Von Thorsten Keller, 29.07.10, 09:51h, aktualisiert 30.07.10, 09:08h
Beweis gefällig? Eine gute Stunde später ist die plakative Eingangs-Melodie ein zweites Mal zu hören, es ist der erhebende Augenblick, auf den die Musical-Laufkundschaft an diesem Abend hinfiebert: Glamour vom Balkon, Evita schmettert im umwerfenden bodenlangen weißen Kleid ihre Ode an die Volksmassen, „Don’t Cry For Me Argentina“. Es ist praktisch unmöglich, heute 40 Jahre oder älter zu sein und diesen Song noch nie gehört zu haben, er ist Pop- und Pomp-Allgemeingut geworden. Zugleich kann jeder Gegenwarts-Politiker hier noch was lernen: wie man mit großen Gesten Volksnähe vorgaukelt.
Wenig später wird das Leitmotiv noch ein drittes Mal gespielt: Die Reprise von „Don’t Cry For Me Argentina“ singt die grandiose Hauptdarstellerin Abigail Jaye nicht auf dem Balkon der Casa Rosada, sondern in einem schmucklosen Krankenzimmer, mit brüchiger Stimme. Da fehlt der triumphierende „I Did It My Way“-Unterton, da ist die argentinische First Lady schon sterbenskrank. Es mag ein Zufall sein, aber Andrew Lloyd-Webber und sein Texter Tim Rice haben für ihre beiden Erfolgsmusicals „Jesus Christ Superstar“ und Evita“ Titelhelden ausgesucht, die sich schon mit 33 in die Ewigkeit verabschiedeten. Kreuzigung oder Krebs, was macht das schon, wenn der Nachruhm stimmt. Musikalisch wächst „Evita“ allerdings über das Genre „Rock-Oper“ hinaus, mit Orchester-Arrangements, Tango- und Latin-Anleihen und sogar mit ein paar Zitaten aus der Kirchenmusik.
Evas schwierige Rolle souverän gemeistert
Im Vergleich zur „Evita“-Urfassung - 1978 in London - haben Lloyd-Webber und Rice in den Passagen mit der siechen und sterbenden Eva noch einmal nachgebessert. Für Tim Parkers Musical-Verfilmung in den neunziger Jahren haben sie den Song „You Must Love Me“ hinzugefügt, der nun auch der neuen Bühnenversion eine größere emotionale Dichte verleiht. Bis zu diesem Moment hat der Zuschauer Eva Perón in erster Linie als zielstrebige Powerfrau gesehen, die den sozialen Aufstieg will und in der Wahl ihrer Männer so berechnend vorgeht wie ein Schach-Großmeister. Erst auf der Krankenstation, als alles zu spät ist, gibt es im Stück den ersten Kuss zwischen Perón und Eva, die ersten unverstellten Emotionen. Abigail Jaye meistert alle Facetten der strapaziösen Rolle mit Bravour, vom eiskalten Ehrgeiz bis zum körperlichen Verfall. Dass sie besser singt als Madonna, ist bei einer gut geschulten britischen Musical-Fachkraft sowieso selbstverständlich.
In der Rückblende auf Evas Leben führt Tim Rice das Publikum auch in die Niederungen der argentinischen Politik der späten vierziger und fünfziger Jahre. Die konspirative Sitzung der Militärjunta wird in „The Art of The Possible“ geradezu als absurde Operette ausgestellt, während im Bühnenhintergrund Menschen mit Sack über dem Kopf ins Off geführt werden. Evas Auftritte als Wohltäterin, die sich die Zuneigung der einfachen Leute erkauft, gipfeln in einer Szene mit plakativem Geldregen.
Der erzählerische Kunstgriff in „Evita“, um das auch einem europäischen Publikum schmackhaft zu machen, ist die Figur des Che. Ernesto „Che“ Guevara, der spätere Sidekick von Fidel Castro während der kubanischen Revolution, ist gebürtiger Argentinier und hat die First Lady zumindest aus der Distanz erlebt. Der Song „Waltz for Eva and Che“ lässt die beiden zugleich tanzen und politisieren: ob sich wohl der Sozialismus mit dem Scheckbuch à la Perón durchsetzen wird oder doch der bewaffnete Kampf? Mark Powell spielt den Che nicht als wild gewordenen Revoluzzer, sondern mit ironischer Distanz; ein sympathischer Störenfried, ohne den dieses Requiem sterbenslangweilig wäre.
Köln, Philharmonie, noch bis 8. August. Vorstellungen täglich (außer Montag, 2. August).
Selbstverständlich...
29.07.2010 | 11.41 Uhr | peter-shaw
"Dass sie besser singt als Madonna, ist bei einer gut geschulten britischen Musical-Fachkraft sowieso selbstverständlich."
Und dass er bei…
Was macht der Keller denn in der Philharmonie?
29.07.2010 | 11.25 Uhr | StKarl
Dazu noch in einem Musical? Ach ja, alle anderen sind ja in Urlaub.
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