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Analphabeten

Endlich lesen und schreiben können

Von Bernd Schöneck, 21.07.10, 17:27h

In Zusammenarbeit mit dem „Kölner Bündnis für Alphabetisierung und Grundbildung“ und der Volkshochschule hat die Stadtbibliothek das erste „Lernstudio für Alphabetisierung“ eröffnet. In der Stadtteilbibliothek helfen Lernpaten den Analphabeten.

Martina Morales
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Martina Morales (Bild: Schöneck)
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Martina Morales (Bild: Schöneck)
Chorweiler - Etwas ist neu in der ersten Etage der Stadtteilbibliothek am Pariser Platz: Große, farbige Buchstaben und andere didaktische Hilfsmittel liegen auf einem Tisch aus. Zwei PC-Arbeitsplätze sind aufgestellt. Luftballons, auf die Kursusteilnehmer ihre Namen geschrieben haben, hängen an der Wand. Neu sind auch die Regale mit Büchern in großer Schrift und leicht verständlicher Sprache.

In Zusammenarbeit mit dem „Kölner Bündnis für Alphabetisierung und Grundbildung“ und der Volkshochschule hat die Stadtbibliothek das erste „Lernstudio für Alphabetisierung“ eröffnet. „Es ist eine sinnvolle Investition für Menschen, die so oft schutzlos sind - und für die es ein großer Schritt zur Teilhabe ist“, lobte Christoph Schenk von der Öffentlichkeitsarbeit des Tabakkonzerns JTI International, der das Kölner Lese- und Schreibprojekt mit einer Spende unterstützte. Rund zehn ehrenamtliche Lesepaten, die in wechselnder Besetzung zu den Öffnungszeiten in der Bibliothek präsent sind, leisten den Lernenden Hilfestellung. „Wir haben vor Projektstart einen Aushang gemacht und eine sehr große Resonanz erhalten“, meinte Daniel Simon, stellvertretender Leiter der Stadtteilbibliothek Chorweiler, der sich sehr über die Hilfsbereitschaft der Ehrenamtler freute. „Die Leute waren sehr betroffen von dem Problem des Analphabetismus: Jeder weiß, dass es besteht, aber es wird tabuisiert.“ In einem Einführungskursus waren die Helfer dann auf ihre neue Aufgabe vorbereitet worden.

Was die für ihre Rolle oscarprämierte Kate Winslet in „Der Vorleser“ schauspielerisch darstellte - sich jahrzehntelang ohne Lesen und Schreiben durch das Leben zu mogeln - ist für geschätzte vier Millionen Menschen in Deutschland Alltag, davon rund 47 000 Kölner. Genau wie die Film-Protagonistin wollen es sich viele von ihnen nicht anmerken lassen, dass sie Analphabeten sind. So erzählen die wenigsten Teilnehmer offen in ihrem Bekanntenkreis, dass sie an einem Lese- und Schreibkursus teilnehmen. „Viele sagen zum Beispiel: »Ich mache einen Kursus über die neue deutsche Rechtschreibung«“, schildert schmunzelnd Martina Morales, die Projektleiterin Alphabetisierung der Volkshochschule.

Spielerische Vorstellungsrunde

Doch die freundliche Atmosphäre bricht schnell das Eis und nimmt die Angst vor der Welt des Wissens: „Die Stimmung ist immer recht gut bei den Kursen“, schilderte Cordula Nötzelmann, die Leiterin des Stadtteilbibliotheken-Verbundes der Stadt Köln. „Dabei haben viele, besonders ausländische Familien, bereits Probleme bei der Anmeldung in der Bücherei.“ Am Anfang steht immer eine spielerische Vorstellungsrunde und eine Art „Schnellkursus“, wie man die Einrichtungen der Bibliothek nutzt.

Martina Morales zeigte anschließend den rund 25 Besuchern das Kernstück des Lesestudios, die zwei PC-Arbeitsplätze mit vier verlinkten E-Learning-Portalen wie „ich-will-lernen.de“, ein Angebot des Deutschen Volkshochschul-Verbandes und des Bundesbildungsministeriums, und „abfrager.de“. Hier gibt es verschiedene Schwierigkeitsgrade; eine der leichteren Übungen ist etwa, Buchstaben einzutippen, die ein Sprecher bei Klick auf das Lautsprecher-Symbol vorliest.

„Wir haben in der täglichen Praxis gute Erfolge und machen ermutigende Erfahrungen“, zog Morales ein positives Zwischenfazit der Projekt-Anfangsphase. Stellvertretend dafür zitierte sie einen der Lernenden im Kursus, welcher meinte: „Ich bin schon oft hier vorbeigekommen, aber eine Bibliothek war immer etwas für andere Leute. Jetzt nicht mehr.“



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