Schriftgröße

Rock am Ring

Leben und sterben mit Axl Rose

Erstellt 20.05.10, 12:47h, aktualisiert 21.05.10, 14:36h

Vor 25 Jahren fand in der Eifel zum ersten Mal „Rock am Ring“ statt. ksta.de sprach mit Konzertveranstalter Marek Lieberberg, der das Festival 1985 erfunden hat und zu einem der größten Musik-Events in Europa machte.

Marek Lieberberg
Bild vergrößern
Veranstalter Marek Lieberberg in seinem Büro in Frankfurt. (Bild: MLK)
Marek Lieberberg
Bild verkleinern
Veranstalter Marek Lieberberg in seinem Büro in Frankfurt. (Bild: MLK)
Herr Lieberberg, ich möchte die Gelegenheit nutzen, um mich bei meinem ehemaligen Mathelehrer Wilfried Breuer zu entschuldigen. Ich habe am 25. Mai 1985 eine Klausur geschwänzt…

Marek Lieberberg (lacht): Ich bestätigte Ihnen das nachträglich und Sie erhalten aus diesem Jahr noch ein Ticket von mir zur Erinnerung…

Offiziell war es eine Magenverstimmung, tatsächlich waren es aber U2, die mich magisch angezogen haben zum Nürburgring.

Lieberberg: Das Besondere ist ja, dass jahrelang ein Dogma bei U2 galt, keine Festivals zu spielen. Ich bin damals nach Irland gefahren, wo die Band in Dublin auf einer alten Pferderennbahn spielte. Sie fragten mich: Was können wir tun, um in Deutschland Fuß zu fassen? Und dann habe ich ihnen dieses Festival empfohlen als das Schaufenster überhaupt und sie haben eingewilligt.

Und Bono stand irgendwann auf dem Dach der Boxengasse…

Lieberberg: Nicht auf der Boxengasse. Er ist wirklich auf das Bühnendach geklettert. Das war der Moment, wo alle Besucher die Luft angehalten haben. Es war gefährlich da oben zu balancieren ohne Netz und doppelten Boden und mit einem Ausrutscher hätte alles fatal enden können.

Wann sind Sie eigentlich zum ersten Mal auf den Nürburgring als mögliche Festival-Venue gekommen. Haben Sie ein Verhältnis zum Motorsport?

Lieberberg: Motorsport ist nicht mein Ding! Ich bin durch den damaligen rheinland-pfälzischen Staatssekretär Rainer Mertel, der später Chef des Rings wurde, erstmals auf die Möglichkeit hingewiesen worden, dort einen Musikevent zu organisieren. Wir haben dann 1984 mit Nena bei bitterster Kälte ein Neue-Deutsche-Welle-Konzert veranstaltet, was relativ wenig beachtet wurde. Aber dadurch wurden wir mit der Location vertraut. Und der Nürburgring mit all seinen Facetten – Campingplätze, Landschaft, Ambiente – hat in mir zwar nicht Erinnerungen an Max Yasgurs Milchfarm geweckt, aber doch Erinnerungen an meine eigene Vergangenheit, 1970 und 1972, als in Speyer und Germersheim die ersten deutschen Mehrtagefestivals stattfanden.

Was war dann ausschlaggebend für Ihre Entscheidung?

Lieberberg: Ich habe keinen Anlass gesehen, dass mir die Behörden erneut einen Strich durch die Rechnung machen könnten, weil es dort nur wenige Anwohner gibt, weil Lautstärke kein Problem darstellt, und weil die Menschen rund um den Ring viele Besucher gewohnt sind, die dort relativ unreglementiert ein Wochenende verbringen.

Also ein CDU-Politiker als Geburtshelfer des Festivals…

Lieberberg: Ja, seiner Offenheit und Liberalität ist es zu danken, dass wir am Nürburgring wieder das erste Mehrtage-Festival veranstalten konnten. Mertel war zwar konservativ, aber überzeugt vom Charakter eines Menschen, den er einmal in Augenschein genommen hatte. Ich glaube, mein Handschlag und meine Vita waren ihm Beleg genug für die erforderliche Kompetenz, obwohl ich sie erst noch unter Beweis stellen musste.

In den Niederlanden gibt es seit 1970 „Pink Pop“ im gleichen Jahr fand zum ersten Mal Glastonbury statt, seit 1971 gibt es das Roskilde-Festival. Warum war Deutschland vergleichsweise spät dran mit einem großen jährlichen Rock-Festival?

Lieberberg: Bei uns hängt es damit zusammen, dass nach 1972 niemand - keine Stadt, kein Politiker, keine Behörde - ein Multitage-Festival genehmigen wollte. Man stand da wirklich vor einer Mauer der Ablehnung. Sie wissen, dass die 68er und all das, wofür wir standen, auch eine Gegenreaktion hervorgerufen haben. Ich habe mehr als ein Jahrzehnt Versuche auf allen Ebenen unternommen und scheiterte. Dazu kam, dass verschiedene Festival-Veranstalter ihre Programmankündigungen nicht einhielten. So brannte die Loreley, weil die Hauptgruppe nicht auftrat.

