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Rock am Ring 2010

Geburtstagsparty am Ring

Von Thomas Schmitz, 04.06.10, 00:23h, aktualisiert 07.06.10, 13:54h

Sonnenschein bei Rock am Ring? Drei Tage ging es bei der Jubiläumsveranstaltung gut. Doch am Sonntag zeigte sich die Eifel dann wieder von ihrer fiesen Seite. Den Fans von Rammstein war es egal.

Rock am Ring 2010
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Und feuerte aus allen Kanonen.
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Und feuerte aus allen Kanonen.
Gene Simmons
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Bassist und Sänger Gene Simmons zeigte nur allzu gerne eines der Markenzeichen von Kiss: seine extrem lange Zunge. (Bild: Schmitz)
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Rock am Ring bei schönstem Wetter? Das gibt's wohl nur im Jubiläumsjahr. Zehntausende Musikfans waren schon beim Auftakt am Fronleichnam dabei.
Gene Simmons
Rock am Ring 2010
Nürburgring - Zehntausende Rockfans feierten sich auf dem Nürburgring an Fronleichnam selbst. Denn zum Auftakt von Rock am Ring 2010 gab es für das Publikum zunächst einmal einen Rückblick auf die letzten 25 Jahre: So alt ist das Festival nämlich und weil das gebührend gefeiert werden muss, ist Deutschlands bestbesuchtes Open-Air-Rock-Festival einen Tag länger als sonst. Und dann herrscht erstaunlicherweise auch noch tolles Wetter!

Das Publikum sah, wie Bono Vox von U2 Mitte der 80er auf das Bühnendach kletterte, sah, wie Toten-Hosen-Sänger Campino es ihm vor wenigen Jahren nachmachte. Und die Zuschauer sorgten auch gleich für den ersten Gänsehautmoment. „Sie haben uns ein Denkmal gebaut“, singt Judith Holofernes von Wir Sind Helden auf der Videoleinwand - und aus Zehntausenden Kehlen auf dem Nürburgring ertönt der Refrain zu „Denkmal“.

Doch Veranstalter Marek Lieberberg hatte nicht nur einen Film im Gepäck, sondern auch zwei Bands. Den Auftakt machte die Münsteraner Crossover-Band H-Blockx. Sänger Henning Wehland, mittlerweile ein bisschen moppelig geworden, erklärte Rock am Ring 2010 für eröffnet und sang mit Megafon den Superhit „Risin' High“.

Viele Fans waren aber Fans der ersten Hauptband des Festivals: der Hard-Rock-Kapelle Kiss. Die war schon fast in der Pubertät als Rock am Ring 1985 aus der Taufe gehoben wurde (gegründet wurde Kiss 1973). Der Auftritt der Gruppe war wie gewohnt gigantisch. Mit einer hydraulischen Schwebebühne wurden Bassist und Sänger Gene Simmons, Sänger und Gitarrist Paul Stanley und Gitarrist Thommy Thayer auf die mit Teppichboden ausgelegte Bühne gehoben, begleitet von Feuerfontänen und dem frenetischen Jubel der Anhänger. Selbstverständlich waren die Bandmitglieder - zu ihnen gehört auch Schlagzeuger Eric Singer - verkleidet und geschminkt. Und natürlich zeigte Gene Simmons wie immer seine lange Zunge. Reflexartig, wie bei einer Schlange, kommt sie immer wieder hervor. Da stellt sich nur eine Frage: Gibt es eigentlich Muskelkater in der Zunge???

FREITAG

Ganz entspannt konnte man am Freitagnachmittag in den Festivaltag gleiten. Auf der AlternaStage spielte um 14 Uhr Roman Fischer. Der bayerische Indie-Popper wirkte zwar ein wenig fehl am Platz: In seiner Weste und dem karierten Hemd wirkte er wie ein Student, aber nicht wie ein Rockstar. Dennoch schauten einige Hundert Fans vorbei und konnten sich davon überzeugen, dass der Junge wirklich so eine bombastische Stimme hat und man ihn durchaus als deutschen Rufus Wainwright bezeichnen könnte.

Ein hübsches Ding ist Ellie Goulding. Und genauso hübsch ist auch die Musik, die die Britin macht. Netter Indie-Pop mit Akustikgitarre. Die Haare wehen im Wind. Und wenn man das so sieht und hört, kann man froh sein, dass die Engländer beim Eurovision Song Contest lieber auf Stock-Waterman-Kompositionen setzen als auf Lena-liken Pop. Selbst schuld.

