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GutenMorgenKöln

Eine deutsche Fanmeile in London

Von Philip Sagioglou, 18.06.10, 08:54h, aktualisiert 18.06.10, 13:03h

Für einen deutschen Fan ist es gar nicht so einfach, ausgerechnet in London einen Ort zum Fußball gucken zu finden. Doch nach dem Sieg über Australien wurde der Pub „Zeitgeist“ in der Black Prince Road zur deutschen Fanmeile. Ein Erfahrungsbericht.

Zeitgeist London
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Beim Public-Viewing im Londoner Pub „Zeitgeist“ kommen beim den deutschen Fans Heimatgefühle auf. (Bild: Sagioglou)
Zeitgeist London
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Beim Public-Viewing im Londoner Pub „Zeitgeist“ kommen beim den deutschen Fans Heimatgefühle auf. (Bild: Sagioglou)
KÖLN/LONDON – „Lu Lu Lu – Lukas Podolski“ schmettert es nach dem Tor zum 1:0 gegen Australien. Die Sympathien für den Kölner Angreifer reichen auch bis in den 600 Kilometer entfernten „Zeitgeist“ in London-Lambeth. Es ist gar nicht so leicht, als fußballbegeisterter Deutscher in der englischen Hauptstadt einen geeigneten Ort zu finden, um mit Landsleuten die deutsche Elf aus der Ferne zu unterstützen. Die heimischen Engländer zu fragen, bleibt erwartungsgemäß erfolglos. Das bittere 1:1 vom Vorabend liegt den Rooney-Anhängern noch in den Gliedern. Und es ist aus ihren Gesichtern zu lesen, dass die Frage nach einem deutschen Pub nicht gerade auf Sympathie stößt. Das war auch irgendwie vorher klar, aber man kann’s ja mal versuchen.

Auf dem verzweifelten Marsch durch die Innenstadt ist es die Mund-Propaganda unter den in London ansässigen Deutschen, die letztendlich zum „Zeitgeist“ führt. Im ersten deutschen Gastro-Pub Londons gibt es, nicht weit vom Big Ben, während der gesamten Weltmeisterschaft die Möglichkeit, sich die Spiele unserer Elf anzugucken. Auf der Suche nach Fangesängen, euphorischer Stimmung und vielen Gleichgesinnten ist man hier genau richtig.

1500 bis 2000 DFB-Sympathisanten verfolgen das erste Spiel der deutschen Elf in bester Public-Viewing-Manier. Dass die Speisekarte einiges an deutschen Spezialitäten zu bieten hatte, verbreitete sich unter dem deutschen Publikum in der englischen Hauptstadt wie ein Lauffeuer. Essen wie Zuhause - Kölsch, Pils aus der Eifel, Schnitzel und Bratwurst locken nicht nur Leute an, die für längere Zeit auf der Insel verweilen. Auch Kurzurlauber wie Thomas (21) aus Erftstadt sind wegen des großen Angebots auf den ersten deutschen Gastro-Pub in London gestoßen. „Ich habe im Internet nach einer Kneipe gesucht, in der es Kölsch gibt. Und gleich gibt es pro Bier ein Tor für unsere Jungs!“, kündigt der Auszubildende vor dem Spiel an. Zum gefühlten 12:0 kommt es dann doch nicht. Das Spiel übertrifft dennoch sämtliche Erwartungen.

Zur Vorfreude auf das Serbien-Spiel genügt es, sich vorzustellen, wie die Black Prince Road schon Stunden vor dem Spielbeginn in schwarz-rot-goldener Hand liegt – es erinnert an eine der kleineren Fanmeile in Köln oder Berlin. Die Sorgen, im Deutschland-Trikot durch die Hauptstadt eines fußballerischen Erzfeindes zu laufen, sind spätestens hier vollkommen vergessen. „Es ist einfach eine geile Stimmung. So ein Gemeinschaftsgefühl gibt es nur beim Fußball“, sagt Simon. Der 23-jährige Praktikant ist nicht zum ersten Mal im „Zeitgeist“: „Ich gucke hier auch Bundesliga, dann ist aber nicht so viel los. Nur beim Pokalfinale war es randvoll.“

