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Wenn es zu Hause kein Klo gibt

Von Anja Katzmarzik, 16.07.10, 20:36h, aktualisiert 16.07.10, 22:42h

Verschimmelte Wände, keine Heizung, Gemeinschaftstoilette: Rund 35.000 Kölner Kinder leben in untragbaren häuslichen Zuständen, haben kaum Platz zum Spielen oder Lernen. Eine Ausstellung in Ostheim macht die Missstände zum Thema .

Gernsheimer Straße
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Kindgerechtes Wohnen sieht anders aus: Eigentümer der Häuser an der Gernsheimer Straße sind ausländische Investoren. (Bild: Hennes)
Gernsheimer Straße
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Kindgerechtes Wohnen sieht anders aus: Eigentümer der Häuser an der Gernsheimer Straße sind ausländische Investoren. (Bild: Hennes)
Ostheim - Verschimmelte Wände, keine Heizung, nur eine Gemeinschaftstoilette draußen im Hausflur für alle, Kinderzimmer kleiner als Gefängniszellen und auch sonst kaum Raum für Rückzug: Mehr als 35 000 Kinder leben in Köln, deren Eltern von Arbeitslosengeld II abhängig sind. Und ihre Armut - vor allem in Familien mit mehr als drei Kindern - ist häufig auch den Häusern anzusehen, in denen sie leben.

Damit Menschen in Häusern schlechterer Qualität nicht weiter ausgegrenzt werden, erarbeitet die Lernende Region Köln e.V. mit dem Veedel e.V. an der Gernsheimer Straße in Ostheim, der Jugendkunstschule und der Stadt Köln eine Kunst-Ausstellung - und mehr als das.

Kinder und Jugendliche aus der dortigen Offenen Tür „Am Wunschtor“ bauen unter dem Titel „(K)ein Kinderspiel - Wohnen. Leben. Aufwachsen“ Objekte, die ihre Bedürfnisse ausdrücken. Die Kunst soll mit Beispielen, wie es anders und kaum teurer ebenfalls gehen könnte, zur Wanderausstellung werden.

Dabei kam heraus: Es sind wider Erwarten gar nicht so sehr Statussymbole wie ein eigener Fernseher im Zimmer oder ein PC, die auf der Wunschliste der Heranwachsenden stehen. Siska Zielbauer, Leiterin der Jugendkunstschule: „Sie wünschen sich viel mehr Grünflächen zum Spielen und ein gemütliches Zimmer, in das sie sich auch mal zurückziehen können.“

Auf Platz zwei folgt - sicher auch der momentanen Hitze geschuldet - der Wunsch nach einem Pool. Daran wird aber für Wohnungsamts-Leiter Michael Schleicher deutlich, was frühere Planungen im sozialen Wohnungsbau auch hervor gebracht haben: „Die Wohnungen haben keine Badewannen mehr.“ Dabei seien die nicht nur in puncto Abkühlung für Kinder wichtig.

Rund 30 Häuser in Köln, in denen Obdachlose und deren Kinder leben, fehlt gar eine eigene Toilette. Um ihre Notdurft zu verrichten, müssen auch Kinder - ob Tag, ob Nacht - raus auf den Hausflur. Schleicher: „Die gehen lieber auf's Waschbecken und riechen am nächsten Morgen in der Kita nach Urin. Mit ihnen will keiner mehr spielen.“ Viele jener Häuser hat die Stadt Köln schon modernisieren lassen. Aber eben nicht alle.

Bewohner anderer Bauten wie in dem Gebiet rund um die Gernsheimer Straße werden nur allein aufgrund des Straßennamens ausgegrenzt. Dabei herrscht hier eine fast dörfliche Atmosphäre mit großem Zusammenhalt. Hier leben 2600 Menschen in 23 Häusern, gebaut in den 70er Jahren. Zuschnitt und Zustand der Wohnungen sind okay, und doch sind sie viel zu klein. Mehr als 30 Prozent der Familien haben drei Kinder und mehr. 2,6 Menschen leben hier als Konsequenz pro Wohneinheit. Nur 1,9 sind es im Durchschnitt im restlichen Köln.

Solche Zustände seien nicht nur ungesund, wie Marie-Luise Quilling, stellvertretende Leiterin des Jugendamtes warnt: „Sie machen auch aggressiv.“ Und es wirke sich nachteilig auf die Bildungschancen der Kinder aus. „Schlechte Wohnlage, schlechtes Zeugnis“, drückt Schleicher das etwas verkürzt aus. Er ist davon überzeugt: „Optik und Qualität eines Objektes sind der erste Schritt zur Integration.“ Doch Kinderreiche könnten sich dies nicht leisten, „wenn die Mietpreise nicht verantwortlich staatlich gesteuert werden“.

