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Grosseinsatz

20-Zentner-Bombe entschärft

Von Claudia Hauser und Tim Stinauer, 29.07.10, 19:56h, aktualisiert 30.07.10, 08:35h

Für die Entschärfung der 20 Zentner schweren Fliegerbombe mussten 6000 Menschen ihre Häuser verlassen. Der Kölner Zoo blieb den ganzen Tag geschlossen. Viele Straßen mussten gesperrt und die Schifffahrt unterbrochen werden.

Bombe entschärft
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Haben die Bombe entschärft: Die Feuerwerker Wolfgang Wolf (l.) und Dieter Daenecke. (Bild: Arton Krasniqi)
Bombe entschärft
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Haben die Bombe entschärft: Die Feuerwerker Wolfgang Wolf (l.) und Dieter Daenecke. (Bild: Arton Krasniqi)
Bombenfund in Riehl
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Auch die Bewohner der Riehler Heinmstätten wurden in Sicherheit gebracht. (Bild: Krasniqi)
Bombenfund in Riehl
Riehl - Diese Hausmeisterin immer mit ihren Scherzen. Erika Gutte, die in einem Appartement im Seniorenheim Riehl lebt, kennt das schon. „Heute wird eine Bombe entschärft, alle müssen das Heim verlassen“, hat die Hausmeisterin gleich am Morgen gesagt. Als klar wird, das dies kein Scherz ist, ärgert sich Erika Gutte vor allem erstmal darüber, dass ihr Friseurtermin ausfallen muss. Die Bombe lässt die 92-Jährige relativ kalt. „Ich habe den Krieg überstanden, da werden wir diese kleine Bombe auch noch überleben“, sagt sie und verschränkt ihre Arme vor der Brust, während sie auf einer Bank vor dem Heim auf einen der Busse wartet, der sie und rund 350 andere Bewohner zu einer spontan organisierten „Fahrt ins Blaue“ abholen wird. Es geht in die Eifel.

Otto B. Ludorff, Geschäftsführer der Sozial-Betriebe-Köln (SBK), ist weniger gelassen. Schließlich gilt es, 1100 Bewohner - 500 sind Pflegebedürftige, viele können nur liegend transportiert werden - in Sicherheit zu bringen, bevor um 18.38 Uhr eine 20-Zentner-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg am Riehler Rheinufer entschärft wird - etwa zwei Stunden später als geplant.

Die Fliegerbombe war am Mittwochvormittag an der Straße „An der Schanz“ bei Bauarbeiten entdeckt worden. Um 12.30 Uhr treffen sich der Leiter des Ordnungsdienstes, Ralf Mayer, und Ordnungsamtschef Robert Kilp zu einem ersten Planungsgespräch. Um 12.45 Uhr steht fest: Die Bombe ist keine alltägliche, sondern ein „Wohnblock-Knacker“. Experten des Kampfmittelräumdienstes informieren den Planungsstab von Stadt, Polizei und Feuerwehr ausführlich über die gewaltige Sprengkraft. Damit ist klar: Geräumt werden muss in einem Radius von einem Kilometer. Betroffen sind insgesamt etwa 6000 Menschen.

ksta.tv: Bombe entschärft

Am Nachmittag legen die Planer exakt fest, welche Straßen gesperrt, welche Gebäude evakuiert werden müssen. Dann informiert die Stadt die Medien. Bis tief in die Nacht hängen Mitarbeiter des Ordnungsdienstes Infozettel für die Anwohner an den betreffenden Häusern aus mit der Telefonnummer des städtischen Call-Centers und der Bitte, am Donnerstag die Wohnungen „für mehrere Stunden zu verlassen“.

