Schriftgröße

WCCB-Projekt

Eine Akte des Grauens

Von Barbara A. Cepielik, 13.07.10, 22:16h

Das „World Conference Centers Bonn“ (WCCB) sollte das neue Aushängeschild der ehemaligen Bundeshauptstadt werden. Doch ein Prüfbericht dokumentiert jetzt auf 475 Seiten das Versagen der Stadt Bonn beim Bau des Kongresszentrums.

World Conference Center Bonn
Bild vergrößern
Das World Conference Center in Bonn - die Baustelle ruht seit fast einem Jahr. (Bild: dpa)
World Conference Center Bonn
Bild verkleinern
Das World Conference Center in Bonn - die Baustelle ruht seit fast einem Jahr. (Bild: dpa)
Bonn - Das Kongresszentrum in Bonn sollte in die Welt Signale aussenden wie ein Leuchtturm. Seht da, diese Stadt glänzt, auch wenn sie nicht mehr Hauptstadt heißt. Und in der Tat: Signale gehen vom Kongresszentrum auch aus. Aber es sind solche des Grauens. Denn statt avisierter 140 Millionen Euro kostet das Bauwerk inzwischen 200 Millionen Euro, alle beteiligten Gesellschaften sind in der Insolvenz, die Baustelle ruht. Die Stadtverwaltung will nun, um zu retten, was zu retten ist, den Komplex selbst fertigbauen - und wirkt selbst wie eine Baustelle, allerdings eine, auf der viel in Bewegung ist.

Die Geschichte des World Conference Centers Bonn (WCCB) ist eine Verkettung von schier unglaublichen Ereignissen und Ungereimtheiten rund um einen finanzschwachen Investor namens Man-Ki Kim, dem planenden Architektenbüro, Geldinstituten und der Stadtverwaltung, die der gewiefteste Thriller-Autor nicht hätte ersinnen können. Bonner Politiker und Journalisten haben sich (neben der Staatsanwaltschaft) um Aufklärung bemüht.

Doch das dickste Dokument hat die Stadt nun selbst geliefert: Den 475 Seiten starken Bericht des Bonner Rechnungsprüfungsamtes, in Auftrag gegeben im Mai 2009. Und er dürfte zu einem der meistgelesenen der Republik werden - weil er trotz aller Beamtensprache unerbittlich offen legt, wie viele Pannen, Unvermögen und Verzagtheit ein öffentliches, vom Steuerzahler bezahltes Projekt begleiten können.

Seit April liegt er den Ratsmitgliedern vor, die markantesten Details - die völlig unzureichende Kontrolle der Stadt, die Auszahlung von hohen Summen ohne nachvollziehbare Belege - sickerten seither durch. Doch bisher hat Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch (SPD) verhindert, dass eine öffentliche Debatte über das Papier stattfand. Bis gestern war der komplette RPA-Bericht (bis auf eine öffentliche Mini-Fassung) so geheim, wie er es laut Gesetz sein müsste. Doch der „Bonner General-Anzeiger“ - dessen Redaktionsteam eine mittlerweile 40-teilige Serie zum WCCB schrieb und dafür den Wächterpreis der deutschen Tagespresse dafür erhielt - entschied sich zu einem Coup: Am Tag der - für gestern Abend - anberaumten Sondersitzung des Rates stellte die Zeitung den kompletten Bericht ins Netz.

Ratsbeschlüsse, Auszüge aus Briefwechseln, Emails, Gesprächsprotokolle zum Kongresszentrum, zu den Vertragsverhandlungen und zu Finanzfragen, sind akribisch zitiert. Dutzende und Aberdutzende von Aktenordnern wurde ausgewertet. Wer mit wem wann sprach, wer was vereinbarte - vieles kann man nachlesen, alle Namen sind sichtbar, das gesammelte Elend eines von zahlreichen wie verhängnisvollen Lässigkeiten begleiteten Großprojekts breitet sich vor dem Leser aus. Nie hatte der Investor mehr als 30 Millionen Euro Eigenkapital angeboten (davon nur zehn in bar, den Rest als Bürgschaft) - und doch sicherte die Stadtsparkasse Köln einen Kredit von mehr als 100 Millionen Euro zu. Das Land NRW trug 35, 7 Millionen Euro bei. Im November 2007 überbrachte Ministerpräsident Jürgen Rüttgers persönlich den Zuwendungsbescheid. Nur eine RPA-Bericht-Seite und wenige Wochen später wird Stadtdirektor Hübner zitiert: „Sie entnehmen meinen Zeilen eine tiefe Besorgnis. Was können / müssen wir tun, um die Baukosten wieder in den Griff zu bekommen? Dabei stellt sich mir die Frage, ob das Baumanagement . . . ausreichend qualifiziert und Garant für Kostensicherheit ist. Derzeit kann ich das nicht behaupten.“

