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DEL-Interview

„Welle wie beim Bosman-Urteil droht“

Erstellt 06.07.10, 21:46h, aktualisiert 06.07.10, 21:47h

Der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Eishockey-Liga, Jürgen Arnold, sprach mit Christian Oeynhausen über den mehrere Vereins-Existenzen bedrohenden Lizenz-Streit im Eishockey und mögliche Folgen für andere Profiligen.

Jürgen Arnold
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Der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Eishockey-Liga, Jürgen Arnold. (Bild: Privat)
Jürgen Arnold
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Der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Eishockey-Liga, Jürgen Arnold. (Bild: Privat)
Herr Arnold, um die DEL-Teilnahme der Kassel Huskies hat sich eine Schlammschlacht entwickelt. Einstweilige Verfügungen, Gerichtsvollzieher, Strafanzeigen. Was ist da los?

JÜRGEN ARNOLD: Die Kassel Huskies versuchen, sich auf juristischem Weg das Spielrecht zu erstreiten und das unter Missachtung aller Regeln und Satzungen sowie auch unter Nichtanerkennung der uns selbst gegebenen Gerichtsbarkeit. Es gibt zwei Themen: Das eine ist der Ausschluss der Huskies wegen der Insolvenzeröffnung. Es ist im Geist unserer Satzung klar geregelt, dass das ein klarer Ausschlussgrund ist. Der andere Punkt ist das Lizenzierungsverfahren zur Bestätigung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit für die kommende Saison. Das wird ganz objektiv mit einem Wirtschaftsprüfer durchgeführt. Da muss jeder Klub durch. Beides scheint Kassel nicht zu interessieren. Sie haben einen Richter vor dem Kölner Landgericht gefunden, der ihnen ohne jegliche vorherige Anhörung der Liga und offensichtlich auch ohne Hinzuziehung der hinterlegten Schutzschriften mittlerweile vier Einstweilige Verfügungen ohne jegliche Begründungen ausgestellt hat. Da halte ich persönlich schon fast für einen Skandal.

Kassel argumentiert, man könne ein Unternehmen nicht wegen eines Insolvenzverfahrens vom Markt ausschließen, denn der Markt sei doch die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen und Schulden zurück zu bezahlen.

ARNOLD: Im Sport können wir nicht nur die Argumente eines klassischen Insolvenzrechts heranziehen. Im Sport widerspricht das der Idee der Wettbewerbsgleichheit. Wer seine Schulden einfach abwälzen kann, hat andere wirtschaftliche und damit auch sportliche Startvoraussetzungen; das wäre nicht fair. Das andere Thema ist der Lizenzentzug wegen fehlender wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Letztlich haben wir Kassel die Lizenz aus denselben Gründen verweigert wie Frankfurt. Die Lions akzeptieren das, Kassel setzt sich darüber hinweg, als wäre es nie irgendwo aufgeschrieben worden. Die Kölner Haie zum Beispiel haben sich mühevoll Investoren gesucht und das Problem eben nicht durch eine Insolvenz gelöst.

Was würde es bedeuten, wenn Kassel vor Gericht siegt?

ARNOLD: Dann brauchen Sie kein Lizenzierungsverfahren mehr zu machen. Dann kann sich jeder anmelden, der will. Er muss nichts mehr nachweisen.

Hätte man das DEL-Statut rechtsicherer, als unanfechtbar machen können?

ARNOLD: Wir sind der Auffassung, dass unsere Statuten rechtssicher sind und wir sind der Überzeugung, dass unsere Statuten halten. Was Kassel jetzt versucht, ist, mit den Einstweiligen Verfügungen Zeit zu gewinnen und sich sozusagen faktisch das Spielrecht zu erhalten, weil eine Entscheidung in der Hauptsache viel zu spät fällt, wenn die Saison schon läuft. Wir müssen nun hoffen, dass die Justiz versteht, dass unser Spielbetrieb in acht Wochen beginnen soll und wir vorher Klarheit brauchen.

Ist es nicht so, dass das DEL-Statut einen Umgang mit Insolvenzrecht außerhalb des "normalen" Rechts etabliert, eine "Lex Sport" für Sport-GmbHs? Das soll ihnen ein Gericht gestatten?

ARNOLD: Zunächst mal ist das keine Sonderregelung außerhalb des „normalen Rechts“ für den Sport. Die Gründe für den Ausschluss von Gesellschaftern können können bei alle Gesellschaften individuell festgelegt werden. Und es kann nicht sein, dass man sich als Sportklub über ein Insolvenzverfahren seiner Verbindlichkeiten zu Lasten Dritter einfach entledigen kann, ohne dass das Auswirkungen auf die Teilnahme an der jeweiligen Liga hat. Das öffnet der Wettbewerbsverzerrung durch unverantwortliches Wirtschaften, dem finanziellen Harakiri, Tür und Tor.

Nicht nur im Eishockey?

ARNOLD: Wenn man sich als Klub mit einer Einstweiligen Verfügung einfach über Satzungen und Lizenzverfahren hinweg setzen kann, wird das eine Welle auslösen, über alle Ligen und alle Sportarten hinweg. Kassel würde ein Präzedenzfall werden, nicht nur im deutschen Eishockey, sondern in allen Profi-Sportarten in Europa. Der Sport und seine fairen Wettbewerbe würden in ihren Grundfesten erschüttert.

Das mag sein. Aber solche Einwände haben den Europäischen Gerichtshof seinerzeit auch nicht daran gehindert, mit dem Bosman-Urteil die Ablöse- und Ausländerregeln zu kippen.

ARNOLD: Wenn es so käme, müssten wir es hinnehmen, keine Frage. Aber wir wollen und müssen es entschieden haben. Wir gehen da bis zur letzten Instanz. Sollten wir in Köln verlieren, hoffe ich, dass der Bundesgerichtshof die Tragweite erkennt. Aber es könnte tatsächlich zu einer Situation ähnlich wie bei Bosman kommen.

Wie reagiert Kassel auf moralische Argumente? Der Klub hat die Satzung ja mitbeschlossen. . .

ARNOLD: . . Kassel hat ja auch jahrelang andere Gesellschafterklubs mit ausgeschlossen. Aber es geht hier offensichtlich darum, das Spielrecht mit allen Mitteln zu erstreiten.

Frankfurt akzeptiert den Lizenzentzug, Kassel nicht. Wo ist der Unterschied in der Motivation?

ARNOLD: In Kassel will der Investor eine Multifunktionshalle bauen, übrigens auch mit erheblicher Unterstützung der öffentlichen Hand. Mit dem Projekt ist wohl die DEL-Zugehörigkeit der Huskies verknüpft. Deswegen ist ihnen jetzt alles egal.

Wie ist die Stimmung unter den anderen DEL-Gesellschaftern?

ARNOLD: Kassel schädigt bewusst das Ansehen der Liga und diffamiert Organe der DEL. Es gibt eine bemerkenswerte Einigkeit in der DEL, Kassel auszuschließen. Im Ausschlussverfahren hat nicht ein Klub für Kassel gestimmt.



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