Von Susanne Rohlfing, 29.07.10, 22:13h, aktualisiert 30.07.10, 10:29h
"Wahnsinn, ich kann es nicht glauben, wir haben es geschafft", waren die ersten Worte, die Sailer nach ihrer Ehrenrunde mit Deutschlandfahne von sich gab. "Das ist so ein Wahnsinn." Die Mannheimerin rannte in einem hochspannenden Finale nach 11,10 Sekunden durchs Ziel. Gefolgt von Mang in 11,11 und deren Landsfrau Myriam Soumare in 11,18 Sekunden. Die letzte deutsche EM-Medaille über 100 Meter seit der Wiedervereinigung gewann 1994 in Helsinki mit Bronze Melanie Paschke. Nun also Gold. Nach zwei rabenschwarzen Tagen für die deutschen Leichtathleten: Gold im Sprint.
Schon im Vorlauf war Verena Sailer schneller als alle anderen. Mit 11,27 Sekunden zog sie ins Halbfinale ein. Dort erlebte sie dann eine Schrecksekunde. Mit aller Kraft und zu viel Vorlage schoss sie aus den Startblöcken und fabrizierte einen dicken Stolperer. Aber Verena Sailer wollte diese EM zu ihrer EM machen. Also fing sie sich und stürmte in Richtung Ziellinie. Und sie erreichte diese vor den Französinnen Myriam Soumare und Christine Arron, der Grande Dame des Sprints. Die 36-Jährige hält mit 10,73 Sekunden den Europarekord, stellte diesen allerdings schon vor zwölf Jahren bei der EM in Budapest auf. In Barcelona wurde sie Achte.
Die Uhr stoppte für Sailer im Halbfinale noch bei 11,06 Sekunden. Persönliche Bestleistung. Allerdings mit zu viel Rückenwind. Die 11,10 im Finale waren dann eine echte persönliche Bestleistung. Europas Führende, die Weißrussin Alena Neumiarsitzkaja, war nicht an ihre Jahresbestzeit von 11,05 Sekunden heran gekommen und bereits im Vorlauf ausgeschieden, ebenso wie die Russin Julia Katsura, die im Vorfeld der EM eine 11,22 gelaufen war. Sailers Chance auf eine Medaille war bis zum Finale stetig gestiegen, und mit ihr der Druck. Den hat die Mannheimerin dann aber einfach ignoriert. Das passt zu ihr.
Verena Sailer ist keine Glamour-Sprinterin. Sie macht nicht viel Aufhebens um ihre Person, hockt nicht durchgestylt in den Startblöcken, sondern trägt ihr blondes Haar in einem achtlos zusammengebundenen Pferdeschwanz. Verena Sailer redet nicht viel über sich und die Welt. Sie rennt einfach und rennt und rennt. Die 24-Jährige hat sich konstant nach oben gearbeitet. Still und heimlich. Die nötige Disziplin wird sie in jungen Jahren gelernt haben, denn erst als Elfjährige wechselte sie vom Leistungsturnen in die Leichtathletik.
Seit 2006 ist die Sportmanagement-Studentin Jahr für Jahr deutsche Meisterin geworden. 2007 wurde sie U-23-Europameisterin und 2009 Dritte der Hallen-EM. Im vergangenen Jahr kürte sie sich dann zur schnellste Europäerin und zugleich schnellsten weißen Frau der Welt. Für das Finale der Heim-WM in Berlin reichte das allerdings nicht. Die Sprinterinnen aus den USA und der Karibik sind auch für Sailer zu schnell. Zehn rannten ihr in Berlin davon.
"Seit den Spielen 2004 in Athen hat Europa bei Olympia und Weltmeisterschaften nur noch zwölf Prozent aller Lauf-Medaillen gewonnen", hatte DLV-Cheftrainer Rüdiger Harksen vor der EM ausgerechnet. Probleme mit der Konkurrenz aus Übersee haben also nicht nur die Deutschen. Deshalb ist eine Europameisterschaft so wichtig für das Selbstbewusstsein der europäischen Läufer. Und Sailers Medaille ist Gold wert für das der deutschen Sprinter.
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