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Porträt

Paradies unter der Erde Johannesburgs

Von Peter Pauls, 10.07.10, 11:38h, aktualisiert 12.07.10, 08:42h

Paradies für Männer, Frauen, Kinder: George Laroudis verkauft Modell-Eisenbahnen, seine Frau Areti führt ein kleines Restaurant - alles unter einem Dach in der Metropole Johannesburg. Ein Besuch im verrücktesten Laden Südafrikas.

George Lagoudis
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Der griechischstämmige Südafrikaner George Lagoudis und seine Frau Aret vor ihrem Laden in Johannesburg. (Bild: Pauls)
George Lagoudis
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Der griechischstämmige Südafrikaner George Lagoudis und seine Frau Aret vor ihrem Laden in Johannesburg. (Bild: Pauls)
Ein kleines Wunder im harten Johannesburg: Es gibt tatsächlich noch Leben in dem unterirdischen Einkaufscenter. Auf den ersten Blick wirkt es geschlossen. Dann lässt sich doch eine Tür zum Treppenhaus knarrend öffnen. Die Fensterscheiben sind verdreckt, die Rolltreppen stehen still. Wo einst der riesige Supermarkt, die Discount-Apotheke, der Künstlerbedarf und all die anderen Geschäfte für wuseligen Geschäftsbetrieb sorgten, gähnen heute verlassene Ladenzeilen. Nur im Seitengang rechts erscheint, unwirklich wie eine Fata Morgana, das kleine Geschäft, das immer schon an dieser Stelle war. Es sieht aus, als sei es einem Prospekt „So waren die 60er Jahre“ entsprungen. George Lagoudis und seine Frau Areti haben die Stellung gehalten mit ihrem Paradies für Kinder, Männer und Frauen: Das Ehepaar führt einen der verrücktesten Läden an einem ungewöhnlichen Platz. George verkauft Modelleisenbahnen in allen Größen samt Zubehör wie Faller-Häuschen, Modellautos und kleine Bäumchen. Areti kümmert sich um griechische und italienische Delikatessen sowie köstliche Snacks bis hin zum ausgewachsenen Mittagessen, Getränke, Käse, Schinken. Spielzeug- und Lebensmittelladen sowie ein kleines Restaurant - alles unter einem Dach.

Frische Weißwürste

Der Lebensmittelhandel „A. Portas“ und „The Shunting Yard“ (Die Rangierstrecke) sind zweitältestes Geschäft der Millionenmetropole und einer der letzten Vertreter eines europäisch geprägten Einzelhandels, der einst typisch für das Einwanderungsland Südafrika war. Hier kauften Menschen, was sie aus ihren europäischen Herkunftsländern kannten - Essen, Trinken, Bücher, Autos - und eben Modellspielzeug. Heute gibt es noch den deutschen Metzger in Johannesburg, der frische Weißwürste herstellt.

Doch von den meisten Spezialgeschäften künden nur noch vergilbte Schwarz-Weiß-Bilder in Ausstellungsvitrinen oder die eine oder andere verblichene Geschäftsreklame. Die Zeit ist hinweg gegangen über die Schwarzwald-Stube, das Cafe Kranzler oder die legendäre „Wurstbude“ im verrufenen Amüsierviertel „Hillbrow“. Entweder sind die Geschäfte verschwunden oder zu großen Filialbetrieben geworden. Mit der portugiesischen Großbäckerei Fournos geschah das so oder mit Nino's Spagetti-Restaurants, die man heute buchstäblich an jeder Ecke findet.

George Lagoudis aber ist ein Herr wie aus dem Bilderbuch. Einer wie kein anderer. Franchise - unmöglich! Ein charmanter Einzelhändler ältester Schule. Höflich, stets dem Kunden zugewandt, blendend informiert und mit dem Bewusstsein ausgestattet, jemand zu sein: Auf jeden Fall ist George Lagoudis Südafrikas am längsten aktiver Märklin-Händler - 1975 bekam er die Lizenz des Göppinger Modellbahnbauers. Und wenn man sagt, er sei mit seinen 70 Lebensjahren sicher auch der älteste Märklin-Händler Afrikas, wird wohl niemand Einspruch erheben.

