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Journalistin

Kachelmann-Anwalt unter Druck

Von Marianne Quoirin, 16.07.10, 21:11h, aktualisiert 16.07.10, 22:23h

Die renommierte Journalistin Sabine Rückert hält Jörg Kachelmann aufgrund eigener Recherchen für unschuldig. Der weiter in Untersuchungshaft sitzende TV-Wettermoderator wäre längst frei, wenn er nur einen anderen Anwalt hätte.

Jörg Kachelmann
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Reinhard Birkenstock (links) mit seinem Mandanten Jörg Kachelmann im Amtsgericht Mannheim. (Bild: ddp)
Jörg Kachelmann
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Reinhard Birkenstock (links) mit seinem Mandanten Jörg Kachelmann im Amtsgericht Mannheim. (Bild: ddp)
„Hat Kachelmann den falschen Anwalt?“ Das will „Bild“ von dem Hamburger Rechtsanwalt Gerhard Strate wissen, nachdem Sabine Rückert in der „Zeit“ die Strategie des Kölner Strafverteidigers Reinhard Birkenstock als „Problem“ für den ARD-Wettermoderator benannt und Birkenstock in einer Presseerklärung die Mannheimer Justiz attackiert hatte. Strate entzieht sich elegant der Kollegen-Schelte, die Rückert provoziert hat. Sie schreibt: „Die spärlichen Briefe des Verteidigers an die Staatsanwaltschaft legen die Befürchtung nahe, er beherrsche nicht das gesamte der Verteidigung zu Gebote stehende Instrumentarium der Strafprozessordnung gleichermaßen virtuos.“ Sie insinuiert: Kachelmann, den sie aufgrund ihrer Recherchen für unschuldig hält, wäre längst frei, wenn er nur einen anderen Anwalt hätte.

Dass außer „Bild“ auch andere Zeitungen wie das „Hamburger Abendblatt“, der „Tagesspiegel“ und die „Süddeutsche Zeitung“ auf Rückerts Artikel vom 28. Juni Bezug nehmen, kommt nicht von ungefähr. Sabine Rückert ist eine mit renommierten Preisen ausgezeichnete Redakteurin. Sie hat überdies mit zwei Sachbüchern auch unter Experten Anerkennung gefunden. Das eine Werk befasst sich mit den Problemen der Pathologie in Deutschland, „Tote haben keine Lobby“, das andere mit den Folgen eines Justizirrtums: „Unrecht im Namen des Volkes“. Als Hans Leyendecker in der „Süddeutschen Zeitung“ die Eröffnung des Verfahrens vor dem Landgericht Mannheim ankündigt, hält ihm ein Leser das „Zeit“-Dossier als Vorbild vor die Nase: In früheren Zeiten wäre derart Hintergründiges von ihm gekommen.

Viel Raum in den Medien

Der Fall Kachelmann hat wie kein anderer in den vergangenen Jahren so viel Raum in den Medien bekommen, zu so vielen Spekulationen geführt. „Der Spiegel“ und „Focus“ führen einen Stellvertreter-Prozess um das Glaubwürdigkeits-Gutachten der Bremer Psychologin Luise Greuel. Illustrierte geben Rache-Engeln, die sich als Ex-Geliebte Kachelmanns outen, seitenweise Platz. „Brigitte“ fragt ihre Leserinnen, was sie von den Vergewaltigungs-Vorwürfen gegen den Wetter-Moderator halten. Im Internet wird die Identität des mutmaßlichen Opfers enthüllt. Die Verdachtsbericht-Erstattung führt zu einigen Unterlassungsklagen, still und heimlich einigen sich Kachelmann und „Focus“ später auf einen Vergleich.

Aus diesem Medien-Tsunami ragt Sabine Rückerts Beitrag heraus. Unter der Schlagzeile „Schuldig auf Verdacht“ kritisiert sie die Justiz und beklagt gleichzeitig den „Schmusekurs“ Birkenstocks: „Ein Verteidiger, der für den Mandanten nicht zu den Waffen greift, läuft Gefahr, ungewollt die unausgesprochene fatale Botschaft zu vermitteln, der Vorwurf träfe zu.“ Einen solchen Kämpfer (Name der Redaktion bekannt) hatte Sabine Rückert freilich schon am 21. Mai in einer E-Mail Birkenstock ans Herz gelegt und angemerkt: „Wir können nur zusammenkommen, wenn Ihre Verteidigung in dem angedeuteten Sinne professionalisiert wird, dazu sollten Sie sich überlegen, einen Kollegen einzubinden, der Verfahren dieser Art auch gewachsen ist. Wenn Sie mein Buch gelesen haben, wissen Sie, wen ich in einem solchen Falle wählen würde.“

Über den Fall telefoniert

Birkenstock, der nach seiner Darstellung mit der Journalistin über den Fall telefoniert hatte, nimmt den auch von ihm geschätzten Kollegen nicht mit ins Boot. Aber er lernt aus dem Schreiben, wie sich das Verhältnis zwischen Autorin und ihm hätte gestalten können, wenn er nur auf ihren Vorschlag eingegangen wäre. „Engagieren würde ich mich auch dann nur, wenn ich den Eindruck habe, dass die Verteidigung richtig liegt,“ beteuert sie und gibt ihre Erfahrungen zum besten: „Dies vorausgeschickt interessiert Sie vielleicht, wie die Zusammenarbeit zwischen Verteidigung und ZEIT in der ersten der beiden (im Buch beschriebenen) Wiederaufnahmen ausgesehen hat: Am Tage des Erscheinen der ZEIT lag den Richtern des Landgerichts Osnabrück der 300 Seiten starke Wiederaufnahme-Antrag Ihres Kollegen . . . vor. Das hat dafür gesorgt, dass sich die Richter des Landgerichts Osnabrück und die Nebenklage gehütet haben, presserechtliche Schritte zu ergreifen.“

Sabine Rückert teilt auf Anfrage mit, dass Birkenstock ihr die Akten angeboten habe, was er aber abstreitet. Sie will nach einigen Telefonaten das Angebot abgelehnt haben. „Als Herr Birkenstock lieber allein weiterwursteln wollte, habe ich keinen Grund gesehen, die Kommunikation fortzusetzen.“ Auf die Frage zur problematischen Zusammenarbeit von Gerichtsreportern mit Anwälten schreibt sie: „Ich suche mir Fälle und Anwälte allerdings sehr genau aus, deshalb kann ich sinnvollen Informationsaustausch mit seriösen Verteidigern mit meinem Gewissen und Arbeitsethos auch gut vereinbaren.“



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