Erstellt 18.07.10, 17:21h, aktualisiert 19.07.10, 21:39h
Ein Redbull-Tonne voller Getränke, ein Generator, Mischpult, Bierkästen, zwei blaue Badetücher mit roter Aufschrift: „FN“. Davor liegen Nicole (22), Stephan (43), Anna (19) und Steffi (24) im Gras und sehen so aus, als ließen sie es sich an diesem Samstagmorgen so richtig gut gehen. Dabei hat die Party noch gar nicht begonnen. „FN“ steht für „Freud Nightz“ und am Abend werden es die Schafe erstmals in ihrem Leben mit Elektro, Goa und Minimal zu tun bekommen. Spaßmusik zum Tanzen. Umsonst und draußen. Die Szene verabredet sich im Netz, auf Seiten wie „goabase.de“, „morgengrauen.de“ oder „bassreisen.de“. „Es gibt keine bessere Location als die Natur“, sagt Steffi. „Man sieht, wie die Sonne unter und wie sie wieder aufgeht.“ Tanzen, chillen, schlafen, Bier trinken. „Es wird auch schon mal gekifft.“ Und das alles zum Sonntagmorgen. „Das ist einer der wenigen Plätze, an dem wir niemanden stören“, sagt Stephan (43). Am Rhein in Höhe des Niehler Hafens habe es Ärger wegen des Lärms gegeben.
Über die Schönheit der Luxemburger Straße lässt sich nicht streiten. Wenn man die Geduld aufgebracht hat, am Militärring auf eine Grünphase zu warten, kann es sein, dass man samstags im „Café 333“ ein paar Meter hinter dem Klettenbergpark auf Tom Gerhard trifft. „Ich muss mit dem Namen leben“, sagt der 25-Jährige. Er sei ja schon froh, seinen Arbeitskollegen den „Hausmeister Krause“ abgewöhnt zu haben. Als Namensvetter eines Comedian hat man es nicht leicht, als Frühstücker in der wohl schmalsten Außengastronomie Kölns auch nicht. Drei Meter weiter brüllt der Verkehr. Bloß gut, dass am Wochenende nicht so viele Laster unterwegs sind. Die Fleischwurstscheibe auf dem Brötchen würde ihrem Sog wohl nicht standhalten, es sei denn, man beschwert sie mit Tomatenstücken. Wie man hier bloß frühstücken kann? Für jemanden, der direkt an der Luxemburger Straße wohnt, und das noch im Souterrain, ist das kein Problem. Die Wohnung liege verkehrsgünstig und sei bezahlbar. Da müsse man in Kauf nehmen, dass ein Brummi schon mal die Schlafzimmerwand zum Zittern bringe. Ljuba Tolkovets (21) pflichtet ihrem Freund bei. Sülz und Klettenberg seien lebendige Viertel mit viel Grün. „Die Siebengebirgsallee kann sich halt nicht jeder leisten.“
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Ein paar Hundert Meter weiter, zwischen Gottesweg und Leybergstraße, schwärmt noch einer von der Luxemburger. Es ist Ricardo Erwin John, Schuhmachermeister und Modelleisenbahnfreund. Im Fenster zieht eine Märklin-Dampflok vor einem Sonnenuntergang aus Pappe an einem Gebäude vorbei, das „Kapstadt Hauptbahnhof“ heißt. Drinnen „schafft“ John nach dem Motto, „bis das Tagwerk ist vollbracht“. Aus Ehrenfeld ist er rübergezogen, aus der viel zu ruhigen Simrockstraße ins ehemalige „Lackschuhviertel“. Keine Konkurrenz hier, „das läuft hier schon fast zu gut“. Was für den 49-Jährigen aus Paraguay dazu geführt hat, dass lediglich ein Vorhang den Laden von seiner Wohnung trennt. „Das hier ist mein Lebensinhalt“, sagt er, weshalb seine Kunden ziemlich sicher sein können, John auch außerhalb der Geschäftszeiten anzutreffen. Die Großeltern seien vor vielen Jahrzehnten nach Paraguay ausgewandert, seine Eltern hätten wieder „zurückgemacht, als ich zehn war“. In Kürze wird John drei Wochen Urlaub machen. Mit seinem VW Bus wird er gen Süden ziehen, bleiben, wo es ihm gefällt. Allein ein Privatleben „hat sich nicht ergeben“.
Von „Kapstadt Hauptbahnhof“ nach Johannesburg ist es nicht weit - auf der Luxemburger. Thilo Anders (34) hat vor der Fußball-WM zwei Bestellungen aus Südafrika bearbeiten müssen. Er hat sich auf Ferngläser spezialisiert, seinen Internet-Handel im Oktober 2009 um ein kleines Ladenlokal erweitert. „Die beiden Gläser waren bestimmt fürs Stadion.“ Den billigen Kram sucht man bei Anders vergebens, ein gutes Fernglas ist ab 250 Euro zu haben. Mit Ferngläsern ist er im Studium in Berührung gekommen. Bei den Exkursionen der Geographen. Das Studium hat er abgebrochen. Der Internet-Handel - mit Kundschaft weltweit - macht den Großteil des Geschäfts aus. Sein kleiner Laden „anderssehen“, Hausnummer 176 kurz vor der Weißhausstraße, habe sich rentiert. „Für mich war wichtig, dass er verkehrsgünstig liegt. Ich habe ja keine Laufkundschaft.“ Wer sich ein Fernglas von Swarovski oder Steiner für mehr als tausend Euro zulege, „will das vorher doch mal in die Hand nehmen“. Anders' Kundenkreis ist überschaubar: Jäger, Wassersportler, Trekkingfreunde, Golfer. Ob der ein oder andere Privatdetektiv dazu zählt, kann er nur vermuten. „Ab und zu verkaufe ich ein Nachtsichtgerät.“
Jenseits der Weißhausstraße suchen ein paar Flaschensammler am Uni-Center in Glascontainern und gelben Tonnen ihr Glück. Am Barbarossaplatz, im Gewirr der Straßenbahngleise, muss die Liebe zur Luxemburger doch ein Ende haben. Der Rentner im Verkaufscontainer bei Logo-Auto, den wir wegen der vielen amerikanischen Schlitten befragen wollen, darf nichts sagen. „Der Chef ist erst Montag wieder da.“ Zwei junge Mädchen schleppen einen 50-Liter-Eimer Wandfarbe vom Bauhaus in ihre Wohnung. Sie sind traurig, dass sie wegziehen müssen. „War super hier. Immer was los.“
In der Sparkassen-Filiale an der Ecke hockt Michael Theisel (44) mit seiner Gitarre neben dem Geldautomaten, spielt „Eigenkompositionen“ und erklärt uns den Barbarossaplatz. Sein Platz sei nur die 1-b-Lage, zu wenig Laufkundschaft, aber der Stammplatz vor der Tür ist schon besetzt. Sieben Stunden Musik bringen am Wochenende rund zehn Euro. Das Geld „brauche ich für Kulturelles, Kino, Theater und so“ sagt er. Theisen ist aus Aschaffenburg nach Köln gekommen, weil die Menschen „hier so offen sind und keine Vorurteile haben“. Ansonsten lebe er von Hartz IV. Dass täglich sieben Stunden Gitarre spielen ein harter Job sind, findet er nicht: „Das geht längst auf Automatik.“
Hintergrund: Expedition Colonia
ksta.tv: Expedition Colonia – Luxemburger Straße
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