Erstellt 22.07.10, 20:41h, aktualisiert 22.07.10, 22:57h
Günter Vosen (52) steht vor einem dieser grauen Telefonkästen, bei denen sich jeder fragt, wie er dieses Gewirr von Drähten auseinanderhalten kann. Der Fernmeldetechniker, seit 36 Jahren im Job, hat Stress. Es ist jetzt halb zehn, er ist seit 5.40 Uhr unterwegs und muss noch zehn Aufträge erledigen. Störungen beseitigen, neue Anschlüsse schalten, alte abklemmen. Den Schaltkasten erklärt er uns in wenigen Worten: „Hier kommen die Römer an, aus der Zentrale am Grafenmühlenweg. Die Araber gehen dann von hier aus in die Häuser.“ Damit sind die römischen und arabischen Ziffern an den einzelnen Blöcken gemeint, die das Sortieren erleichtern. Sein Tag verspricht trotz der jahrelangen Erfahrung recht stressig zu werden, „weil das ganze Gebiet hier neu für mich ist“. Mit einem Gerücht, das sich hartnäckig hält, muss er aber noch aufräumen, bevor es weiter geht: dass Fernmeldetechniker mit ihrem grauen Telefonhörer auf Kosten der Kunden von jedem Schaltkasten aus anrufen können: „Das ist absoluter Blödsinn.“
ksta.tv
An der Ecke Dellbrücker Hauptstraße kommt die Expedition nicht vorbei, auch wenn bei „Wachter's Imbiss“ um kurz nach zehn der Rollladen vor der Tür halb runtergezogen ist. „Es gibt ihn noch, den deutschen Imbiss!“ Die Werbung in den Nationalfarben provoziert einen Zwischenstopp. Genau das hat Karin Wachter (50) natürlich einkalkuliert. Es sei ihre Leidenschaft „fürs Kochen und Essen“ gewesen, die sie vor fünf Jahren dazu gebracht habe, diesen ganz besonderen Imbiss aufzumachen. „Ich komme aus der Lebensmittelbranche, habe Hotelfachfrau gelernt“, sagt sie mit bayrischem Akzent. Und plötzlich habe alles zusammengepasst. Die Wachters wohnen um die Ecke, ihr Mann Karl-Heinz (53) sei in der Lebensmittelbranche, das Ladenlokal habe längere Zeit leer gestanden und einen klassischen deutschen Imbiss gebe es doch kaum noch. Zwei harte Jahre habe es gebraucht, jetzt habe der Imbiss mit Spezialitäten wie dem „Geißbock-Schnitzel“, der „Currywurst Ironman“ oder dem „Dell-Burger“ seine Stammkundschaft. Sechs Mitarbeiter in Teilzeit kümmern sich mittlerweile um sie. „Es war eine Herausforderung, das zu machen. Man muss halt Spaß dran haben, sonst hat das keinen Sinn.“ Karin Wachter stammt aus Passau, ihren Mann hat sie vor 25 Jahren im Kur- und Sporthotel Schloss Wolfstein in Freyung kennen gelernt: „Er war Gast und ich habe dort gearbeitet.“ Das ist in ihrem Imbiss heute noch genauso.
