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Medizin

Aurasehen ersetzt keine Antibiotika

Von Magnus Heier, 26.07.10, 08:20h

Sanfter Medizin sollten Patienten nicht blind vertrauen, auch wenn scheinbar Wissenschaftler Methoden wie das Aurasehen anbieten. Ein Gespräch mit einem Engel kann die Krebsbehandlung nicht ersetzen.

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Alternative Heilmethoden können eine Tablette selten ersetzen. (Bild: Thinkstock)
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Alternative Heilmethoden können eine Tablette selten ersetzen. (Bild: Thinkstock)
Die Broschüre ist einigermaßen irritierend: Ein scheinbar wissenschaftliches Institut unter ärztlicher Leitung bietet Vorträge an – viele auch gehalten von Ärzten, einige von ihnen mit Professorentitel.

Die Vorträge reichen von praktischen Übungen zum Aurasehen (Auren sind eine Art Heiligenschein) bis zur Übung „Schwingen Sie sich gesund!“ Und auch: „Lerne deinen Engel kennen! Infos und praktische Übungen.“ Man könnte sagen: Wir leben in einem freien Land, und jeder Patient ist für sich selbst verantwortlich. Aber es gibt zwei Probleme: Beim ersten geht es ums Geld, bei zweiten um die Gesundheit.

Einer der Vorträge beschäftigt sich ganz pragmatisch mit Erstattungsproblemen bei alternativen Verfahren – es steht zu befürchten, dass dort erklärt wird, wie man etwa die praktischen Übungen zum Aurasehen von der Kasse bezahlt bekommt.

Und bei den privaten Krankenkassen ist ein Erfolg nicht völlig auszuschließen. Das zweite Problem ist: Zwar ist es nicht gefährlich, sich mit seinem Engel über die eigene Gesundheit zu unterhalten – oder die Aura zur Diagnostik einzusetzen. Kritisch wird es aber, wenn solche Behandlungen in Konkurrenz zu anerkannt wirksamen Therapien treten. Wenn ein Engelgespräch etwa eine konventionelle Krebsbehandlung ersetzt.

Oder wenn die Aura bei bakteriellen Infekten einen Verzicht auf Antibiotika erlaubt. Solche Fälle gibt es tatsächlich: Ich erinnere mich an eine junge Frau mit Diabetes, die auf Anraten ihres alternativmedizinischen Arztes ihr Insulin absetzte – und stattdessen eine Massage ihrer Bauchspeicheldrüse bekam (ein medizinischer Unsinn). Hat es gewirkt? Sie wusste es nicht, sie verzichtete auf jede weitere Messung ihres Blutzuckerspiegels. Ein lebensgefährlicher Irrsinn.

Die Schulmedizin spricht von „Evidenzbasierter Medizin“ und meint damit, dass eine Behandlung, eine Operation oder eine Tablette sich in wissenschaftlichen Studien bewährt haben soll, bevor sie beim Patienten angewandt wird. Es sollte selbstverständlich sein, dass Behandlungen vor ihrem Einsatz ihre Wirksamkeit beweisen müssen. Aber der Begriff „Schulmedizin“ wird immer mehr zum Schimpfwort – der „sanften Medizin“ dagegen wird oft blind vertraut. Auch dann, wenn sie unverantwortliche Behandlungen anbietet und wirksame verhindert.

Jeder Patient muss wissen: Die Tatsache, dass ein Arzt eine Behandlung anbietet, beweist noch nicht, dass sie wirksam ist. Noch nicht einmal, dass sie ungefährlich ist. Bleiben Sie kritisch, auch gegenüber weißen Kitteln.



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