Von Peter Berger, 16.07.10, 23:51h
Alltagskultur ausleben
Die Hölle kennt keinen Feierabend. 140 000 Autos donnern täglich über die A 40, auf den 60 Kilometern zwischen Duisburg und Dortmund. Und wenn sie nicht donnern, dann stehen sie. Weil die Schlagader des Reviers wieder mal dicht ist. Und jetzt, wo Essen und das Ruhrgebiet es zur „Kulturhauptstadt Europas“ gebracht haben, wird sie am Sonntag bei der Operation „Still-Leben Ruhrschnellweg“ für ein paar Stunden künstlich zum Stillstand gebracht. Und die Menschen sind aufgefordert, an 20 000 Tischen zwischen Dortmund und Duisburg an der längsten Tafel der Welt ihre „Alltagskultur“ auszuleben. Oder sich wahlweise auf der Gegenfahrbahn zwischen Duisburg und Dortmund auszutoben. Mit allem, was Räder aber keinen Motor hat. Allerdings nur von 11 bis 17 Uhr. Mehr ist nicht drin, weil es sonst Probleme geben könnte. Mit dem Berufsverkehr am Montag.
Was die Kulturhauptstadtmacher, die Straßenbegleitkünstler und die Feuilletons schon vorab euphorisch als „modernes Symbol der Integrationskraft der Ruhrmenschen“ feiern, „als das Sichtbarmachen dessen, was diese Straße mit Hunderttausenden von Fahrzeugen täglich trennt“, ist für Autobahn-Anwohner wie Kleingärtner Haseke schlicht „fürn Arsch“. „Kulturhauptstadt?“ Der Rentner grinst. „Da musse ma' spaßeshalber am Hauptbahnhof gucken gehen. Ein bisken Kunstrasen mit ein paar Bänke und Wasserspiele. Ansonsten eine Baustelle nache anderen.
Auch für Bernhard Bordin (68), der auf der anderen Seite der Wand am Frillendorfer Platz lebt, sind das Kulturprojekt „Die Schönheit der großen Straße“ und der „Boulevard der Ruhrmetropole“, von dem seine Macher so gerne sprechen, nicht mehr als ein Treppenwitz.
Boulevard Ruhrgebiet? Eine Autobahn-Sperrung als „emotionales Gründungsmoment“ der Metropole Ruhr? Eine schöne Scheiße sei das. Fünf Meter trennen Bordins Haus, ein Schmuckstück aus dem Jahre 1935, von der gläsernen Lärmschutzwand, blind vor Dreck und mit Graffiti übersät. „Die sollte selbstreinigend sein, hat man uns versprochen.“ Zwischen Glaswand und Häuserreihe haben die Planer allen Ernstes eine Spielstraße gequetscht. Tempo 30 und nehmt Rücksicht auf spielende Kinder. Aber passt bloß auf, dass der Ball nicht auf die Autobahn fliegt.
Der Frillendorfer Platz gehörte dereinst zur Gartenstadt Ost und war eine der ersten Adressen in Essen. Heute ist er Zonenrandgebiet und an der Mauer Schluss mit lustig. In Bordins Garten sind immer noch alle Vogelarten zu Hause - Dompfaff, Specht, Meise, Fink und Rotkehlchen. Nur leider hört sie keiner, durch die geschlossenen dreifach verglasten Fenster. Selbst wenn sie ihr Lied brüllten. Seinen Rasen, sagt Bernhard Bordin, betrete er seit Jahren nur noch zum Mähen. Der letzte Mieter ist vor Jahren ausgezogen, ein neuer nicht in Sicht und wenn, „dann höchstens vom Sozialamt“. Das Viertel steigt ab. Das Haus ist nahezu unverkäuflich, „dafür haben wir hier jetzt die Auffahrt direkt vor der Haustür und danach keine Ampel mehr bis München“. Am Sonntag, dem Tag des „Still-Lebens“, werde er schon morgens um sieben Uhr abhauen, sagt Bordin. „Am Ende sieht uns noch irgend so ein Fernsehreporter und dann kommen die alle hier angerannt. Guck' mal, hier leben ja noch Menschen. Wie sehen die denn aus?“ Das Kulturhauptstadt-Theater. Für Bordin ist es „ein Millionengrab“, das keine Spuren hinterlassen werde. „Mein Vater war ganz normaler Bergmann auf dem Weltkulturerbe Zollverein. Das war 1948. Die Leute, die da jetzt hinrennen, haben davon doch keine Ahnung mehr.“
Stützwand für Helmut Rahn