Jefferson Starship 1978…

Lieberberg: Das war ein Veranstalter, der sich selbst glücklicherweise aus dem Musikgeschäft zurückgezogen hat. Er beschwor immer wieder brisante Situationen herauf. Ein Kardinalfehler ist es beispielsweise, das Publikum für unmündig zu halten und nicht von Anfang an über kritische Situationen zu informieren. Solche Zwischenfälle haben die Situation eher verschlechtert. Wir mussten erst wieder ein konkretes Ereignis schaffen, um den Weg für die Festivalbewegung zu ebnen.

Die berühmteste Absage in 25 Jahren „Rock am Ring“ kam von Guns'n'Roses. 2001 sollte die Band auftreten, und dann haben sie sich um fünf Jahre verspätet…

Lieberberg: Ich glaube, kein Veranstalter der Welt verfügt über nachdrücklichere Erfahrungen mit Axl Rose. Ich halte den Weltrekord für tatsächlich gespielte Shows von Guns'n'Roses, nämlich 13 hintereinander, große Open Airs. Beim ersten Auftritt wollte er allerdings nach 20 Minuten ausbüchsen und ich habe ihm das hinter der Bühne nachdrücklich ausgeredet: „Axl, if I die, you die!“ Das war der Beginn einer großen Freundschaft, soweit man das so nennen kann. Aufgrund dieser Erfahrung habe ich die Gruppe dann als Headliner für den Ring verpflichtet. Es war von meiner Seite absolut seriös, wir hatten sogar schon die Gage überwiesen und dann hat er uns mit einer Absage in letzter Minute doch noch einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Mal abgesehen von Bands, die gar nicht aufgetreten sind. Was war der traurigste Moment in 25 Jahren Rock am Ring? Es kann Ihnen nicht gefallen haben, wie das Publikum 1993 mit Leonard Cohen umgegangen ist…

Lieberberg: Das war für mich eine furchtbare Erfahrung. Ich habe ja auch zuweilen versucht, meine eigenen romantischen Träume bei Rock am Ring zu realisieren, beseelt vom Glauben, dass die Musik universell ist, Grenzen überwindet und stets der Respekt vor den Künstlern bewahrt wird. Ich sah mich dann bei Leonard Cohen mit einer anderen Realität konfrontiert. Deswegen habe ich den Auftritt unterbrochen, als er pausenlos angepöbelt wurde und von der Bühne aus eindringlich an die Besucher appelliert. Ich habe leider auch erlebt, dass der deutsche Künstler, mit dem ich mich am engsten verbunden fühle, Xavier Naidoo, am Ring absurden Anfeindungen ausgesetzt war.

Am Ring gab es jahrelang ein Festival am Rande des Festival: Leute, die an dem Wochenende „nur so“ zum Campen hingefahren sind, ihre Soundsystems mitgebracht haben. Das haben Sie mittlerweile unterbunden, man darf nur noch mit Festivalticket auf die Campingplätze…

Lieberberg: Die räumlichen Limitierungen zwangen uns dazu, alle verfügbaren Flächen komplett für uns zu nutzen. Wir arbeiten immer am Rande unseres Potenzials und deshalb können wir es nicht zulassen, dass Zaungäste, die mit dem Festival nichts im Sinn haben, sich dort ausbreiten und ihre eigene Party feiern. Das können sie an jedem anderen Wochenende tun. Das ist vielleicht schade, weil es zur ursprünglichen Festival-Folklore gehörte.

Und zum Mythos eines „unreglementierten“ Festivals…

Lieberberg: Da haben Sie recht. Aber ein Festival ist immer eine Gratwanderung zwischen Freiheit und Reglementierung. Wir mussten eine Entscheidung treffen und die fiel zu Lasten der Eifel-Cowboys aus.

1988 hatten sie das schwächste Jahr am Ring, und haben anschließend zwei Jahre lang pausiert. Hatten Sie damals mit Chris Rea und Fleetwood Mac einfach die falschen Headliner?

Lieberberg: Ich glaube, jedes Open Air - bis auf wenige Ausnahmen – ist so stark wie seine Headliner. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass die Fans nur aufgrund des Events selbst kommen. Und so habe ich die bittere Pille geschluckt, zwei Jahre lang auszusetzen, weil ich in diesen beiden Jahren kein geeignetes Programmangebot machen konnte. Ich denke, in dieser Situation war es richtig zu pausieren. Wir haben ja dann in den Folgejahren Zug um Zug eine Renaissance erlebt.

Auch programmatisch gab es Mitte der neunziger Jahre eine Art Neustart, mit der zweiten Bühne. Stimmt es, dass Sie davon zunächst nichts wissen wollten?

