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Kandidat Wulff

Ehrenhäuptling ohne Federn

Von Tobias Kaufmann, 04.06.10, 14:21h, aktualisiert 04.06.10, 20:32h

Die schwarz-gelbe Koalition ist stolz auf die geräuschlose Nominierung von Christian Wulff als Bundespräsidenten. Allerdings haben die Koalitionäre dabei etwas Entscheidendes vergessen: Das Volk. Anstoß – der Kommentar.

Christian Wulff
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Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff. (Bild: dpa)
Christian Wulff
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Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff. (Bild: dpa)
Nichts gegen Christian Wulff. Der Osnabrücker ist durchaus ein Politiker, für den sich das schwarz-gelbe Lager nicht schämen muss. Die Idee, den niedersächsischen Ministerpräsidenten zu nominieren, dient dem Frieden innerhalb der Koalition – und verstärkt einen Trend zur Verjüngung des politischen Spitzenpersonals, der diesem Land nur gut tun kann. Doch all dies gilt nur dann uneingeschränkt, wenn man ignoriert, wie viele Menschen außerhalb des Medien- und Politikzirkels in den vergangenen Tagen über die Demission von Horst Köhler dachten – jenes Präsidenten, den erst niemand kannte, und der nun als beliebtester Politiker des Landes überhöht wird.

Die Deutschen wünschen sich offenbar ein Staatsoberhaupt, das der Politik nicht nahe steht, sondern Distanz zu ihr wahrt. Man kann das für falsche Romantik halten, aber das ändert nichts daran, dass die Mehrheit der Deutschen sich von der Wulff-Nominierung geradezu herausgefordert fühlen muss.

Wulff ist stellvertretender Vorsitzender der CDU. Er ist Ministerpräsident. Er macht tagesaktuelle Politik. Er hat das Image des jungen Dynamikers. Bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg ist Wulff einmal zum „Ehrenhäuptling Offenes Wort“ gekürt worden. Dass er wirklich etwas zu sagen hat (und aus Sicht der Nominierenden auch sagen darf), was über die Tagespolitik hinausreicht, muss man bezweifeln. Trotzdem soll er ein Amt bekleiden, das für etwas ganz anderes steht: Der Bundespräsident ist seiner Idee nach weder dynamisch noch partei- oder gar tagespolitisch eingebunden. Er ist ein Entschleuniger, eine moralische Instanz, der Ruhepuls der Republik. Gerade in Zeiten der Krise.

Die schnelle Einigung auf Wulff im schwarz-gelben Lager verstärkt den Argwohn, wonach Politik reine Kungelei zur Machtwahrung ist. Selbst mäßig an Politik Interessierte wissen: Angela Merkel entledigt sich mit der Beförderung Wulffs nebenbei auch des letzten ernstzunehmenden Kronprinzen. Schwerer wiegt aber etwas Grundsätzliches.

Aus Angst, Köhlers Abgang könnte als Menetekel für das untergehende schwarz-gelbe Projekt gewertet werden, präsentiert die Koalition einen Kandidaten aus dem innersten Kreis des eigenen Lagers. Genau das aber stärkt den negativen Eindruck von dieser Koalition. „Wir gegen die da draußen“ ist die unterschwellige Botschaft. Und das in einer Zeit, in der dieses Land eine ganz andere Botschaft gebraucht hätte: „Wir alle gemeinsam“.

Rot-Grün hat diese Schwäche der Koalition antizipiert und mit Joachim Gauck einen durch und durch bürgerlichen Kandidaten ins Rennen geschickt. Dessen Renommé hat die Linke am Donnerstag sogar noch gestärkt, indem sie den Theologen als „Mann von gestern“ difffamierte.

Nichts gegen Christian Wulff. Er hat sich nicht selbst nominiert.



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