Von Rainer Nolte, 09.08.10, 16:08h
Im Schnitt legten die Verbraucher von Januar bis März 2010 15,2 Prozent ihres verfügbaren Einkommens auf die hohe Kante, ermittelte das Statistische Bundesamt. Dies ist der höchste Wert seit dem ersten Quartal 1993. „Sparen ist für uns normal“, so die Expertin. Weltweit liegt Deutschland auf Rang zwei der Sparfüchse, nur Chinas Bewohner horten mehr.
Wirtschaftskrise rüttelt an den Finanzen des StaatesJeden Euro zusammenhalten muss derzeit auch die Bundesregierung. Hier ein Sparpaket, da eine Kürzung und die Bafög-Erhöhung ist auch erstmal auf die lange Bank geschoben. Der nationale Schuldenberg wächst offenbar unaufhaltsam. Die Wirtschaftskrise rüttelte kräftig an den Finanzen des Staates und der Bürger. Allzu leichtfertig gibt niemand mehr seine Euros aus. Eine europäische Studie zeigte, dass die Deutschen 2010 neun Prozent weniger für ihren Urlaub ausgeben als im Vorjahr. Außerdem machen wir immer häufiger Ferien im eigenen Land. Ob bei der Urlaubsplanung, beim Energieverbrauch, beim Einkaufen im Supermarkt oder an der Tankstelle - an vielen Stellen sind Cents mehr oder weniger einfach einzusparen.
In den privaten Haushalten steckt meist viel Sparpotenzial. Zum Beispiel würde die Mehrheit der deutschen Mieter am ehesten an den Stromkosten sparen. Bei einer repräsentativen Emnid-Umfrage im Auftrag der Deutschen Annington, dem bundesweit größte Wohnungsunternehmen, gaben 34 Prozent der Befragten an, dass sie bei Bedarf in erster Linie die Stromkosten reduzieren würden. Die Nordrhein- Westfalen sehen im gleichen Maße auch das höchste Potenzial beim Einkauf, um die Haushaltskosten zu senken. Am wenigsten spart die NRW-Bevölkerung bei den Wasserkosten. Nur drei Prozent wären bereit den Verbrauch beim Duschen, Waschen und bei sonstiger Wassernutzung zu minimieren.
Rauchen aufhören? Keine Option!Doch auch wenn für den Deutschen das Sparen im Allgemeinen normal ist, fällt es bei einzelnen Dingen schwer. Rauchen ist nicht nur gesundheitsschädlich, sondern auch teuer. Aber Aufhören ist oft keine Option. Mit dem Rad zur Arbeit zu fahren, macht fit und spart Sprit. Jedoch ist der Verzicht auf das bequeme Auto meist nicht drin. „Wir brauchen ein Ventil, über dass wir ein wenig Dampf ablassen können“, erklärt Heinz Grüne, Psychologe und Geschäftsführer am Rheingold Institut für Marktforschung in Köln. „Denn eine totale Verweigerung ist für den Menschen nicht in Ordnung.“ Die Bilanz zwischen dem Verzicht und dem sich etwas Gönnen müsse stimmen. „Bei den Deutschen ist die Vorsicht besonders ausgeprägt. Sie haben Angst, dass die Gier ihnen über den Kopf wächst. Die Franzosen sind da teils anders. Sie geben beispielsweise drei Mal mehr aus für Lebensmittel als wir. Der Deutsche könnte sich dagegen nur von Discounter-Essen ernähren und nur wenig auf gute Qualität achten“, sagt Grüne. Dabei sei es sehr wichtig, den goldenen Mittelweg zu suchen.
Der Satz „Das kannst du dir sparen“ wird laut des Experten viel zu häufig verwendet und sollte ignoriert werden. „Man sollte in sich hinein horchen und ehrlich beurteilen, was einem gut tut. Schließlich sind wir auf der Welt nicht um zu überleben, sondern um zu leben und zu erleben“, so der Kölner. Psychologisch gesehen sei Sparen beziehungsweise Verzicht ein paradoxes Unterfangen: „Ein Blick in die Küche von Mutter Natur zeigt: Hier wird nicht gekleckert, sondern geklotzt! Artenvielfalt und ständig noch neu entstehende Spezies verweisen auf eine schier unendliche Lust der Natur an Entstehen, Wandel Schöpfung und Neuschöpfung. Auch die stetige Weiterentwicklung der Evolution durch ständige Mutation erscheint als recht verschwenderisch und üppig.“
Monika Müller, Gründerin von FCM Finanz Coaching in Wiesbaden, spricht zwar nicht von Gier, Überleben und Schöpfungen, sondern von einer geringen Investitionsquote der Deutschen. Dies deutet aber in die gleiche Richtung wie sie Heinz Grüne sieht. „Wer angespart, muss auch wieder investieren können, denn sonst kann es sein, dass man nichts mehr davon hat“, rät die Psychologin. Sie nennt es den „blinden Fleck“, denn wir sparen und sparen. . . sehen aber nicht, dass dies nur etwas bringt, wenn das Ersparte auch richtig angelegt wird. „Nur dann entsteht ein Kreislauf, der weiterläuft und es zu einem positiven Austausch kommt.“
Wir gehen eine Wette ein
Das heißt nicht, dass jeder Spargroschen in Aktien oder Immobilien gesteckt werden muss. „Auch eine neue Waschmaschine ist eine Investition, die sich lohnen kann. Denn ein hoher Wasser- und Stromverbrauch kann die Anschaffungskosten einer neuen Maschine nach einigen Jahren überschreiten. Dann ist das Geld dort besser angelegt als bei wenigen Prozent Zinsen auf dem Girokonto“, sagt die Finanzpsychologin.
Jeder sollte Risiko erkennen und damit umgehen können. „Das heißt, auch im richtigen Moment ein Risiko eingehen können, um ein größeres zu vermeiden. Es muss bewusst werden, dass ein Risiko immer eintreten kann - nur den Zeitpunkt kennen wir nicht. Auch das jahrzehntelang ersparte Geld auf dem Sparkonto kann durch eine inflationäre Entwicklung plötzlich futsch sein, wie es im letzten Jahrhundert in Deutschland schon geschehen ist.“
Rheingold-Psychologe Grüne meint, dass der Mensch glaubt, was er tue sei alles berechenbar und sicher. „Doch ich gehe mit dem Sparen immer eine Wette ein“, erklärt er. „Wenn ich im Sommer den Öltank im Keller für die Heizung auffülle, dann gehe ich davon aus, dass der Preis im Herbst und Winter höher liegt. Selbst dann spekuliere ich.“ Der Deutsche als Spieler. Nicht beim Pokern oder am Einarmigen Banditen, sondern am Spar-Roulette.
Risiko solle jeder Mensch als normalen Begriff des Alltags annehmen, ist der Wunsch von Monika Müller. Kein Schreckgespenst, vor dem man zurückweicht, sondern ein Fakt über den man sinnvoll nachdenkt. „Bei Anschaffungen im Alltag wie dem Autokauf wägen wir das Risiko - reparieren oder verkaufen - meist sehr gut ab, aber bei Geldanlagen sträuben sich viele Deutsche dagegen. Sie horten lieber als zu investieren.“
Die Erziehung zum Weltspartag soll uns dazu gebracht haben, an unserem Geld festzuhalten. Die Psychologin hofft für die Zukunft, dass alle Verbraucher ihr persönliches Risiko annehmen, mehr mit ihrem Ersparten anfangen „und es dann irgendwann einen Weltinvestitionstag gibt“.
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