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Oper

Gershwins schwarzer Traum

Von Sarah Brasack, 13.07.10, 21:27h, aktualisiert 13.07.10, 21:27h

„Porgy and Bess“ eröffnet in diesem Jahr das 23. Sommerfestival in der Philharmonie. Ausschließlich schwarze Sänger wirken in dem Stück mit. Morenike Fadayomi spielt die „Bess“. Sie ist eine der wenigen Europäerinnen in der Truppe.

Morenike Fadayomi
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Morenike Fadayomi, Opernstar aus Düsseldorf. (Bild: Worring)
Morenike Fadayomi
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Morenike Fadayomi, Opernstar aus Düsseldorf. (Bild: Worring)
Am Anfang des ersten Akts ist die kleine Welt in Catfish Row noch in Ordnung. Ein schwüler Sommerabend schlummert über der Siedlung, in der die schwarze Bevölkerung von Charleston wohnt. Sorglos schmiegt sich ein Baby in die Arme seiner Mutter Clara und lässt sich „Summertime“ vorsingen, das wohl berühmteste Wiegenlied aller Zeiten. Doch die verführerische Sicherheit in den Liedzeilen trügt: „Dein Vater ist reich, und deine Mutter sieht hübsch aus.“

Zumindest die erste Zeile ist gelogen. Die Väter in George Gershwins Oper „Porgy and Bess“ sind alles andere als reich. Es sind Baumwollpflücker und Fischer, die an diesem Samstagabend ihre mageren Einnahmen beim Glücksspiel verprassen. Ihren Würfeln flüstern sie beschwörend Kosenamen zu, nennen sie „kleine Sternchen“ oder „schwarzäugige Luder“.

Die Ehefrauen zetern. Ihre Schimpftiraden gelten nicht nur dem rausgeworfenen Geld, sondern auch der frivolen Koksschnupferin Bess, die im Arm des Schurken Crown anrückt. Als Crown im Streit über einen verlorenen Geldeinsatz einen anderen Spieler totschlägt, flüchtet Bess vor der Polizei in die Wohnung des Krüppels Porgy. Während Catfish Row in Schrecken und Chaos versinkt, erblüht in dieser ärmlichen Hütte eine Liebe zwischen zwei Außenseitern.

„Porgy and Bess“ eröffnet in diesem Jahr das 23. Sommerfestival in der Philharmonie. Neun Abende lang gastiert das New York Harlem Theatre mit seiner Produktion in Köln. Es ist eine der seltenen Gelegenheiten, die Oper auf einer deutschen Bühne zu sehen. Denn der Komponist verfügte seinerzeit, dass seine im Jahr 1870 spielende Milieustudie einer schwarzen Gemeinschaft ausschließlich von schwarzen Sängern aufgeführt werden darf - der Authentizität wegen. Schwarze Sänger aber sind in europäischen Opernensembles rar gesät. Das New York Harlem Theatre bespielt deshalb die ganze Welt. Die meisten Ensemblemitglieder sind Amerikaner und fliegen für ihre Gastspiele über den großen Teich. Morenike Fadayomi muss für die Vorstellungen in Köln nur in einen Zug am Düsseldorfer Hauptbahnhof steigen. Die Bess-Interpretin ist eine der ganz wenigen Europäerinnen in der Truppe.

Seit 13 Jahren singt die gebürtige Engländerin als festes Ensemblemitglied an der Düsseldorfer Rheinoper. Ihr Vater stammt aus Nigeria. Wenn die Düsseldorfer Oper in den Sommerschlaf versinkt, tourt sie mit „Porgy and Bess“ durch die Welt - Japan, Italien, Norwegen und Deutschland. Bühnenbild und Inszenierung seien traditionell, ohne Spuren von modernem Regietheater, erklärt Fadayomi: „Das lässt die Musik und die Geschichte atmen.“ Wie steht sie zu der Verfügung von Gershwin? „Ich finde die Regelung okay“, sagt sie. Dann schiebt sie scherzhaft hinterher: „Warum sollen die Schwarzen nicht auch eine Oper haben?“ Schwarze Interpreten sängen die Oper mit mehr Herz. Und die Gershwin-Oper sei schließlich vor allem das: dramatisch und emotional.

Die Meinungen im Jahr 1935 nach der Uraufführung in Boston klangen deutlich reservierter. Viele Kritiker lästerten, das Werk sei mehr Musical als Oper und enthalte zu viele „Schlager“. Kurzum: ein wenig ernstzunehmendes Stück. Die legendären Jazzinterpretationen von Louis Armstrong und Ella Fitzgerald gaben solchen Geringschätzungen in den kommenden Jahrzehnten zusätzliches Futter. Noch heute sähen einige Kritiker auf die Oper herab, sagt Fadayomi. Die Welt hat längst anders entschieden.

Sie hat „Porgy and Bess“ Klassiker-Status verliehen. Erstaunlich ist es nicht, dass sich die weiße Elite Amerikas viele Jahre dagegen sträubte, die Oper in ihre Hochkultur-Tempel aufzunehmen: Ein Werk, das um das Leben einer schwarzen Bevölkerung kreist, konnte in einer rassistisch geprägten Gesellschaft kaum auf Akzeptanz hoffen. Doch auch die Afroamerikaner betrachteten Gershwins Oper lange skeptisch. Allzu stereotyp schien ihnen das Porträt eines von Armut, Alkoholmissbrauch und Gewalt geprägten schwarzen Ghettos - zur Identitätsstiftung ungeeignet. „Für mich ist es eine universelle Geschichte. Es geht vor allem um Liebe und um Gemeinschaft, im Guten wie im Schlechten“, sagt Fadayomi.

Diese universelle Kraft spürte Fadayomi, als sie mit dem Ensemble vor einigen Jahren ein Gastspiel in Eritrea gab. Das afrikanische Land ist von seinem dreißigjährigen Bürgerkrieg bis heute schwer gezeichnet. Die Benefiz-Aufführung spielte in einem ärmlichen Kinosaal, der notdürftig aufpoliert worden war. Die Afrikaner flippten bei der Vorstellung fast aus vor Begeisterung. „Es war ein Gänsehaut-Erlebnis.“ Fadayomi würde die Oper gerne häufiger in afrikanischen Ländern aufführen. „Aber das ist leider eine Geldfrage.“

Am Ende der Oper reist Porgy seiner Geliebten Bess nach New York hinterher, um sie zurückzugewinnen. Ob seine Mission gelingt, bleibt offen. „Doch die Schlussmusik klingt nach Hoffnung“, sagt Fadayomi. Sie glaube fest an ein Happy End in der kleinen Welt von Catfish Row.



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