Schriftgröße

Günther Netzer

Schluss nach zwölf Jahren mit Delling

Von Jan Freitag, 05.07.10, 22:18h, aktualisiert 06.07.10, 09:03h

Die Zuschauer dürften traurig sein: Nach zwölf Jahren beendet Günter Netzer seine Zusammenarbeit mit der ARD. Das WM-Spiel um Platz Drei wird der letzte Auftritt als Fußball-Experte neben seinem kongenialen Prellbock Gerhard Delling sein.

Günter Netzer
Bild vergrößern
Günter Netzer (r.) und Gerhard Delling. (Bild: dpa)
Günter Netzer
Bild verkleinern
Günter Netzer (r.) und Gerhard Delling. (Bild: dpa)
Der Mann will einfach nicht aus seiner Haut. „Ferrari-Fahren mit ihr kostet mich zu viel Nerven“, so erklärte Deutschlands bekennender Fußball-Macho mal der „Gala“, warum sein Auto für die Gattin tabu sei. Und wenn das Spielfeld eine Bühne ist, dann steigt Günter Netzer nun herunter, raus aus einem Leben im Scheinwerferlicht, ein selbstbewusstes, aufrichtiges, eines der Siebziger, das in die Gegenwart strahlt. Ach was - bei Netzer sind einst und heute eine Einheit.

Schon in seiner aktiven Zeit trat er seine Autos bis zur Achse durch, Frauen waren nur Gebrauchsgut und in seiner Geburtsstadt Mönchengladbach besaß Kettchen-Günni eine Disco namens „Lovers Lane“, die er gegen den Trend schwarz gestaltete. Netzer war anders, Netzer war Kult, Netzer war Pop. Dann ging Netzer zur ARD, dieser biederen Anstalt öffentlichen Rechts und siehe da: Netzer war weiterhin anders, Kult, Pop. Wenn Netzer also mit dem letzten Abpfiff der WM das Fernsehen verlässt, sollte besser keiner denken, nun sei alles vorbei. Denn eines duldete das einzig wahre Sexsymbol der Bundesligahistorie nie: Bedeutungsverlust. Nicht zuletzt dank der blonden Mähne, seinem Markenzeichen bis hinein nach Südafrika, wo er mit Gerhard Delling letztmalig Kickerprosa improvisiert, dadaistische Dialogkunst beizeiten, Wortduelle, die kaum jemand einem Balltreter wie ihm zugetraut hätte.

Den Grimme-Preis hat er dafür gekriegt, viel Lob und noch mehr Geld, das er nicht braucht, aber irgendwie anzieht. Schon als Manager des HSV galt er als teuerster Posten im Meister-Etat. Seine Schweizer Sportrechte-Agentur Infront hat die vorigen zwei Weltmeisterschaften für den Gegenwert von geschätzten 120.000 Ferraris vermarktet, was seinen Fuhrpark erweitert haben dürfte. Und auch das Erste kam er teuer zu stehen. Doch in den Köpfen verankert bleibt er als aktueller Experte mit aktiver Historie, die Seitenscheitel gewordene Sehnsucht nach Kreativität im Effizienten, nach lässiger Pflichterfüllung, nach Lebenskunst. Günter Netzer, der deutsche Südländer. Da mögen Kritiker noch so nörgeln, ihm sei vieles zugeflogen. Weltmeister ist er - kam 1974 aber nur auf 14 Spielminuten. Seine Mittelfeldregie war von beispielloser Eleganz - brachte ihm jedoch magere 37 DFB-Einsätze. Im Pokalfinale '73 traf er zum Sieg - nach 90 langen Minuten auf der Bank.

Wenige Spiele zur Unsterblichkeit

Andere mussten jahrelang schuften, so die FAZ, „ihm genügten wenige Spiele zur Unsterblichkeit“. Nach 300 für Gladbach und 85 für Real klagte auch Netzer, die Tragik des Fußballs läge darin, „dass Schönheit nicht immer erfolgreich ist“. Ob sich das geändert hätte, wenn er die angebotene Professur an der Düsseldorfer Kunstakademie angetreten hätte? Er lehnte ab und kann ohne falsche Eitelkeit verkünden, „irgendwie ein Spießer“ zu sein. Damals wie heute. Das ist er in der Tat und er ist es auch wieder nicht, mit seiner gestelzten Schlagfertigkeit und der altklugen Jugend. Herrlich! „Ich habe nie versucht, mich zu ändern“, sagte er in einem Hamburger Luxushotel, als die ARD ihr WM-Konzept vor 300 Journalisten präsentiert. Und präsentieren, das heißt bei einem wie ihm antworten, auf die immergleichen Fragen: Frisuren, Delling, Weltmeistertipps, Delling, alte Zeiten, Delling.

Er kokettiert mit Alter, Optik und Seriosität, damit, unpolitisch zu sein, normal, einfach gestrickt. Er habe „immer noch denselben Friseur wie 1976“, sei „völlig authentisch“ und „hasse Fernsehen“, das ihm auch nach zwölf Jahren an Dellings Seite suspekt sei, obwohl er am kongenialen Widergänger Gerhard das Sprachliche, Sachliche lobt, die Verlässlichkeit. Aber Wehmut? Nein, nein. Wir Zuschauer jedoch, wir dürfen durchaus ein wenig traurig sein. Den Spießer sehen wir ihm ohnehin nach. Vier Wochen durften wir seine Kabbeleien genießen und konnten es auch, weil ihr Ende terminiert war. Noch eine WM lang entglitten seine Gesichtszüge, wenn Delling am Spielstil seines „Siez-Freundes“ mäkelte; noch eine WM lang machte sein tonloser Bariton epische Monologe noch epischer, noch eine WM lang blickte er ins Leere, falls die Kamera schwenkte; noch eine WM lang mischte er bedingungslose Ehrlichkeit mit staubtrockener Analytik und wie so oft wird uns, was wir hassen, erst dann fehlen, wenn es fort ist. „Mit mir kann man keine Show machen“, sagt er mal und wie das größte Showtalent des deutschen Fußballs das so sagt, strahlt es aus, was rar geworden ist im TV-Zirkus: Würde. Sie wird dem Fernsehen fehlen.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Anzeige


Bildergalerien


ksta-blogs.de


Kolumne


WAS.WANN.WO.


Hintergrund


Extra


Dienste