Das Fazit der Rechnungsprüfer aus dem Jahr 2010 wirkt wie eine Bankrotterklärung. Die Investoren um Man-Ki Kim schlossen Verträge, wechselten die Namen ihrer Gesellschaften, verschoben Termine, baten um Verlängerung, brachten Unterlagen nicht oder zu spät bei. Parallel dazu zogen Umplanungen, Vergrößerungen oder Verkleinerungen der Gebäudekomplexe Mehrkosten und Verzögerungen auf allen Ebenen nach sich. In all diesem Getümmel, das legt der Bericht nahe, verloren die Beteiligten den Überblick - und einige müssen gleichzeitig immer noch genug Sinn dafür gehabt haben, Geld aus den - öffentlich finanzierten - WCCB-Töpfen abzuzweigen. Viele Unterlagen fehlen oder sind nicht nachvollziehbar, das beklagen die Rechnungsprüfer; öffentliche Millionen flossen, ohne dass genau belegt werden konnte, ob alles rechtens war. Die Gesellschaft des Investors SMI Hyundai Management GmbH schaffte es sogar, bei der Stadt mit wenigen Papieren den Eindruck zu erwecken, sie habe im Jahr 2007 ein Minus von 700 000 Euro gehabt. Die Rechnungsprüfer sahen im „Bundesanzeiger“ nach - dort war ein Plus von fast 300 000 Euro angegeben. Es stelle sich „die Frage nach der Glaubwürdigkeit der von SMI gemachten Angaben zum Jahresergebnis der Beethovenhalle bzw. der Gewinnbeteiligung der Stadt“.

Die Stadt Bonn steht in einem schlechten Licht, denn die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Untreue gegen führende Mitarbeiter des Rathauses, auch gegen die frühere Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann (SPD) und den früheren Stadtdirektor Arno Hübner. Sie unterzeichneten viele der ins Wanken geratenen Verträge mit den für die Stadtkasse so teuren Folgen.

Das Rechnungsprüfungsamt kommt zu dem Ergebnis, dass die beiden Fragen „ob die Kostensteigerungen von über 60 Millionen Euro seitens der UNCC bzw. seines Generalübernehmers ausreichend plausibilisiert und zeitnah im Detail nachgewiesen wurden und ob die Stadt, vertreten durch das Städtische Gebäudemanagement ein geeignetes und effektives Controlling durchgeführt und damit die Interessen der Stadt gewahrt hat, mit Nein beantwortet werden müssen“.

Mit der Vorlage des Berichts der Rechnungsprüfer ist die Geschichte längst nicht zu Ende. Gestern Abend diskutierten die Bonner Ratsmitglieder über eine weitere Facette des Dramas: Wohin flossen die Millionen, die die Stadt Bonn zum Marketing für das Kongresszentrum beisteuerte? Welche Rolle spielte dabei die Agentur Kreativ-Konzept? Und wie ist es zu bewerten, dass diese Agentur (geführt von einem SPD-Mann) nicht nur von der Stadt Bonn und von der WCCB GmbH Aufträge bekam, sondern auch im Wahlkampf von der Bonner SPD?



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Newsticker


Anzeige


Anzeige




Bildergalerien


Extra


Aktion


Das Musik-Event 2011



Die Bahnhofsreporterin


WAS.WANN.WO.


Aktuelle Verkehrsinfos


Neue ksta.tv-Videos aus der Region


RHEINLAND WETTER


Aktion


Twitter


Top-Links (Anzeige)


Stadtmenschen Community


Extra


Dienste