Alles begann, typisch für Südafrika, in den Goldminen. 1896 kehrte der griechische Geschäftsgründer Athahasious Portas mit seinem italienischen Partner Luigi Fatti der harten Arbeit unter Tage den Rücken. Lieber verkauften sie griechisches Olivenöl, italienische Pasta, Käse und all das, was ein Auswanderer im Ausland vermisst. 1970 übernahmen George und Areti Lagoudis den vom Großonkel gegründeten Betrieb. Das war die Zeit, in der sich in Südafrika die großen Supermärkte etablierten, während in George die Sorge um die Zukunft keimte. Er setzte neben den kleinen Delikatesshandel den neuen Zweig Modelleisenbahnen. Die Leidenschaft dafür war in ihm im Alter von drei Jahren geweckt worden, als er eine Blechlokomotive mit der Aufschrift „Illinois Central“ geschenkt bekam. Auch sie ist übrigens noch in einer der zahlreichen Ausstellungsvitrinen zu bewundern.

Vielleicht einen Kaffee? George ist nicht nur gastfreundlich. Er wartet auch auf die Gelegenheit, die leeren Tassen - von einer Modellbahn natürlich - in die Küche fahren zu lassen mit täuschend echt simulierten Pfeif- und Dampfgeräuschen. Er hat riesengroße Bahnen für den Garten im Angebot oder winzig kleine. Und er berichtet gerne und stolz, wie er persönlich als Nobody bei Märklin vorsprach und nach vier Tagen mit einer Verkaufslizenz nach Südafrika zurück kehrte. Wenn er von Märklin spricht, ist klar, diese Firma ist für ihn mehr als ein Geschäftspartner. Sie ist Bestandteil seiner Lebensarchitektur geworden.

Etwa 50 Jahre zählt der durchschnittliche Eisenbahn-Kunde im „Shuntig Yard“, und er kommt nicht nur von weither aus Südafrika angereist, sondern auch aus angrenzenden Ländern wie Botswana. Es sind Professoren, Mediziner, Rechtsanwälte und Politiker (aus Botswana), die sich hier den Nachschub für ihre Kinderträume sichern. Sie fühlen sich zuhause in dieser Spielzeug-Welt und das liegt nicht nur an den Modell-Eisenbahnen, sondern auch an deren nimmermüden Bewirtschaftern. Areti, die auch Kochkurse für griechische und deutsche Küche gibt, sorgt für einen täglichen Mittagstisch, der Besucher mit Ortskenntnis in die Tiefen des verlassenen Einkaufscenters lockt. So gewinnt dieser unwirkliche Ort auch den Charakter einer Fluchtburg, einer Welt weitab von der Hektik der Metropole. Und George ergänzt, wie befriedigend es doch für ihn als Kaufmann sei, einen guten Kunden, der gerade einen namhaften Betrag in einen Spielzeug-Zug investiert habe, auf eine Portion Pasta einzuladen oder zumindest auf Kourabiethes (griechische Mandelplätzchen) mit Kaffee.

Aber ist es denn nicht gefährlich, in dieser einsamen Geschäftslage? Ach wo, antworten beide in unerschütterlicher Gewissheit. Wer stiehlt schon Modell-Eisenbahnen! Und viel Geld wird ohnehin nicht bei ihnen vermutet. Der Schnapsladen, der bis vor wenigen Jahren noch hier unten ausgehalten habe, der sei mehrmals überfallen worden. Aber „A. Portas“ und „The Shunting Yard“ nie. Und wann wollen sie in Rente gehen und sich den Hobbys widmen? Eine unangebrachte Frage. „Wir gehen doch jetzt schon nur unseren Hobbys nach“, sagen sie übereinstimmend. Modelleisenbahnen und Kochen eben.

Letzte Frage: Was liebt George am stärksten? Griechisches Essen oder Modelleisenbahnen? „Meine Frau“, sagt er, und beide lächeln zufrieden in ihrer Spielzeugwelt im verlassenen Einkaufscenter.



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