Manchmal muss die Expedition erst auf sich aufmerksam machen. Wie bei Monika Engelen (60). „Schlamasselsjaß“ steht auf einem blauen Straßenschild an ihrer Türe, die zur Abstellkammer auf dem Balkon der Parterrewohnung führt. Erst als wir uns über die Brüstung recken, kommt sie auf den Balkon: „Was macht ihr denn da?“ Eine kurze Erklärung, ein Ruf zum Nachbarn („Hans, willste auch ins Fernsehen?“) und schon wissen wir, dass das Schild „Schlamasselsjaß“ 13 Jahre lang auf ihrem Campingplatz im Westerwald hing. „Das haben wir damals angebracht, weil in unserem Weg die Leute von überall kamen. Aus Köln, aus Leverkusen und Düsseldorf. Ein ganz schöner Schlamassel.“ Den Platz mussten sie schon vor zehn Jahren aufgeben, weil er zu teuer wurde. 1600 Euro Pacht im Jahr, das „war bei einem Verdienst nicht mehr zu machen“. Monika Engelen lacht, obwohl ihr eigentlich gar nicht zum Lachen zumute ist. Ihren Mann Norbert (63) musste sie ins Pflegeheim geben. Mehrere Schlaganfälle und fortschreitende Demenz. Das war zu Hause nicht mehr zu bewältigen. „In zwei Wochen sind wir 40 Jahre verheiratet. C'est la vie. Was will man machen? C'est la vie.“
Das Faltboot wurde zu klein
Die Expedition kennt keine sanften Überleitungen. An der Bergisch Gladbacher Straße 787 in Dellbrück steht sie mit einem Schlag mitten in einer Erfolgsgeschichte. Bei Olaf Gatz (46), der hier in der zweiten Generation Kanus und Canadier baut. Das Geschäft, das im kommenden Jahr das 50-Jährige feiern wird, ist wie so viele aus einem Hobby entstanden. „Mein Vater war leidenschaftlicher Paddler. Mit Frau und zwei Kindern wurde das Faltboot irgendwann zu klein. Da hat er sein erstes Kanu gebaut.“
Zwei Jahre später hat sich der gelernte Tischlermeister ganz auf das neue Metier konzentriert, seither liefert das Unternehmen in die ganze Welt und bringt ständige neue Entwicklungen auf den Markt. Der Elch, das Markenzeichen der Firma, ist in der Fachwelt ein Begriff, doch Laien wie uns muss Olaf Gatz schon noch erklären, dass die Boote längst nicht mehr aus Holz hergestellt werden. „Die sind fast nicht bezahlbar und für unsere Breiten auch sinnlos.“ Auf Agger, Sieg und Rhein würden Holzboote viel zu schnell verkratzen. Kunststoffe wie Polyethylen seien wesentlich sinnvoller und „es werden ständig neue Materialien entwickelt“.
Mein Herz blutet, wenn ich das sehe
Mitten in Mülheim, an der Ecke zur Keupstraße, treffen wir den nächsten Spezialisten. Hasan Ceyran (54) sitzt in seinem kleinen Laden und spielt auf seiner Saz, einer türkischen Laute. Sein Deutsch ist schlecht, deshalb gibt er uns zu verstehen, dass wir zu seinem Freund ins Büdchen gegenüber gehen, der könne übersetzen.
Dort treffen wir einen Bekannten, Mithat Özdemir (62), den Vorsitzenden der Interessengemeinschaft Keupstraße. Nein, das sei kein Laden, sondern das Domizil des Vereins „Dostlar Muzik Severler“, was auf Deutsch ungefähr „Die Freunde lieben Musik“ bedeutet. Rund 60 Mitglieder habe der Verein, den es seit vier Monaten gibt. „Wir müssen hier dringend etwas tun und die Jugendlichen von der Straße holen. Das ist bitter nötig.“ Eine Fußballmannschaft gebe es schon, jetzt versuche man, den Kindern mit Musikunterricht auch ein kulturelles Angebot zu machen. Mit Hasan Ceyran könne das gelingen, weil der nicht bloß Instrumente spiele und Unterricht gebe, sondern sie auch reparieren könne. Ceyran nickt und mischt sich mit seinen paar Brocken Deutsch ein, weil ihm das wichtig ist: „Diebstahl, Schlagen, Drogen. Meine Herz blutet, wenn ich das sehe.“
Genau der Richtige.....
23.07.2010 | 09.19 Uhr | aoss68
der Herr Cyran, kann kaum Deutsch, soll aber als Vorbild für Kinder und jugendliche fungieren.
Willkommen in der Parallelwelt Keupstraße.
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