Galt früher die Devise, arme Familien zur Abschreckung in besonders hässlichen Häusern unterzubringen, sei heute ein Umdenken in der Wohnungspolitik nötig, meint der Wohnungsamts-Chef. „Früher haben wir solche Bestrafungs-Ideologien konstruiert. Dass zu den Eltern, die damit bestraft wurden, aber auch vier Kinder gehörten, die da mit rein gezogen wurden, hat niemand bedacht.“

Die Kinder an der Gernsheimer Straße wachsen unter prekären Wohnbedingungen oft ohne ausreichend Platz zum Spielen, Lernen und Ruhen auf. Während stadtweit durchschnittlich 36,5 Quadratmeter statistisch jedem Einwohner zur Verfügung stehen, sind es hier nur 25,5. Kinderzimmer von acht Quadratmeter sind in Köln auch nicht selten. „Das sind Affen-Ställe“, so Schleicher. „15 Quadratmeter sind ein Muss.“ Zum Vergleich: Eine herkömmliche Gefängniszelle ist neun Quadratmeter groß.

Die Fachleute sollten es besser wissen. Doch in Köln entsteht nicht schnell genug neuer bezahlbarer Wohnraum und viele ausländische Investoren kassieren zwar gerne die Mieten, lassen aber ihre Immobilien hier verkommen. Mehr und mehr Wohnanlagen geraten in die Hände von Spekulanten.

Regional verantwortliche Träger etwa aus dem kirchlichen Bereich wären wünschenswert, so Schleicher. Doch selbst, wenn sich jemand fände, der bereit wäre, die Bauten an der Gernsheimer Straße zu kaufen und sie aufzuwerten. Der Preis, den die Spekulanten fordern könnten, läge vermutlich über dem Marktwert. Hinzu käme ein erheblicher Investitionsbedarf. Schleicher: „Wir befinden uns da in einer Sackgasse.“ So wie die Kinder und Jugendlichen, die hier leben.

Schleicher führt dies unter anderem auf verloren gegangene wohnungswirtschaftliche Instrumente wie die Zweckentfremdungs-Verordnung zurück, die noch bis vor ein paar Jahren den Kommunen als „Druckmittel“ zur Verfügung stand, um etwa dauerhaften Leerstand zu verhindern. „Viele solcher Gesetze sind in den vergangenen fünf Jahren weggefallen. Sie müssten wieder eingeführt werden.“

Hier hoffen Schleicher und Quilling auf die neue Landesregierung. „Frau Kraft hat die Aufwertung derartiger Wohnanlagen sowie die Entlastung der Kommunen schließlich in ihren Koalitionsvertrag mit aufgenommen.“ Zu hohe Mieten für Menschen mit wenig Einkommen beschneide schließlich nicht zuletzt auch die Kaufkraft dieser Kölnerinnen und Kölner. Schleicher: „Und das bedeutet: Weniger Geld für den Konsum und weniger für die Kinder.“

Dabei gibt es durchaus Beispiele dafür wie gesunder und bezahlbarer Wohnungsbau mit Mieten für 5,10 Euro pro Quadratmeter (Köln-Durchschnitt: 8,45 Euro / qm) aussehen kann. So wurde etwa in Höhenberg an der Kulmbacher Straße ein Wohnhaus für Obdachlose aus den 50er Jahren abgerissen. Derzeit entstehen dort neue Häuser, die kaum noch an das bislang vorherrschende Bild von öffentlich-geförderten Wohnungen erinnern.

Sie ähneln in ihrer Architektur dem Bauhaus-Stil, verfügen über große Balkone, viele grüne Freiflächen und sogar Fußbodenheizung. Was beim ersten Hinhören beinah Neid erwecken könnte, macht nicht nur sozialpolitisch, sondern auch wirtschaftlich Sinn, erklärt der Amtsleiter. „Fußbodenheizung ist energiepolitisch besser und billiger.“

An der Salmstraße in Poll, wo früher ein Flüchtlingsheim vielen Pollern ein Dorn im Auge war, baute die GAG Immobilien AG für knapp neun Millionen Euro Wohnungen für Menschen mit Wohnberechtigungsschein A - also Hartz-IV-Empfänger oder Arbeitnehmer mit geringem Einkommen - so schön, dass plötzlich auch andere Poller dort wohnen wollten. Sie machen heute ein Drittel der Bewohner aus. Das sorgt für eine gesunde Mischung.

Die Kinder und Jugendlichen aus der OT „Am Wunschtor“ träumen indes weiter. Davon, dass manche ihrer Wünsche aus den Kunstwerken eines Tages vielleicht Wirklichkeit werden.



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