„Deutschlaaaaand, Deutschlaaaaand“

Als aus dem Pub ein „Es geht los“ zu hören ist, strömen alle von der Straße ins Innere, wo das Spiel auf einem Fernseher und einer Leinwand aus dem deutschen TV übertragen wird. Jetzt ist allerdings das Ausmaß der Masse klar. Es ist bei weitem nicht für jeden Gast Platz. Christina (29) flüchtet in letzter Minute und sucht eine andere Gaststätte, die das Spiel zeigt: „Meine Freundinnen und ich sind zu klein, wir können hier gar nichts sehen.“ Eine ähnliche Atmosphäre wird sie aber wohl nirgendwo in London gefunden haben.

Nachdem die Nationalhymne feierlich durch den Pub dröhnt, kommen wenige Sekunden nach dem Anpfiff die ersten „Deutschlaaaaand, Deutschlaaaaand“ - Rufe. Schnell wird das gesamte Repertoire des deutschen Fangesang-Kabinetts herausgegrölt - die Stimmung kocht. Und das nicht nur aufgrund der brütenden Hitze. Auch ohne Michael Ballack muss nicht lange auf den ersten Höhepunkt gewartet warten. Publikumsliebling und FC-Angreifer Podolski hämmert den Ball in die Maschen. Grenzenloser Jubel. Bierduschen. Freundschaftliche Fausthiebe, denen sich ein Kreuzfeuer der „War doch klar, dass Lukas bei der WM wieder alles trifft“ – Floskeln anschließt. Als dann auch noch Miroslav Klose zum 2:0 trifft, kann kaum jemand glauben, was letztendlich doch jeder vorher vermutet hat. „Wir spielen genial. Das reißt sogar einen Klose mit“, brüllt jemand aus einer anderen Ecke des Raums. Das Ende des Ausrufs geht in den ersten „Mirooooo Klose“-Fangesängen unter. Der Motor der Turniermannschaft Deutschland läuft mal wieder auf Hochtouren. Die Euphorie der Weltmeisterschaft 2006 ist zumindest unter dem hiesigen Publikum schon nach 30 Minuten wieder zu spüren.

Nachdem in der Halbzeit eine Atemnot verhindernde Dosis an Sauerstoff getankt wurde, geht es im zweiten Durchgang munter weiter. Auch die in der Vergangenheit häufig kritisierte Einwechslung von Mario Gomez kann die Stimmung kaum trüben und wird lediglich mit ein paar Sprüchen wie „Jetzt können wir uns alles erlauben“ kommentiert.

Gegen Serbien geht's weiter

Dem Schlusspfiff folgt eine zwanzig Sekunden lange Jubelarie. Dann strömt die Menge schnell auf die Straße. Die Hitze im Inneren ist für niemanden mehr auszuhalten. Vorbei ist der Abend aber noch lange nicht. Auf der Straße wird vom klassischen „Humba tätärä“ bis zu „Viva Colonia“ noch einmal alles angestimmt, was den größtenteils angeheiterten Anhängern in den Sinn kommt.

Gegen 2 Uhr löst sich das Spektakel auf. Die meisten müssen am nächsten Tag arbeiten. Gegen Serbien rechnet das Team um Besitzer Jürgen Maennel mit einem ähnlichen Ansturm. Die deutsche Kellnerin Dina erzählt: „Wir öffnen um 10 Uhr. Wir wurden aber gefragt, ob wir nicht schon um 8 aufmachen können“.

„So kann es doch weitergehen“, sagt Anna (24). Danach verschlägt es auch sie nach Hause. Fest steht aber: „Zum zweiten Spiel bin ich wieder am Start. Dann geht die Party weiter.“ Zwei vorbeigehende Männergruppen schnappen den letzten Satz auf und kreieren aus „Die Party geht weiter“ gemeinsam einen Fangesang, den man noch hört, als sie bereits um die nächsten zwei Straßenecken gezogen sind. Wie sagt man so schön: „Solche Geschichten schreibt nur der Fußball.“ Es ist ein Zitat, das sich auch abseits des Spielfeldes bewahrheitet.



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