Lieberberg: Nachdem eine Garde konventioneller Headliner - Simply Red, Bryan Adams, Sting, Elton John, Aerosmith, Bon Jovi, Westernhagen, Grönemeyer und und und - am Ring gespielt hatte, musste zwangsläufig eine Neuorientierung erfolgen. Ich habe das zunächst noch nicht realisieren wollen, auch weil ich mich mit vielen dieser Interpreten persönlich verbunden fühlte. Ich musste mich sozusagen erst von der Last meiner Biografie befreien. Das konnte mir nur jemand begreiflich machen, der mir nahestand: mein Sohn Daniel, der dann die Alternastage erfunden hat, die zweite Bühne. Dieser Prozess wurde durch meinen jüngsten Sohn Andre fortgesetzt und hat das Festival attraktiver gemacht für den Jahrtausendwechsel und darüber hinaus.

Ihr Debüt als Veranstalter hatten sie 1970 mit The Who. Wird man die Band noch mal am Nürburgring sehen?

Lieberberg: Wir haben in diesem Jahr darüber gesprochen. Aber Pete Townshend will wohl erst 2011 touren. Das wäre eine Band, die ich gegebenenfalls sogar gegen das Votum meine Söhne auf dem Ring präsentieren würde. Die Who haben für mich immer noch einen besonderen Stellenwert, auch aufgrund ihrer Präsenz bei Woodstock und wegen meiner ersten Tour als Veranstalter überhaupt.

Und die Stones?

Lieberberg: Die Rolling Stones und ich waren nie eine Liebesaffäre. Sie wirkten auf mich immer etwas zu aufgesetzt. Ich war ein absoluter Fan der Musik, des Humors und des Lebensgefühls, das die Beatles repräsentierten. Ich habe mich auch später nicht am Wettbieten um die Rolling Stones beteiligt. So wurde der Zeitpunkt verpasst, an dem wir hätten zusammenkommen können.

U2 waren 1985 die Attraktion beim ersten „Rock am Ring“. 20 Jahre später habe Sie sich in einem Interview sehr abfällig über die Band geäußert. Warum das?

Lieberberg:Ich darf vielleicht mal den Hintergrund erhellen. Ich habe ja schon die ersten U2-Konzerte in Deutschland in Clubs veranstaltet. Die Plattenfirma war damals zunächst nicht in der Lage, der Band hier zum Erfolg zu verhelfen. Wir haben das über Tourneen und Festivals geschafft und darüber hinaus hat sich eine wirkliche Freundschaft entwickelt. Diese herzliche Entente wird plötzliche durch eine neue Entwicklung in Frage gestellt. Das Musikgeschäft änderte sich radikal, Tourneen wurden global. Ein „Global Promoter“ wurde für die ganze Welt verantwortlich. Ich habe es der Band persönlich sehr verübelt, dass sie nicht den Willen aufbrachte, diesem Veranstalter zu sagen: Aber in Deutschland arbeitest du bitte mit Marek Lieberberg. Sting hat dies in vergleichbarer Situation getan, U2 nicht! Daraufhin habe ich mich zu überzogenen, U2-feindlichen Statements hinreißen lassen, die durch den Interviewer noch etwas verstärkt wurden.

Und mittlerweile sind diese Differenzen ausgeräumt?

Lieberberg: Wir arbeiten inzwischen wieder zusammen. Aber es ist ein eher distanziertes Verhältnis. Es wird nie mehr der Sommer von 1985 sein.

Noch ein Blick in die nahe Zukunft Was wird in diesem Jahr Ihr persönlicher Höhepunkt am Ring?

Lieberberg: Jedes Festival schafft sich immer wieder erstaunliche eigene Höhepunkte. Manchmal ist es eine Band, die nachmittags um Vier spielt, die plötzlich alle mitreißt. Da müssen viele Dinge zusammenkommen, die Stimmung des Publikums, das Wetter, die Produktion und das, was letztlich über die Rampe kommt. Man kann nie darauf setzen, dass die so genannten Headliner in diesem besonderen Umfeld immer ihre beste Performance liefern.

Marek Lieberberg, geboren 1946 in Frankfurt, studierte Soziologie und arbeitete als Redakteur bei der Nachrichtenagentur AP. 1970 veranstaltete er seine ersten Konzerte und holte The Who und Pink Floyd nach Deutschland. Bis 1986 Zusammenarbeit mit Marcel Avram in der Agentur Mama Concerts. Seit 1985 veranstaltet Marek Lieberberg das Festival „Rock am Ring“ in der Eifel. Lieberberg ist verheiratet und hat drei Söhne. Er lebt in Frankfurt.

Thorsten Keller, Jahrgang 1967, war 1985 und 1986 als zahlender Besucher bei "Rock am Ring". Zwischen 1996 und 2006 berichtete er für den "Kölner Stadt-Anzeiger" über das Festival.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Orte des Geschehens

große Karte

Anzeige


WAS.WANN.WO.


Bildergalerien


Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Studio DuMont


Video


Kolumne


Extra


Stadtmenschen Community


Extra


Die andere Meinung


ksta shop


Links


Dienste