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Loveparade

Für Sauerland fällt der Vorhang

Erstellt 30.07.10, 08:02h, aktualisiert 30.07.10, 18:52h

Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland wird sich nicht mehr lange im Amt halten können. Auch in der CDU mehren sich Rücktrittsforderungen. Kommende Woche reden die Ratsfraktionen über Sauerlands Abwahl.

Adolf Sauerland
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Adolf Sauerland. (Bild: ddp)
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Adolf Sauerland. (Bild: ddp)
DUISBURG - Die Tür des Sitzungssaales lässt Oberbürgermeister Adolf Sauerland am Freitagvormittag von innen abschließen, unbekannte Gäste dürfen im Rathaus längst nicht mehr selbst zu den Zimmern gehen, sondern werden begleitet. Auf der Straße sind seit Tagen keine Politessen zu sehen, weil die wütenden Duisburger sie anpöbeln und bedrohen und im Callcenter der Stadt weinen Mitarbeiter offen wegen der reihenweisen Schmähungen.

Die Katastrophe der Loveparade, für die Verwaltungschef Sauerland verantwortlich gemacht wird, und seine Weigerung, Konsequenzen zu ziehen, hat in der Industriestadt Duisburg für einen Ausnahmezustand gesorgt. "Das ist Agonie hier", sagt ein Rathaus-Mitarbeiter, der nicht zitiert werden will. Die Pressestelle der Stadt will sich zu den Schilderungen überhaupt nicht äußern.

Der noch vor einer Woche überaus beliebte CDU-Oberbürgermeister Sauerland - als Kumpeltyp mit Motorroller stadtbekannt - hat nach den ersten Erkenntnissen die Loveparade trotz Bedenken einiger Fachleute hemdsärmelig durchgedrückt. Dass nicht er, sondern Verwaltungsbeamte am Ende die Genehmigung unterschrieben haben, überzeugt niemanden. Entscheidend ist doch der Wille der politischen Führung. "Schließlich wolle der OB die Veranstaltung", heißt es in einem seit Tagen über das Internet lancierten Vermerk, an dessen Ende Stadtbaurat Jürgen Dressler jede Verantwortung für die Raverparty ablehnt.

Sogar die eigenen CDU-Leute drängen Sauerland inzwischen kaum mehr verdeckt zum Rückzug. Er trage nun mal die politische Verantwortung und hafte damit auch für Fehler seiner Mitarbeiter, sagte der Bundestags-Innenausschuss-Vorsitzende Wolfgang Bosbach (CDU) dem ZDF. Er hoffe, dass Sauerland eine gute Entscheidung fälle. Noch direkter kann man das in der Politik unter Parteifreunden nicht formulieren.

Gesucht wird ein Sündenbock

Unterstützung bekam Sauerland am Freitag vom stellvertretenden Fraktionschef der CDU im Bundestag. Günter Krings warnte davor, den Oberbürgermeister zum Sündenbock der Loveparade-Katastrophe zu machen. "Ich wundere mich schon, dass sich diese Diskussion so sehr auf eine einzelne Person konzentriert, obwohl doch klar ist, dass gerade so ein Großereignis im Vorfeld von einer Vielzahl von Personen, vor allem von einer Vielzahl von Behörden beurteilt wird."

Was es Sauerland finanziell kosten würde, das Handtuch zu werfen -da gibt es unterschiedliche Auskünfte. In jedem Fall wären die Folgen spürbar. Insofern könnte die von der Duisburger Links-Partei mit FDP-Unterstützung gestartete Initiative zu seiner Abwahl dem Oberbürgermeister letztlich sogar noch helfen: Wird er nämlich abgewählt, bekommt Sauerland die Pension von mindestens 35 Prozent seiner B10-Bezüge (10.709 Euro). Am Montag - nach der Trauerfeier -wollen sich die Ratsfraktionen austauschen. Die FDP hält eine Abwahl trotz der hohen Hürde einer Zwei-Drittel-Mehrheit für gut möglich.

Schließlich können sich viele Mitarbeiter im Rathaus eine Weiterarbeit mit ihrem Dienstherrn realistisch kaum mehr vorstellen. Auch wenn der Veranstalter und die Polizei an der Tragödie mit schuld sein sollten - Sauerlands Reputation ist dahin. Wenn am Samstag bei der Trauerfeier in der Duisburger Salvatorkirche Bundespräsident, Bundeskanzlerin, Bundestagspräsident und Ministerpräsidentin vorfahren, wird der OB der betroffenen Stadt fehlen - um die Trauernden nicht zu provozieren.

ksta.tv: Demonstration vor dem Rathaus

Am Donnerstag hatten Hunderte Duisburger mit einer Schweigeminute vor dem Rathaus den Opfern der Loveparade vom vergangenen Samstag gedacht. Sie skandierten immer wieder "Sauerland raus!". Nach der Kundgebung formierte sich ein Protestzug durch die Duisburger Innenstadt.

Der Chef des Kulturhauptstadt-Projekts "Ruhr.2010", Fritz Pleitgen, fordert indes Hilfe für Sauerland. "Der Oberbürgermeister Sauerland ist ein sehr beliebter Oberbürgermeister gewesen, aber offensichtlich jetzt nicht der Situation gewachsen. Und er braucht dringend Hilfe." Gefragt sei dabei vor allem die Spitze der CDU. Schließlich sei die Situation für Sauerland derzeit sehr schwierig - unter anderem auch finanziell. "Er würde alle Ansprüche verlieren, er hätte überhaupt keine Pension. Auch da müsste eine Lösung gefunden werden."

Besucherzahlen frisiert

Nach Recherchen der Zeitungen der Essener WAZ-Mediengruppe sind alle bislang veröffentlichten Zahlen der Loveparade-Teilnehmer im Ruhrgebiet von Beginn an gefälscht worden. So hieß es, in Essen seien vor drei Jahren 1,2 Millionen Menschen auf dem Techno-Event gewesen. Nach Dortmund sollen vor zwei Jahren 1,6 Millionen gekommen sein, in Duisburg war von 1,4 Millionen Menschen die Rede. Keine dieser Zahlen sei korrekt, alle seien maßlos übertrieben. (dpa, ddp)



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