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Schiedsrichter

Die Fifa schweigt eisern

Von Jens Weinreich, 28.06.10, 22:32h, aktualisiert 29.06.10, 09:50h

Die Schiedsrichter sind bei dieser Weltmeisterschaft so oft wie selten zuvor in die Kritik geraten. Die Fifa blockt alle Fragen zu falschen Entscheidungen und Reformen ab. Auf technische Hilfsmittel will man nicht zurückgreifen.

Karikatur von Skott
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(Karikatur: Skott)
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(Karikatur: Skott)
SANDTON - Da mag die Welt sich wie ein Brummkreisel drehen, da mögen hunderte Millionen Menschen weltweit die fatalen Fehlentscheidungen der Schiedsrichter bei dieser WM diskutieren, doch im Fifa-Hauptquartier im Hotel Michelangelo Towers bleibt es geruhsam. Mittags um elf sitzt Issa Hayatou aus Kamerun mit Gemahlin Marie-Claire und seiner Entourage noch beim Frühstück. Dann wird im Hinterzimmer ausgiebig geraucht. Alles zu seiner Zeit.

Hayatou ist nicht irgendwer, sondern Chef des Fifa-Organisationskomitees dieser WM, Präsident der afrikanischen Fußball-Konföderation (CAF) und eine IOC-Mitgliedschaft hat er selbstverständlich auch. Der Fifa-Vizepräsident Hayatou ist wichtig und trägt immense Verantwortung. Hören wir, was er zu den Schiedsrichtern sagt, die dieser WM eine bizarre Note geben und die sportlichen Resultate verfälschen: Hayatou sagt - gar nichts. „Ich habe zu tun, verstehen sie. Ein andermal vielleicht!“

So ist das in der Parallelgesellschaft Fifa. Ortswechsel, zwei Stunden später: Nach einem entspannten Lunch im „Fifa Club“ zwei Etagen höher schlendert Ángel María Villar Llona über den Flur. Der Chef der Fifa-Schiedsrichterkommission, bleibt freundlich stehen und hört sich die Frage an. Dann werden seine Augen ganz klein, er guckt grimmig und hat es plötzlich sehr eilig. „Zur Schiedsrichter-Frage“, zischt Villar Llona, „hören sie von mir kein einziges Wort.“

Auch Vizepräsident Chung Mong-Joon, Uefa-Präsident Michel Platini oder Fifa-Präsident Joseph Blatter - alle sind sie schwer beschäftigt mit Speis und Trank und Ruhepausen. Und schließlich, was regt sich die Welt auf, haben sie doch schon alles zum Thema gesagt. Anfang März etwa, nach der Sitzung des für die Regeln zuständigen International Football Association Boards (Ifab).

Damals übrigens stimmten auch zwei der vier britischen Verbände, die sich jetzt kollektiv über das nicht gegebene Lampard-Tor beschweren, im Ifab gegen die Einführung von Torkamera, Chip im Ball und Videobeweis. Auf die Aussagen nach jener Ifab-Sitzung verwies man nun erneut. Damals erklärte Blatter: „Wieso sollte man die Verantwortung des Schiedsrichters jemandem anderen übertragen? Selbst eine Zeitlupeneinstellung bringt keine Klarheit.“

Diese WM bewies das Gegenteil. Blatter behauptete übrigens auch: „Wird das Spiel für einen Entscheid unterbrochen, könnte es den natürlichen Gang des Spiels beeinflussen und einem beliebigen Team eine Torchance nehmen.“ Über die Diskussionen im Anschluss an strittige Entscheidungen, wie am Sonntag nach dem Lampard-Tor (bei England gegen Deutschland) als auch das Abseits-Tor von Tevez (bei Argentinien gegen Mexiko) sagt er nichts. Vielleicht, weil sonst jemand auf die Idee käme, eine klare Korrektur per Fernsehbild brächte Zeitersparnis.

Wenn man ganz böse wäre, könnte man sogar glauben, die Fifa habe vielleicht kein gar so großes Interesse an einem saubereren Sport, weil sich sonst ihre sportpolitischen Einflussmöglichkeiten verringern würden. In der Fifa-Schiedsrichterkommission tummeln sich neben dem Spanier Villar Llona allerlei dubiose Gestalten, allen voran Brasiliens Verbandschef Ricardo Teixeira, der daheim in etliche Schiedsrichter-Skandale verstrickt war. Teixeira, ist Organisationschef der WM 2014, hat seinen Sitz im Fifa-Exekutivkomitee quasi auf Lebenszeit und ist für seine schwarzen Nebeneinnahmen in Millionenhöhe berüchtigt. So ließ er sich etwa vom einstigen Fifa-Marketingpartner ISL / ISMM bestechen. Zur Referee-Kommission gehört auch der Pole Michal Listkiewicz, daheim als ehemaliger Verbandschef für Korruption, Schiedsrichterbestechung und etliche andere Skandale mitverantwortlich. Blatter hat Listkiewicz stets gestützt. Schiedsrichter-Obmann der Fifa ist ein Spanier: José María Garcia-Aranda. Und der hat kürzlich festgestellt: „Wir haben bisher exzellente Schiedsrichter-Leistungen gesehen. Ich bin sehr, sehr zufrieden.“

Die Schiedsrichter sind das schwächste Glied in der Kette. Sie machen die Arbeit, sie machen Fehler, sie können irren. Doch die Technik darf ihnen nicht helfen. Selten wurde das so klar wie am Sonntagabend, als im Soccer City Stadium das Abseitstor von Tevez über die Großbildschirme flimmerte, die mexikanischen Spieler sich mächtig erregten, der italienische Schiedsrichter Roberto Rosetti aber regelgemäß den Fehler nicht korrigierte. Fußball absurd.

Hätte sich Rosetti korrigiert, hätte er womöglich einen Fairplay-Preis gewonnen, aber seine Karriere als Fifa-Schiedsrichter wäre beendet. Die WM-Schiedsrichter dürfen sich nicht zu derlei fundamentalen Vorgängen äußern. Fragt man sie nach dem Video-Beweis, so sind sie alle dagegen. Das System lässt keine eigene Meinung zu, das System zwingt zur Unwahrheit.

Es fällt auf, dass sich immer nur ehemalige Schiedsrichter, wie etwa Markus Merk, zum Technik-Einsatz bekennen. Deutschlands aktueller WM-Schiedsrichter Wolfgang Stark dagegen spricht sich vehement gegen den Video-Beweis aus. Das ist formal korrekt. Das gefällt Joseph Blatter. Das ist vielleicht sogar Starks wirkliche Meinung. Aber das hilft bei dieser Weltmeisterschaft niemandem weiter. Schon gar nicht denjenigen, die durch schwere Fehler betrogen wurden.



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