Von Jan Christian Müller, 21.06.10, 21:31h, aktualisiert 21.06.10, 22:41h
MARCELL JANSEN: Bin ich. Wie alle anderen auch.
Wie nah sind Sie an der Stammmannschaft dran, nachdem Sie seit dem 23. März wegen eines Syndesmosebandanrisses kein Bundesligaspiel mehr absolvieren konnten?
JANSEN: Passiert ist das bei einem ganz blöden Trainingsunfall. Im Grunde ist es ein Wahnsinn, dass ich überhaupt zur WM eingeladen wurde. Das zeigt, dass das Vertrauen wahnsinnig groß ist. Ich denke, ich habe dieses Vertrauen mit meinem Einsatz hier im Training zurückgegeben. Seit anderthalb Wochen läuft es super bei mir. Der Fuß spielt überhaupt keine Rolle mehr. Ich fühle mich sehr wohl und denke, dass ich sehr gute Eindrücke hinterlassen konnte. Ich bin bereit und wieder richtig geil auf Fußball.
Es könnte ja gute Gründe geben, Sie gegen Ghana aufzustellen... ...
JANSEN: . . .das muss der Trainer entscheiden. Wir haben ja einen gesperrten Spieler . . .
. . . der ist Stürmer, dort hatten wir Sie jetzt eigentlich nicht als Alternative vermutet.
JANSEN: Okay, ganz vorn nicht. Aber ich kann links zwei Positionen spielen, und ich bin heiß. Ich habe im Training so viel Gas gegeben, dass ich ziemlich sicher bin, diese Leistung auch im Spiel abrufen zu können.
Links hinten hat bislang Holger Badstuber gespielt. Er wurde massiv kritisiert für seine Vorstellung gegen Serbien, und Sie haben ein wenig Partei für ihn ergriffen. Sehen Sie sich mehr in der Rolle des Unterstützers für Badstuber sehen oder doch als Konkurrent?
JANSEN: Ich werde nie die Rolle eines Samariters und Helfers spielen und mich aufdrängen, um ihm in dieser Situation zu helfen. Aber ich bin Realist und weiß, wie Holger sich fühlt.
Weil Sie selbst bei der EM 2008 nach einer Halbzeit gegen Kroatien ihren Platz verloren haben?
JANSEN: Ich habe seinerzeit als Jüngster auf dem Platz nach der Kritik an meiner Leistung überhaupt keine öffentliche Unterstützung erhalten, obwohl ich vorher 27 Länderspiele meist recht ordentlich absolviert hatte. Und plötzlich hat man so getan, als ob das alles gar nicht gewesen ist und nur noch defensive Schwächen gesehen. Das war für mich eine harte Zeit. Natürlich dürfen Fehler kritisiert werden, auch bei jungen Spielern. Nur nicht so einseitig.
Sie wurden als Sündenbock ausgemacht.
JANSEN: Deshalb setze ich mich jetzt auch etwas für den Holger ein. Man darf einen Spieler nicht nach einem Spiel so aggressiv schlecht machen. Ich habe aber auch den Eindruck, dass er mehr Unterstützung in der öffentlichen Meinung erhält als ich damals.
Sie sind dann im EM-Finale gegen Spanien eingewechselt worden und haben gut gespielt. Fehlte dann dort das entsprechende Lob?
JANSEN: Das ist in der Niederlage völlig unterge gangen. Da hätte ich mir gewünscht, dass mal jemand sagt: „Hut ab, der Junge kommt als Jüngster rein, macht Wind und bereitet die beste Torchance vor.“ Vielleicht war es aber ganz gut, dass ich es gleich so hart abbekommen habe.
Haben Sie mit Badstuber mal darüber gesprochen?
JANSEN: Ich habe ihn damit in Ruhe gelassen. Er ist natürlich auch ein gelernter Innenverteidiger, das weiß man ja. Aber er hat super Spiele für die Bayern in dieser Saison gemacht und ist auch noch am Anfang, so wie ich damals.
Sie selbst würden sich einen Einsatz von Beginn an in einem so wichtigen Spiel wie gegen Ghana zutrauen?
JANSEN: Ich sehe meine Chance, aber ich sehe sie nicht, weil ein junger Spieler einen Fehler gemacht hat, sondern deshalb, weil ich wieder dort bin, wo ich vor meiner Verletzung war. Von Anfang an zu spielen ist immer leichter, als eingewechselt zu werden, weil man von Anfang an das Tempo viel besser mit aufnehmen kann als wenn alle anderen schon auf Temperatur sind.
Wie würde sich das deutsche Spiel ändern, weil Sie das Spiel anders interpretieren als Badstuber?
JANSEN: Ich gehe immer meine Wege nach vorne und versuche, dem Partner vor mir auch die Option zu geben, indem ich ihn hinterlaufe. Ich bin ein Offensiv-Linksverteidiger und dennoch auch ein Spieler, der seine Defensivaufgaben erledigt. Das habe ich bereits bei den Bayern bewiesen, als ich in meiner ersten Saison dort 30 Spiele gemacht habe, nachdem ich als Absteiger aus Mönchengladbach kam. Als linker Verteidiger habe ich jetzt auch bei der Nationalmannschaft trainiert.
Worauf muss man achten, wenn man hinter Lukas Podolski spielt?
JANSEN: Er geht hin und wieder auch gern nach innen, dann ist die Außenbahn frei. Das kann man nutzen.
Könnte es sogar sein, dass Sie vor Badstuber spielen und Podolski in die Spitze rückt?
JANSEN: Vorstellbar wäre das. Es könnte aber genauso gut sein, dass ich im Training einen so guten Eindruck hinterlassen habe, dass ich hinten spiele. Man hat mich ja sicher auch hierher mitgenommen, weil so viel Vertrauen da ist, dass man mich spielen lassen könnte.
Denken Sie, dass mit einem Ausscheiden gegen Ghana diese junge Mannschaft als Ganzes in Frage gestellt werden könnte?
JANSEN: Durch ein, zwei Spiele kann nie alles in Frage gestellt werden. Unsere Entwicklung ist positiv. Andere Länder haben das verpasst, das sehen wir ja derzeit. In Deutschland hat Joachim Löw an entscheidender Stelle mit an der Verjüngung gearbeitet. Aber er wäre wahrscheinlich nach dem erstmaligen Vorrunden-Aus einer deutschen Nationalmannschaft bei einer WM nicht mehr Bundestrainer. Dennoch bleibt es doch dabei: Die Jugendarbeit im DFB ist sensationell. Matthias Sammer und sein Team arbeiten da super. Es gibt keinen Grund, alles in Frage zu stellen, nur, weil etwas passieren kann, mit dem niemand rechnet.
Wären Sie enttäuscht, wenn Sie Mittwoch nicht dabei wären?
JANSEN: Ich werde nie lauthals meinen Einsatz fordern. Ich will Fußball spielen, aber das wollen alle anderen auch.
Würden Sie ihre Spielweise daran anpassen, dass die Schiedsrichter in der Regel schnell mit Gelben Karten dabei sind?
JANSEN: Erst mal nicht. Wenn ich Gelb gesehen habe, kann ich mir immer noch überlegen, was ich dann mache.
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