Irgendwie ist im Ruhrpott alles ein Stück Kultur in diesen Tagen. Rund 750 000 Euro haben die A 40-Städte locker gemacht, um der Hölle ein freundliches Gesicht zu geben. Mitten im Spaghetti-Knoten, wie das Kreuz Duisburg-Kaiserberg genannt wird, steht eine Installation der Düsseldorfer Kunstprofessorin Rita McBride. Gedacht als Naturdenkmal, der Felsformation „Delicate Arch“ im US-Bundesstaat Utah nachempfunden. Essen hat dem WM-Torschützen von 1954, Helmut Rahn, mit Sätzen der legendären Radio-Reportage von Herbert Zimmermann auf den tiefer gelegten Stützwänden der A 40 ein Denkmal gesetzt. Lärmschutzgestaltung nennt sich das. Allein 100 000 Euro haben die Revierstädte für ein so genanntes Gestalthandbuch ausgegeben. Der Irrsinn gipfelt in braunen Schilder auf weißem Grund, die entlang der Trasse auf die Kunstprojekte verweisen. Projekte, die man nur im Stau genießen kann.
Derweil macht die A 40 das, was sie im Laufe ihrer Geschichte immer getan hat. Sie frisst sich buchstäblich in die Wohnzimmer ihrer Anwohner. Der Ausbau auf sechs Spuren zwischen Bochum und Essen ist in vollem Gange. Mehr als 100 Millionen Euro und die kärglichen Reste des Straßenbegleitgrüns wird er verschlingen. Wo noch Bäume im Wege stehen, werden sie durch Lärmschutzwall plus Flüsterasphalt ersetzt. Freiwillig wohnt hier keiner. Oder doch? In Höhe der Ausfahrt Dückerweg, zwischen Wattenscheid und Bochum, trägt Michael Schmidt einen Probeanstrich an der Fassade seiner Gewerbehalle auf. Vor ein paar Monaten ist die Autobahn der „Lichtwerbung Schmidt“ noch ein Stück näher gerückt, Lärmschutzwände sind in einem Gewerbegebiet nicht vorgesehen.
Lärm machen ohne Ende
Da haben es die Toten auf dem Wattenscheider Friedhof gegenüber schon besser. Sie ruhen seit kurzem im Schatten einer dicken Betonwand. Anfang der 90er Jahre hat sich der 44-Jährige
dazu entschlossen, in die Betriebswohnung über der Halle zu ziehen: „Wir züchten Hunde. Und wir feiern gerne. Das stört hier niemanden. Hier kannst Du Lärm machen ohne Ende.“ Selbstverständlich werden sich die Schmidts am „Still-Leben“ beteiligen. Vater Ralf hat mit dem örtlichen Triumph-Oldtimer-Club einen Tisch gemietet, das 69. Deutschland-Treffen der Liebhaber des englischen Sportwagens fand Ende Mai „wegen der Kulturhauptstadt“ in Gelsenkirchen statt. Unter dem Motto: „Triumphales Ruhrgebiet.“
Im Dortmunder Stadtteil Dorstfeld hat Günter Schäfer (76) seinen eigenen Zugang zur A 40. Eine knallrote Fluchttür gleich neben seinem Gartenhäuschen, das sie an einen Kran gehängt und ein paar Meter nach vorne gesetzt haben, als die Autobahn vor ein paar Jahren fünf Meter tiefer gelegt wurde. Der ehemalige Zimmermeister unterbricht seine Arbeit. Gerade hat er die Garage um einen Stellplatz für sein schweres BMW-Motorrad erweitert und muss jetzt noch die Wände fliesen, damit alles seine Ordnung hat. „Früher haben uns die Lkw-Fahrer im Garten auf den Kaffeetisch geguckt.“ Durch die neue Wand sei es viel leiser geworden, die Betonmauer zwar nicht schön, aber wo kriegt man schon ein Haus in dieser Größe für derart kleines Geld? Für 360 000 Mark, gekauft 1999. Könnte durchaus sein, dass Schäfer die Wand in seinem Garten einfach verklinkert. Falls er mal nichts mehr zu tun haben sollte. Irgendwie ist im Ruhrpott alles auch ein Stück Baukultur in diesen Tagen.
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige

Frankfurter Rundschau
Champions League - Bayern verlieren in BaselBenzinpreis auf Rekordniveau - Die Pendlerpauschale muss weg

EXPRESS
Sie schrie vor Glück - Die rassige Anja bekam Pauls letzte RoseFC-Umfrage vor dem Derby - „Für ein Unentschieden wird's reichenâ€

Spiegel Online
Pulver-Attacke in den USA: Kongress-Angehörige erhalten DrohbriefeChampions League: Marseille siegt dank Last-Minute-Treffer gegen Inter