Einer, den gar nichts mehr kümmert, ist Slash. Und so heißt mittlerweile auch seine Band. Kein Anhängsel namens Snakepit mehr, Velvet Revolver ist auch vergessen und mit Guns N'Roses muss ihm niemand mehr kommen. Obwohl: Songs der Kult-Rocker spielt er schon, „Nighttrain“ etwa. Und bei „Sweet Child O'Mine“ rastet die Menge auch ein bisschen aus. Wenn man ihn aber so betrachtet, mit Doppelkinn und grauen Bartstoppeln, dann stellt man fest, dass nicht nur der Herr Slash ordentlich gealtert ist, sondern es auch schon wieder 18 Jahre her ist, dass man in dunklen Kellern betrunken Klammerblues zu „November Rain“ und „Don't Cry“ getanzt hat.

Am Abend war dann auf der AlternaStage ein tolles Programm. Kasabian definierten mit ihrem discotauglichen Rave-Rock das Wort Coolness. Dem Publikum gefiel das ausgesprochen gut. Ein unfassbar guter Auftritt war das nämlich. Und weil die Editors das eh nicht toppen konnten, versuchten sie es auch gar nicht erst. Doch entgegen aller Befürchtungen entpuppte sich ihr Pathos-geladener Rock als stark energiehaltig, was auch an der Performance von Sänger Tom Smith lag. Zu guter Letzt spielten dann noch die Sportfreunde Stiller auf. Die machten erst ein Geheimnis aus ihrer Bühne. Erst nach den ersten Takten fiel ein gewaltiger Vorhang zu Boden. Die Münchener Band spielte einen reinen Unplugged-Set vor Stadtkulisse - und die Fans waren komplett aus dem Häuschen.

SONNTAG

Da ist man mal einen Tag nicht am Nürburgring und dann das: Am frühen Sonntagabend war das Pressezelt an der Alternastage verschwunden. Es war wenige Stunden zuvor bei einem kleinen Unwetter mit Windstärke 9, Gewitter und Regen weggeweht worden. Heißt also auch nichts anderes als: Das typische Ring-Wetter kam doch noch auf. Und so wichen Bikini-Tops und Flip-Flops Plastikponchos und Gummistiefeln.

Der Anlass für meinen Besuch vor der Alternastage war eine Ü-30-Party der besonderen Art: Die Punk-Rocker von Bad Religion spielte einen feinen Set mit „American Jesus“, „Generator“ und Co. Mehrfach wurde deutlich: Sänger Greg Graffin ist kein Fan von U2, die er während des Auftritts gleich mehrfach disste.

Ein wenig enttäuschend war anschließend Tocotronic. Ihr kluger Indie-Rock passt besser in große Hallen als auf Freiluftbühnen. Und viele der Fans waren wohl nicht mehr in dem Zustand, um die Ironie hinter den Klassenkampfparolen von Sänger Dirk von Lowtzow zu erkennen.

Nur ein paar Dutzend Zuschauer hatten sich vor die Clubstage, für die in diesem Jahr das Coca-Cola-Soundwave-Tent verschwinden musste, verirrt, um die britischen Rock-Bubis von The Cribs zu sehen. Schade, denn ihr melodischer Indie-Rock war wirklich gut. Aber die meisten, die sich für diese Art von Musik interessieren, dürften zu dem Zeitpunkt schon vor der Alternastage auf den Auftritt der schwedischen Rockband The Hives gewartet haben. Pünktlich zu Beginn des Gigs um 21.15 Uhr, den die Jungs diesmal in Matrosenoutfits absolvierten, entlud sich dann eine gewaltige Regenwolke.

Erst eine Stunde später hörte es dann auf, pünktlich zum Auftritt der deutschen Metal-Heroen von Rammstein. Von der Musik kann man ja halten, was man will. Aber anerkennen muss man die Live-Klasse der Gruppe. Feuer, Raketen, Mummenschanz und Co. machten das Abschlusskonzert auf der Centerstage zu etwas Besonderem. Till Lindemann und Co. haben ganz besonders bei den expressionistischen deutschen Stummfilmen der 1920er und 1930er Jahre hingeguckt.



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