Schriftgröße

GutenMorgenKöln

Eiskalter Ehrgeiz und Glamour

Von Thorsten Keller, 29.07.10, 09:51h, aktualisiert 30.07.10, 09:08h

32 Jahre nach der Premiere in London ist das unverwüstliche Andrew-Lloyd-Webber-Musical „Evita“ in der Kölner Philharmonie zu sehen: Zeitlose Klasse, große Songs und eine umwerfende Hauptdarstellerin.

Evita-Musical in Philharmonie
Bild vergrößern
Die umjubelte Diva und Volksheldin spricht vom Balkon zu den Menschenmassen vor der "Casa Rosada": Abigail Jaye als Evita. (Bild: BB-Promotion)
Evita-Musical in Philharmonie
Bild verkleinern
Die umjubelte Diva und Volksheldin spricht vom Balkon zu den Menschenmassen vor der "Casa Rosada": Abigail Jaye als Evita. (Bild: BB-Promotion)
Innenstadt - Buenos Aires, 26. Juli 1952. Die abendliche Zerstreuung im Kino kommt zu einem abrupten Ende. Der Film wird gestoppt, und eine Lautsprecherdurchsage informiert die Besucher darüber, dass Eva Perón, Frau des Staatspräsidenten, an diesem Abend „in die Unsterblichkeit eingegangen sei“. Nach diesem Prolog folgt die erste Massenszene im Musical „Evita“: Der Witwer steht am offenen Sarg, flankiert von Soldaten, Priestern und krähenartigen Klageweibern. Spanische Choräle werden angestimmt, nur ein bärtiger Mann im Kampfanzug verweigert sich der vorgezogenen Heiligsprechung. Che singt und sagt das, was bei Begräbnissen üblicherweise ungesagt und ungesungen bleibt. In seinen Spott über das inszenierte Lamento („Oh What A Circus“) mischt sich aber auch Bewunderung für die Perón: „She had her moments, she had some style“.

Beweis gefällig? Eine gute Stunde später ist die plakative Eingangs-Melodie ein zweites Mal zu hören, es ist der erhebende Augenblick, auf den die Musical-Laufkundschaft an diesem Abend hinfiebert: Glamour vom Balkon, Evita schmettert im umwerfenden bodenlangen weißen Kleid ihre Ode an die Volksmassen, „Don’t Cry For Me Argentina“. Es ist praktisch unmöglich, heute 40 Jahre oder älter zu sein und diesen Song noch nie gehört zu haben, er ist Pop- und Pomp-Allgemeingut geworden. Zugleich kann jeder Gegenwarts-Politiker hier noch was lernen: wie man mit großen Gesten Volksnähe vorgaukelt.

Wenig später wird das Leitmotiv noch ein drittes Mal gespielt: Die Reprise von „Don’t Cry For Me Argentina“ singt die grandiose Hauptdarstellerin Abigail Jaye nicht auf dem Balkon der Casa Rosada, sondern in einem schmucklosen Krankenzimmer, mit brüchiger Stimme. Da fehlt der triumphierende „I Did It My Way“-Unterton, da ist die argentinische First Lady schon sterbenskrank. Es mag ein Zufall sein, aber Andrew Lloyd-Webber und sein Texter Tim Rice haben für ihre beiden Erfolgsmusicals „Jesus Christ Superstar“ und Evita“ Titelhelden ausgesucht, die sich schon mit 33 in die Ewigkeit verabschiedeten. Kreuzigung oder Krebs, was macht das schon, wenn der Nachruhm stimmt. Musikalisch wächst „Evita“ allerdings über das Genre „Rock-Oper“ hinaus, mit Orchester-Arrangements, Tango- und Latin-Anleihen und sogar mit ein paar Zitaten aus der Kirchenmusik.

Evas schwierige Rolle souverän gemeistert

Im Vergleich zur „Evita“-Urfassung - 1978 in London - haben Lloyd-Webber und Rice in den Passagen mit der siechen und sterbenden Eva noch einmal nachgebessert. Für Tim Parkers Musical-Verfilmung in den neunziger Jahren haben sie den Song „You Must Love Me“ hinzugefügt, der nun auch der neuen Bühnenversion eine größere emotionale Dichte verleiht. Bis zu diesem Moment hat der Zuschauer Eva Perón in erster Linie als zielstrebige Powerfrau gesehen, die den sozialen Aufstieg will und in der Wahl ihrer Männer so berechnend vorgeht wie ein Schach-Großmeister. Erst auf der Krankenstation, als alles zu spät ist, gibt es im Stück den ersten Kuss zwischen Perón und Eva, die ersten unverstellten Emotionen. Abigail Jaye meistert alle Facetten der strapaziösen Rolle mit Bravour, vom eiskalten Ehrgeiz bis zum körperlichen Verfall. Dass sie besser singt als Madonna, ist bei einer gut geschulten britischen Musical-Fachkraft sowieso selbstverständlich.

In der Rückblende auf Evas Leben führt Tim Rice das Publikum auch in die Niederungen der argentinischen Politik der späten vierziger und fünfziger Jahre. Die konspirative Sitzung der Militärjunta wird in „The Art of The Possible“ geradezu als absurde Operette ausgestellt, während im Bühnenhintergrund Menschen mit Sack über dem Kopf ins Off geführt werden. Evas Auftritte als Wohltäterin, die sich die Zuneigung der einfachen Leute erkauft, gipfeln in einer Szene mit plakativem Geldregen.

Der erzählerische Kunstgriff in „Evita“, um das auch einem europäischen Publikum schmackhaft zu machen, ist die Figur des Che. Ernesto „Che“ Guevara, der spätere Sidekick von Fidel Castro während der kubanischen Revolution, ist gebürtiger Argentinier und hat die First Lady zumindest aus der Distanz erlebt. Der Song „Waltz for Eva and Che“ lässt die beiden zugleich tanzen und politisieren: ob sich wohl der Sozialismus mit dem Scheckbuch à la Perón durchsetzen wird oder doch der bewaffnete Kampf? Mark Powell spielt den Che nicht als wild gewordenen Revoluzzer, sondern mit ironischer Distanz; ein sympathischer Störenfried, ohne den dieses Requiem sterbenslangweilig wäre.

Köln, Philharmonie, noch bis 8. August. Vorstellungen täglich (außer Montag, 2. August).



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Orte des Geschehens

große Karte

Anzeige


Anzeige


Umfrage

Mehr autofreie Zonen für Köln?
Der Platz vor der Eigelsteintorburg ist schon autofrei, nun soll der Chlodwigplatz folgen. Auch für den Neumarkt schlägt der Masterplan vor, eine Seite für den Verkehr zu sperren. Ist das sinnvoll?


Special


Anzeige




Modisch aufgefallen


Junge Zeiten


Bildergalerien


Termine

Veranstaltungssuche

 

Veranstaltungs-Tipps

Manic Street Preachers

22. April 2012,
E-Werk Köln

 

Neue ksta.tv-Videos aus Köln




Offene Schulen


Top-Links (Anzeige)



Weitere Serien


ksta shop


Aktuelle Verkehrsinfos


Service


Mein ksta.de


ksta.de auf Facebook

KSTA auf Facebook

Aktion


Aktion



Hintergrund


Stadtmenschen Community


Extra


Dienste