Von Jürgen Kisters, 15.07.10, 17:51h
Konturen verwischen
Fotografie ist deswegen nicht zufällig die Grundlage der Bilder, mit denen die aus dem italienischen Verona stammenden Lisa Borgiani und Massimo Nidini im Belgischen Haus „Städte in Bewegung“ vor Augen führen. Die Machart ihrer künstlerischen Gemeinschaftsarbeiten ist stets die Gleiche.
Ein Foto der 1979 geborenen Lisa Borgiani wird jeweils zum Ausgangspunkt expressiver malerischer Interventionen, mit denen der 1944 geborene Massimo Nidini das Bild verwandelt. So entsteht am Ende immer eine Komposition, die nicht mehr Fotografie, aber auch nicht Gemälde oder aber beides zugleich ist. Nidini lässt massive Stadtgebäude mittels malerischer Verwischung zu undeutlichen Konturen werden. Sie ähneln den flüchtigen Wahrnehmungen, die bei allzu schneller Geschwindigkeit entstehen, etwa im Vorüberfahren mit einem Auto oder einem Eisenbahnzug. Mit kraftvollen Farbgesten schafft er andererseits Bewegungsspuren, die bei aller Verhutschtheit zugleich eine verblüffende Gewalt vor Augen führen. Das soll zeigen: Bewegung ist eben nicht nur Leichtigkeit, sondern auch eine Gewalt.
Besonders interessant sind die Bilder, in denen Nidinis malerische Schwünge auf die Fotos von Gebäuden treffen, die mehr als ein Jahrtausend alt sind. Darin prallen am Beispiel der Großstadt Ruhe und Bewegung, Beständigkeit und das mit der Mobilität eng verwobene Gesetz der Veränderung schonungslos aufeinander. Der ganze Zauber der „Städte in Bewegung“ trifft auf das Problem einer rasenden Bewegtheit, in der nichts mehr wirklich wahrgenommen wird und traditionelle Erfahrungen sich auflösen. In den Kunstwerken von Borgiani und Nidini erscheint das als ein faszinierender Effekt. In der gelebten Wirklichkeit lautet dagegen die Frage, wohin die Städte in Bewegung die Menschen in Zukunft führen werden. Und damals, als das elektrische Licht, Autos und Eisenbahnzüge eine nie gekannte Bewegung in den Städten entfesselte und die alten Lebensrhythmen davon fegten, müssen die Menschen sich durchaus etwas Ähnliches gefragt haben.
Belgisches Haus, Cäcilienstraße 46, Mo-Fr 9-13,14-17 Uhr, bis 30. Juli.
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