Von Thomas Schmitz, 04.06.10, 00:23h, aktualisiert 07.06.10, 13:54h
Das Publikum sah, wie Bono Vox von U2 Mitte der 80er auf das Bühnendach kletterte, sah, wie Toten-Hosen-Sänger Campino es ihm vor wenigen Jahren nachmachte. Und die Zuschauer sorgten auch gleich für den ersten Gänsehautmoment. „Sie haben uns ein Denkmal gebaut“, singt Judith Holofernes von Wir Sind Helden auf der Videoleinwand - und aus Zehntausenden Kehlen auf dem Nürburgring ertönt der Refrain zu „Denkmal“.
Doch Veranstalter Marek Lieberberg hatte nicht nur einen Film im Gepäck, sondern auch zwei Bands. Den Auftakt machte die Münsteraner Crossover-Band H-Blockx. Sänger Henning Wehland, mittlerweile ein bisschen moppelig geworden, erklärte Rock am Ring 2010 für eröffnet und sang mit Megafon den Superhit „Risin' High“.
Viele Fans waren aber Fans der ersten Hauptband des Festivals: der Hard-Rock-Kapelle Kiss. Die war schon fast in der Pubertät als Rock am Ring 1985 aus der Taufe gehoben wurde (gegründet wurde Kiss 1973). Der Auftritt der Gruppe war wie gewohnt gigantisch. Mit einer hydraulischen Schwebebühne wurden Bassist und Sänger Gene Simmons, Sänger und Gitarrist Paul Stanley und Gitarrist Thommy Thayer auf die mit Teppichboden ausgelegte Bühne gehoben, begleitet von Feuerfontänen und dem frenetischen Jubel der Anhänger. Selbstverständlich waren die Bandmitglieder - zu ihnen gehört auch Schlagzeuger Eric Singer - verkleidet und geschminkt. Und natürlich zeigte Gene Simmons wie immer seine lange Zunge. Reflexartig, wie bei einer Schlange, kommt sie immer wieder hervor. Da stellt sich nur eine Frage: Gibt es eigentlich Muskelkater in der Zunge???
Ein hübsches Ding ist Ellie Goulding. Und genauso hübsch ist auch die Musik, die die Britin macht. Netter Indie-Pop mit Akustikgitarre. Die Haare wehen im Wind. Und wenn man das so sieht und hört, kann man froh sein, dass die Engländer beim Eurovision Song Contest lieber auf Stock-Waterman-Kompositionen setzen als auf Lena-liken Pop. Selbst schuld.
Einer, den gar nichts mehr kümmert, ist Slash. Und so heißt mittlerweile auch seine Band. Kein Anhängsel namens Snakepit mehr, Velvet Revolver ist auch vergessen und mit Guns N'Roses muss ihm niemand mehr kommen. Obwohl: Songs der Kult-Rocker spielt er schon, „Nighttrain“ etwa. Und bei „Sweet Child O'Mine“ rastet die Menge auch ein bisschen aus. Wenn man ihn aber so betrachtet, mit Doppelkinn und grauen Bartstoppeln, dann stellt man fest, dass nicht nur der Herr Slash ordentlich gealtert ist, sondern es auch schon wieder 18 Jahre her ist, dass man in dunklen Kellern betrunken Klammerblues zu „November Rain“ und „Don't Cry“ getanzt hat.
Am Abend war dann auf der AlternaStage ein tolles Programm. Kasabian definierten mit ihrem discotauglichen Rave-Rock das Wort Coolness. Dem Publikum gefiel das ausgesprochen gut. Ein unfassbar guter Auftritt war das nämlich. Und weil die Editors das eh nicht toppen konnten, versuchten sie es auch gar nicht erst. Doch entgegen aller Befürchtungen entpuppte sich ihr Pathos-geladener Rock als stark energiehaltig, was auch an der Performance von Sänger Tom Smith lag. Zu guter Letzt spielten dann noch die Sportfreunde Stiller auf. Die machten erst ein Geheimnis aus ihrer Bühne. Erst nach den ersten Takten fiel ein gewaltiger Vorhang zu Boden. Die Münchener Band spielte einen reinen Unplugged-Set vor Stadtkulisse - und die Fans waren komplett aus dem Häuschen.
Der Anlass für meinen Besuch vor der Alternastage war eine Ü-30-Party der besonderen Art: Die Punk-Rocker von Bad Religion spielte einen feinen Set mit „American Jesus“, „Generator“ und Co. Mehrfach wurde deutlich: Sänger Greg Graffin ist kein Fan von U2, die er während des Auftritts gleich mehrfach disste.
Ein wenig enttäuschend war anschließend Tocotronic. Ihr kluger Indie-Rock passt besser in große Hallen als auf Freiluftbühnen. Und viele der Fans waren wohl nicht mehr in dem Zustand, um die Ironie hinter den Klassenkampfparolen von Sänger Dirk von Lowtzow zu erkennen.
Nur ein paar Dutzend Zuschauer hatten sich vor die Clubstage, für die in diesem Jahr das Coca-Cola-Soundwave-Tent verschwinden musste, verirrt, um die britischen Rock-Bubis von The Cribs zu sehen. Schade, denn ihr melodischer Indie-Rock war wirklich gut. Aber die meisten, die sich für diese Art von Musik interessieren, dürften zu dem Zeitpunkt schon vor der Alternastage auf den Auftritt der schwedischen Rockband The Hives gewartet haben. Pünktlich zu Beginn des Gigs um 21.15 Uhr, den die Jungs diesmal in Matrosenoutfits absolvierten, entlud sich dann eine gewaltige Regenwolke.
Erst eine Stunde später hörte es dann auf, pünktlich zum Auftritt der deutschen Metal-Heroen von Rammstein. Von der Musik kann man ja halten, was man will. Aber anerkennen muss man die Live-Klasse der Gruppe. Feuer, Raketen, Mummenschanz und Co. machten das Abschlusskonzert auf der Centerstage zu etwas Besonderem. Till Lindemann und Co. haben ganz besonders bei den expressionistischen deutschen Stummfilmen der 1920er und 1930er Jahre hingeguckt.
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