Schriftgröße

Demenz

Wie hilfreich sind Ortungshilfen?

Von Silke Offergeld, 26.07.10, 16:14h, aktualisiert 27.07.10, 08:34h

Das Laufbedürfnis von Demenzpatienten bereitet den pflegenden Angehörigen oft große Sorgen. Moderne Ortungsgeräte sollen hier Abhilfe schaffen - doch die Bedenken, sie einzusetzen, sind groß. Zu Recht?

Demenz
Bild vergrößern
Dementen dient das Weglaufen als Ventil. (Bild: Thinkstock)
Demenz
Bild verkleinern
Dementen dient das Weglaufen als Ventil. (Bild: Thinkstock)
Es ist diese bohrende Sorge, die sich in die Gedanken schleicht und alles andere verdrängt: Wo ist er jetzt gerade? Wartet er zuhause auf mich? Oder ist er wieder unterwegs, allein, und hat sein Ziel genauso vergessen wie den Weg zurück durch eine Stadt, die ihm täglich fremder wird? Wird ihn die Polizei zurückbringen? Oder kommt der Anruf dieses Mal aus dem Krankenhaus?

Für pflegende Angehörige ist das Laufbedürfnis mancher Demenzpatienten eines der am schwierigsten zu lösenden Probleme. Sie stehen vor einer quälenden Entscheidung: Sollen sie dem Betroffenen seine Freiheit lassen, auch wenn sie mit großen Risiken verbunden ist? Oder sollen sie ihn mit Medikamenten ruhigstellen, ihn mit listigen Türverschlüssen am Gehen hindern, ihn gar einsperren?

Moralisch und ethisch vertretbar?

„Digitaler Schutzengel begleitet Betroffene überall hin“ - mit solchen Slogans wird für Ortungsgeräte geworben, die Betreuern zumindest nervenzehrende Suchaktionen ersparen sollen. Die Idee: Der Betroffene erhält einen Sender, der Alarm schlägt, sobald der Träger einen bestimmten Bereich verlässt und gleichzeitig anzeigt, wo er sich gerade befindet.

Technisch sind die Systeme einigermaßen ausgereift: Der Sender gibt alle paar Sekunden ein GPS-Signal ab, per Computer kann der Betreuer so den Standort des Trägers auf wenige Meter genau ermitteln. Mit solchen Systemen werden teure Autos vor Diebstahl geschützt - und sie stecken hinter der „elektronischen Fußfessel“ für Straftäter. Im Bezug auf Demenzkranke setzen sie bislang vor allem stationäre Einrichtungen ein.

Aber die Bedenken sind groß: Darf man jemanden auf diese Art überwachen? Juristisch gesehen geht das nur mit Einwilligung des Betroffenen oder seines Betreuers, moralisch ist es weit schwieriger zu beantworten. Und stehen die Kosten - die Geräte kosten zwischen 50 und 500 Euro - im Verhältnis zum tatsächlichen Nutzen?

Nutzeroberflächen zu kompliziert

Claudia Müller hat sich mit all diesen Fragen beschäftigt. Sie koordiniert am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Neue Medien der Universität Siegen das Pilotprojekt „Alzheimer Monitoring“, das in Zusammenarbeit mit der Kölner Firma ITSS die Systeme an diesen besonderen Anwendungsbereich anpassen soll. Gefördert wird das Projekt vom Bundeswirtschaftsministerium, im nächsten Jahr soll es abgeschlossen sein.

Größter Knackpunkt für die Forscher, die zahlreiche Interviews mit Pflegern und Angehörigen geführt haben, ist die Entwicklung möglichst einfacher Nutzeroberflächen: „Viele Pflegende sind selbst bereits älter und haben kaum Technikaffinität. In den Haushalten gibt es oft nicht einmal einen Computer“, sagt Müller. Wichtig sei zudem ein Servicezentrum, dessen Mitarbeiter, ähnlich wie beim Hausnotruf, dem Alarm nachgehen.

Noch keine grundsätzlichen Untersuchungen

Auch die „Scheinsicherheit“ durch Geräte, die der Kranke einfach abnehmen kann, sei intensiv diskutiert worden, sagt Müller. Inzwischen verhandle man mit Herstellern über Geräte in ganz verschiedener Form - Armband- oder Taschenuhr, Kettenanhänger oder Brosche, je nach Vorliebe des potenziellen Trägers. Ob sich das so entwickelte System bewährt, wird sich zum Schluss des Forschungsprojektes zeigen: Dann soll es in der Praxis getestet werden.

