Schriftgröße

Internet

Explosion im Netz

Von Tilmann Gangloff, 21.07.10, 22:46h, aktualisiert 21.07.10, 22:48h

Online-Castings für TV-Rollen liegen in Deutschland im Trend: die Firma „Dreamtool“ hat beide Hauptdarsteller eines Agentenfilms über das Netz gefunden. Selbst in den USA ist die Methode noch nicht in großem Stil verbreitet.

Claudia Hiersche
Bild vergrößern
Claudia Hiersche spielt eine Agentin (Bild: AV)
Claudia Hiersche
Bild verkleinern
Claudia Hiersche spielt eine Agentin (Bild: AV)
Ganz gleich, ob ARD oder Sat.1, ob Fernsehfilm oder Serie: Die Gesichter sind immer die gleichen. Die Münchner Produktionsfirma Dreamtool Entertainment ist nun einen neuen Weg gegangen: Die Hauptdarsteller für die RTL-Actionkomödie „Kung Fu Mama - Agentin mit Kids“ wurden per Online-Casting gefunden. Digitale Internet-Datenbanken mit den Daten von über 10 000 Schauspielern gibt es schon lange, aber Dreamtool („Die Jagd nach der heiligen Lanze“) hat das Netz nun auf ganz andere Weise genutzt.

In Absprache mit RTL hat die für die Besetzung zuständige Casterin Daniela Tolkien die Ausschreibung für die beiden Hauptrollen des Agentenfilms, der zurzeit in Köln und Umgebung gedreht wird, an sämtliche Agenturen geschickt. Die Schauspieler hatten fünf Wochen Zeit, eine konkrete Szene aus dem Drehbuch zu spielen und auf einen sicheren Server hochzuladen. Selbst in den USA ist die Methode noch nicht in großem Stil verbreitet; hierzulande aber ist sie noch nie in derart großem Stil ausprobiert worden. „Wir hatten anfangs bloß zehn Filme.“ sagt Tolkien. „Zu dieser Zeit haben wir mit höchstens 50 Einreichungen gerechnet. Aber dann hat sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitet. Selbst bekannte Schauspieler haben mitgemacht. Es gab eine regelrechte Explosion, und am Ende waren es über 500 Teilnehmer.“

Entsprechend viel Arbeit hatten nicht nur Tolkien, sondern auch Produzent Stefan Raiser und Regisseur Simon X. Rost. Gemeinsam haben sie sich schließlich für Claudia Hiersche („Verbotene Liebe“) und Ben Braun entschieden. Sie spielt eine Top-Agentin, die nach fünfjähriger Familienpause wieder in ihren Beruf zurückkehrt, er einen Nachbarn, der auf ihre Kinder aufpasst und keine Ahnung von ihrem Job hat.

Raiser betont, es habe keineswegs „das Dogma gegeben, unbekannte Schauspieler zu besetzen. Wir hätten auch Stars genommen, wenn sie perfekt zu den Rollen gepasst hätten.“ Trotzdem freut er sich über die überraschende Besetzung. Der Produzent kritisiert, Casting werde „oft mit viel zu wenig Herzblut betreiben. Sender und Produzenten setzen lieber auf altbewährte Darsteller. Wir haben jetzt viele neue Gesichter kennen gelernt.“

Daniela Tolkien ist überzeugt, dass Online-Casting nach einer gewissen Gewöhnungsphase Schule machen werde. Umstellen müssten sich vor allem die Schauspieler, eine Berufsgruppe, die die Casterin als „nicht unbedingt gut organisiert“ einschätzt. Viele besitzen offenbar weder Computer noch Kamera. Einige hätten sich allerdings als äußerst versiert erwiesen und gleich ganze Kurzfilme an passenden Schauplätzen gedreht.

Cornelia von Braun hält Online-Casting ebenfalls für „das Medium der Zukunft, weil es hilft, Zeit und Geld zu sparen. Anders als in Hollywood, wo eine Vielzahl von Schauspielern auch kurzfristig innerhalb von zwei Stunden zu einem Casting kommen kann, sind die Wege hierzulande viel weiter.“ Die Casterin hat bei einer Suche nach Kindern gute Erfahrungen mit der Methode gemacht: „Gerade bei Mädchen in der Pubertät kann das Material in den Online-Datenbanken von einem Tag auf den anderen völlig wertlos sein, weil aus den Kindern über Nacht junge Frauen geworden sind.“ Profitieren werden ihrer Ansicht nach vor allem Nebendarsteller: „Jemand, der bislang immer bloß Gangster gespielt hat, kann auf diese Weise zeigen, dass er ein talentierter Komödiant ist.“

Auch Grundy-UFA-Casterin Charlotte Siebenrock betrachtet das Online-Casting „als Chance für Schauspieler, die unbekannt sind oder kein Demomaterial haben. Viele Caster, Regisseure und Produzenten verfügen gar nicht über die Mittel und die Infrastruktur, so viele Schauspieler zu casten wie etwa die UFA.“ Zum allgemeinen Gewöhnungsprozess gehört allerdings auch die Disziplin der Schauspieler, sich an das beschriebene Rollenprofil zu halten: „Wird eine Rolle öffentlich ausgeschrieben, muss man damit rechnen, dass sich lauter groß gewachsene Blondinen melden, wenn man eine zierliche Araberin sucht“, fürchtet UFA-Casterin Nina Haun.

Sie weist zudem auf die Kostenfrage hin: „Selbst wenn man nur die 50 Besten zum persönlichen Casting einlädt, nimmt das enorm viel Zeit in Anspruch, von der Studiomiete und dem Honorar für den Kameramann ganz zu schweigen.“ Darüber hinaus gibt sie zu bedenken: „Nicht jeder Schauspieler ist in der Lage, sich selbst zu inszenieren.“ Trotzdem ist die Grundhaltung der Branche zum Online-Casting positiv.

Bei der Bavaria hat man die Methode kürzlich genutzt, um einen Darsteller für eine neue Hauptrolle in der Daily Soap „Marienhof“ zu suchen. „Für spezielle Rollenprofile kann man auf diese Weise möglichst großflächig casten“ sagt Siegfried Wagner, Leiter des Bavaria-Besetzungsbüros. Das könne aber „immer nur die Vorstufe zu einem eigentlichen Kamera-Casting sein mit Casting Director oder Regisseur.“



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Anzeige


Bildergalerien


ksta-blogs.de


Kolumne


WAS.WANN.WO.


Hintergrund


Extra


Dienste