Zoo im Sperrgebiet

Im Sperrgebiet liegen außer dem Seniorenzentrum auch das Axa-Hochhaus, die Jugendherberge und der Zoo. 200 Feuerwehrleute und Mitarbeiter des Ordnungsamtes sind ab 6 Uhr morgens allein mit der Evakuierung des Seniorenheims beschäftigt, Dutzende Krankenwagen stehen unter der Zoobrücke und am Riehler Gürtel, teilweise kommen die Fahrzeuge aus dem Rhein-Sieg-, und dem Rhein-Erft-Kreis, aus Bonn und dem Oberbergischen.

ksta.tv: Tausende räumen ihre Wohnungen

Die Bewohner der Heimstätten werden in Krankenhäuser in Holweide und Merheim gebracht, andere vorübergehend in sieben anderen Heime. „Alles ist so koordiniert, dass wir genau wissen, welcher Bewohner wo hingebracht wird“, sagt Thomas Bürgerhausen, stellvertretender Einsatzleiter. Jeder trägt ein Bändchen oder einen Aufkleber am Arm, auf dem sein Name und die Medikamente stehen, auf die er angewiesen ist. Die Pfleger - viele mussten auf ihre freien Tage verzichten - haben für alle Medikamentenpäckchen gepackt. Mit Kreide hat jemand „8 bis 22 Uhr Bombenausflug“ auf eine Tafel in Pflegeheim 7 geschrieben. Dieser „Ausflug“ führt 150 Senioren ins Staatenhaus nach Deutz. In den ehemaligen Messehallen wurden Betten aus der Uniklinik und Feldbetten aufgestellt, am Tanzbrunnen kochen Mitarbeiter des Roten Kreuzes Erbsensuppe - für die Pflegebedürftigen und die Hilfskräfte.

Vor dem Haupteingang des Zoos hüpfen ein paar Spatzen herum und zanken sich um Popcornreste. Ansonsten ist wenig los, der Tierpark bleibt heute geschlossen. Ein kleines Mädchen trommelt mit beiden Fäusten auf die Brust seiner Mutter und schreit - doch der Besuch bei den Erdmännchen muss verschoben werden. Zoodirektor Theo Pagel trifft sich mit einigen Pflegern am frühen Nachmittag zu einem letzten Rundgang, um sicherzugehen, dass alle Tiere versorgt sind. Dann müssen auch die Mitarbeiter das Gelände verlassen. „Alle Tiere sind in ihren Ställen und Boxen“, sagt Pagel. Bindu, den sechs Tonnen schweren Elefantenbullen, kann man nicht einfach vorübergehend in einem Kuhstall unterstellen. Im schlimmsten Fall, so hofft Pagel, würden die Tiere bei einer Detonation Druckwellen spüren - und Scheiben würden zerbrechen. Die Raubkatzen, die hinter Scheiben gehalten werden, wurden deshalb eingesperrt, vor den Fenstern sind Heuballen gestapelt. Hippodom und Aquarium liegen außerhalb der Sperrzone.

Der Bombenfund beeinflusst am Donnerstag auch das Leben vieler Anwohner. Mit Sonderbussen der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) können alle, die nicht wissen wohin, zur Sporthalle ins Nippeser Tälchen fahren, die zur Notanlaufstelle ausgerüstet wurde. Dort gibt es Getränke und etwas zu essen.

In der Pionierstraße sucht der neunjährige Markus seinen Stoffhund Luna im Auto seines Vaters - der muss mit. Und gegenüber verstauen Rolf Ridky und seine Frau Nicole eine Tasche mit dem Nötigsten in ihrem Wagen. „Wer weiß, wann wir in unsere Wohnung zurück können“, sagt er. Ihre siebenjährige Tochter bleibt einen Tag länger als geplant bei der Oma. Statt zu arbeiten, sieht sich das Paar die Landschaften der Impressionisten im Wallraf-Richartz-Museum an. „Was bleibt uns übrig - unser Büro ist in der Wohnung.“ Für den Arbeitsausfall könne man ja leider niemanden haftbar machen. „Höchstens vielleicht den Zweiten Weltkrieg.“



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