieg Ende April als erste Frau die Gipfel aller 14 Achttausender. Aber der Berg lockt inzwischen nicht mehr nur Extrembergsteiger an, er ist für viele interessant geworden.

Heute bringt der Berg dem Menschen das, was ihm in den Großstädten der industrialisierten Welt fehlt: Abenteuer und Naturerlebnis. „Ich finde es absolut positiv, wenn die Leute in die Berge gehen. Wenn jeder in die Berge ginge und Verständnis entwickelte, wäre der Umgang mit unserer Natur vielleicht ein anderer", sagt Michael Grassl. Er glaubt auch, dass Menschen, die regelmäßig in die Berge gehen, zufriedener sind. Man komme auf andere Gedanken. „Auch, wenn man den ganzen Tag Angst hat“, sagt Grassl und lacht. „Kleinbürgerliche Probleme wie ein falsch geparktes Auto oder eine nicht ausgespülte Kaffeetasse sind plötzlich gar nicht mehr wichtig", ergänzt Bernegger.

Beide Männer sind kernige Menschen mit gebräunter Gesichtshaut. Sie strahlen Ruhe aus und Selbstsicherheit. Der Berg hält den Menschen nicht nur fit. „Eine Tour am Berg baut dich auch emotional auf“, sagt Bernegger. Michael Grassl hätte der Berg beinahe das Leben gekostet. Trotzdem sagt er: „Bergsteiger haben gefunden, was andere noch suchen.“ Abenteuer. Gefahr. Glück.



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