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Haftbeschwerde

Und sagt kein einziges Wort

Von Marianne Quoirin, 29.07.10, 11:34h, aktualisiert 30.07.10, 18:11h

Der Wetter-Moderator Jörg Kachelmann hat die JVA Mannheim verlassen. Zuvor hatte das Oberlandesgericht Karlsruhe seiner Haftbeschwerde stattgegeben. Die Richter stellten das gesamte Verfahren gegen Kachelmann in Frage.

Jörg Kachelmann
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Reinhard Birkenstock (links) mit seinem Mandanten Jörg Kachelmann im Amtsgericht Mannheim. (Bild: ddp)
Jörg Kachelmann
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Reinhard Birkenstock (links) mit seinem Mandanten Jörg Kachelmann im Amtsgericht Mannheim. (Bild: ddp)
MANNHEIM/KARLSRUHE - Er sagt kein einziges Wort, nur den Hauch eines Lächelns schenkt Jörg Kachelmann den Journalisten, die stundenlang vor der grünen Automatik-Tür aus Stahl der Justizvollzugsanstalt Mannheim ausgeharrt haben. Und weil er bei seinem ersten Schritt nach mehr als vier Monaten Untersuchungshaft nichts sagt, beginnen gleich wieder die Mutmaßungen der Beobachter vor Ort und der im Nachrichtenkanal n-tv zugeschalteten Experten, warum er den Mund hält und nur lächelt. Könnte das schon die Strategie des für den 5. Oktober angesetzten Strafverfahrens andeuten? Zu den Vorwürfen schweigen und von seinem guten Recht Gebrauch machen, die Aussage zu verweigern?

Auch werden wieder das Lächeln, das glatt rasierte Gesicht und das gestutzte Haar interpretiert, als sich der ARD-Wettermoderator auf den Weg zum Auto seines Verteidigers Reinhard Birkenstock macht. Ähnliche Szenen hatten sich nach seiner Verhaftung vor dem Amtsgericht Mannheim am 20. März abgespielt - und nicht einmal namhafte Psychologen scheuten damals vor Ferndiagnosen für die Medien zurück.

Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft wog bis gestern sehr schwer: Vergewaltigung in einem besonders schweren Fall in Tateinheit mit Körperverletzung, ein Verbrechen also, das mit bis zu 15 Jahren Haft geahndet werden kann. Das Opfer will eine jahrelange Geliebte sein, die mit zweitem Vornamen Simone heißt. Das Oberlandesgericht Karlsruhe, das gestern seine "umgehende Freilassung" anordnete, hat darüber hinaus bekundet, dass "im derzeitigen Stadium des Verfahrens kein dringender Tatverdacht mehr bestehe".

ksta.tv: Kachelmann kommt aus U-Haft frei

Kachelmann kann mit großer Erleichterung dem voraussichtlich am 6. September vor dem Landgericht Mannheim beginnenden Strafprozess entgegensehen. Denn in seiner Entscheidung hat der 3. Strafsenat des OLG Karlsruhe auch festgestellt, dass angesichts eines "bestreitenden Angeklagten" und der Nebenklägerin Simone als einziger Belastungszeugin in diesem Fall "Aussage gegen Aussage" stehe: Das ist bei Vorwürfen der Vergewaltigung früherer Intim-Partner fast immer der Fall, sollte es nicht zufällig Zeugen geben.

Bei dem mutmaßlichen Opfer, so stellten die Richter fest, könnten überdies "Bestrafungs- und Falschbelastungsmotive" nicht ausgeschlossen werden. Die Frau habe bei der Anzeige und im Ermittlungsverfahren zur Vorgeschichte und den Umständen der Vergewaltigung zunächst unzutreffende Angaben gemacht und diese erst korrigiert, als sie mit Ermittlungsergebnissen konfrontiert wurde, die ihren Aussagen widersprochen haben. Und es kommt noch heftiger: Aufgrund der Untersuchungen und rechtsmedizinischen Gutachten könne auch nicht ausgeschlossen werden, dass sie sich die Verletzungen selbst zugefügt habe.

Diese Bewertung der OLG-Richter kann sich vor allem die Staatsanwaltschaft Mannheim hinter die Ohren schreiben. Sie hatte nach der von der Verteidigung geleisteten Detektivarbeit zur Beziehungsgeschichte von Kachelmann und Simone ein aussagepsychologisches Gutachten bei der Bremer Psychologie-Professorin Luise Greuel bestellt, aber Anklage erhoben, bevor das 126-Seiten-Gutachten vorlag. Die Aussage der Ex-Freundin, so die zentrale Aussage der renommierten Expertin, erfülle nicht die Mindestanforderungen an Logik, Detaillierung und Konstanz. Die Frau schildere die Vergewaltigung nur vage und oberflächlich. Dass Kachelmann ihr nahezu ständig das Messer an den Hals gehalten haben soll, sei "unwahrscheinlich bis unmöglich".

Der Heidelberger Traumatologe Professor Günter Seidler versucht in einem Gegengutachten (ebenfalls auf Antrag der Staatsanwaltschaft) die lückenhafte Erinnerung von Simone an Phasen der angeblichen Vergewaltigung zu erklären: Wer, wie sie in der Tatnacht, unter Todesangst leide, der könne bestimmte Details in seinem Gehirn nicht abspeichern. Das sei der Grund, warum Simone nicht schlüssig wiedergeben könne, was Kachelmann genau mit dem Tomatenmesser gemacht habe. Abgesehen von der problematischen Tatsache, dass Seidler auch Simones Therapeut ist, stellt diese Aussage die Erkenntnisse der seriösen Aussagepsychologie auf den Kopf: Je weniger ein Opfer schildern kann, desto wahrscheinlicher das Verbrechen?

Der Fall des so beliebten Wettermanns hält seit Monaten die Nation in Atem. Es gab Meinungsumfragen zur Frage der Schuld des TV-Stars. Längst ging es nicht nur um das vorgeworfene Verbrechen, sondern vor allem um das Privatleben des Jörg Kachelmann, über das echte und mitunter auch nur vermeintliche Ex-Geliebte ihre Geschichte und ihre Vorwürfe auf vielen Zeitschriften-Seiten ausbreiten durften: Aus dem charmanten Wetterpropheten wurde so ein eigensüchtiger Frauenheld, der seine Freundinnen nur sporadisch besuchte und die Beziehung frisch hielt.

Die Öffentlichkeit hatte wegen des Liebesleben des Jörg K. ihr Urteil weitgehend gefällt. Bis der Verteidigung der Kragen platzte und sie sich mit einer Erklärung über den "Mannheimer Justizskandal" Gehör verschaffte. Nun habe das Karlsruher Gericht, wie Rechtsanwalt Birkenstock erleichtert feststellte, dem Skandal Grenzen gesetzt: "Ihm verdanken wir in diesem Verfahren die Auferstehung der Unschuldsvermutung und die Rückkehr der Rechtsstaatlichkeit."



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