Grundsätzliche Untersuchungen zum Nutzen solcher Technik für Sicherheit und Lebensqualität fehlten allerdings bislang, kritisiert Heike von Lützau-Hohlbein, Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. „Wenn so ein Gerät aber helfen kann, jemanden im Notfall zu finden, ist das schon gut“, sagt Lützau-Hohlbein. Wichtig sei ein sensibler Umgang mit der Technik. Allerdings fehle es nicht nur bei den potenziellen Trägern der Sender an Akzeptanz: „Auch Pflegedienstmitarbeiter sind oft nicht besonders technikaffin“, meint Lützau-Hohlbein, selbst Informatikerin. Das sei mit ein Grund dafür, warum Pflegedienste die Betreuung solcher Systeme nicht anböten.

Auf der anderen Seite haben offenbar auch die Hersteller die Nutzerorientierung erst kürzlich für sich entdeckt: Auf dem jährlich stattfindenden Kongress zum „Ambient Assisted Living“ (kurz AAL, sinngemäß: „Leben in unterstützender Umgebung“) sei in diesem Jahr erstmals über Nutzeraspekte gesprochen worden, so Lützau-Hohlbein. Bislang fehlten „familiengerechte Geräte“ - dabei könnten Nutzeroberflächen durchaus angepasst werden: Ein Smartphone etwa, so die Informatikern, könne per Software so umgerüstet werden, dass es per vereinfachter Oberfläche bedienbar ist .

Technische Geräte gewinnen an Bedeutung

Gerade für die Pflege zuhause sind daher Konzepte wichtiger, die zum Wohlbefinden von Demenzkranken beitragen und so ihre Unruhe lindern - etwa ein ungestörter Lieblingsplatz und die Möglichkeit, den Bewegungsdrang durch Spaziergänge auszuleben. Angehörige sollten sich zudem Hilfe suchen, damit sich ihre eigene Belastung den Kranken nicht noch unruhiger macht. Eine Lichtschranke oder eine einfache Ladenglocke können melden, wenn das Haus verlassen wird, zudem kann es helfen, die Eingangstür hinter einem Vorhang zu verbergen - allerdings kann es zu zusätzlichen Ängsten führen, wenn der Ausgang nicht mehr auffindbar ist.

Trotz aller Berührungsängste: Aller Voraussicht nach werden technische Hilfen künftig bei der Betreuung und der Pflege von alten und demenzkranken Menschen immer wichtiger werden. „Das ist das Thema der Zukunft“, sagt der Gerontopsychiater und Vorsitzender des Landesverbandes der Alzheimergesellschaften NRW, Wilhelm Stuhlmann: „Wir werden weniger junge Menschen haben, die uns unterstützen können - nur wegen einer nicht abgeschalteten Herdplatte sollte aber niemand ins Heim müssen.“

Zurzeit werden etwa Computer getestet, die an die Einnahme von Medikamenten erinnern, oder Hörgeräte und Trittschallsysteme im Boden, die Stürze melden. Ein Problem ist die Finanzierung. „Wir haben vergeblich versucht, eine Herdsicherung, die das Überhitzen und damit Brände verhindert, in den Hilfsmittelkatalog der Krankenkassen aufnehmen zu lassen“, sagt Lützau-Hohlbein. Sensoren, mitdenkende Wohnräume und Notrufsysteme sind aber vielleicht nur der Anfang: Längst gibt es Prototypen für die ersten vollautomatischen Pflege-Roboter. Ob man ihnen hilfebedürftige Familienangehörige überlassen möchte, ist aber wieder so eine schwierige moralische Frage.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Orte des Geschehens

große Karte

Anzeige


Videos zum Thema


Gesundheit von A-Z

Gesundheit von A-Z

Selbsttest

BMI Rechner

Errechnen Sie Ihren Body-Mass-Index!

Ihr Gewicht (in kg)
Ihre Körpergröße (in cm)
Alter (in Jahren)


Themenseiten


Bildergalerien


„wir helfen“


Extra



Medikamenten-Preisvergleich

Immer die besten Preise
Suche nach Name,
Hersteller oder PZN:

Extra


Aktion


Kolumne


Dienste