Schriftgröße

Duisburg

Eine gelähmte Stadt

Von Tim Stinauer, 31.07.10, 08:47h, aktualisiert 31.07.10, 20:26h

Eine Woche nach der Tragödie nimmt Duisburg Abschied von den Opfern. Am Samstagmorgen hielt Ministerpräsidentin Hannelore Kraft eine bewegende Rede. Am Nachmittag nehmen viele Menschen an einem Trauermarsch teil.

Kerzenmeer
Bild vergrößern
Nach der Loveparade-Katastrophe: Eine Frau stellt in Duisburg an der Unglücksstelle der Loveparade eine brennende Kerze ab. (Bild: dpa)
Kerzenmeer
Bild verkleinern
Nach der Loveparade-Katastrophe: Eine Frau stellt in Duisburg an der Unglücksstelle der Loveparade eine brennende Kerze ab. (Bild: dpa)
Alle acht Tische in der Bäckerei sind leer, dabei liegt das Cafè mitten in der Duisburger Innenstadt, es ist zehn Uhr am Samstag - beste Frühstückszeit. „Aber heute ist irgendwie alles anders“, sagt die Verkäuferin, „es ist viel weniger los als üblich an einem Samstag.“ Fast alle der wenigen Kunden, berichtet die junge Frau, unterhalten sich beim Brötchen kaufen über die Katastrophe mit 21 Toten und mehr als 500 Verletzten, über den „größenwahnsinnigen Bürgermeister“, der die Loveparade unbedingt in diese Stadt holen wollte oder über die Trauerfeier mit der Bundeskanzlerin, die in einer Stunde in der nur 400 Meter entfernten Salvatorkirche beginnen wird.

Auch in der Fußgängerzone vor dem Café herrscht wenig Betrieb – fast so, als sei heute ein Sonntag. „Ich denke, die Leute sitzen alle zu Hause und gucken den Gottesdienst im Fernsehen“, vermutet die Verkäuferin, die am Eingang einer Drogerie auf Kundschaft wartet. „ Diese Stimmung hier ist ganz seltsam“, beschreibt sie „irgendwie so bedrückend, gelähmt.“

Ein paar Schritte weiter, rund um die Salvatorkirche, errichten Rettungskräfte der Malteser Notfall-Versorgungszelte aus Metallstangen und Planen und stellen Feldbetten hinein. „Es kann ja sein, dass Menschen das hier nicht verkraften und mit Kreislaufschwächen zusammenbrechen“, sagt ein Helfer. „Wir fahren alles auf, was wir haben“, berichtet der Abschnittsleiter, „und das ist eine ganze Menge, wir wollen auf alles vorbereitet sein.“

Polizisten einer Kölner Hundertschaft versperren den Weg auf den Kirchplatz: Zutritt nur für Angehörige der Opfer und geladene Gäste der Trauerfeier. Auf einem gesperrten Fahrstreifen der Schwanenstraße reihen sich auf 200 Metern dunkle Nobelkarossen der Politiker aneinander, die den Gottesdienst besuchen. Etwa hundert Menschen stehen vor den Absperrungen, alte und junge, Paare und Eltern mit Kindern und ein Jogger, der zufällig vorbeikam und neugierig stehen geblieben ist. Kaum jemand spricht, die Mienen sind ernst. Fünf junge, in schwarz gekleidete Männer halten ein Banner hoch: „Lüdenscheid trauert um die Opfer der Loveparade.“ SPD-Parteichef Sigmar Gabriel kommt die Straße entlang, zu Fuß, ganz allein, ohne Leibwächter. Er nickt den Trauernden zu, begrüßt einen Polizisten und passiert die Absperrung. Eine Notfallseelsorgerin mit lila Weste geht mit langsamen Schritten auf und ab, aber niemand spricht sie an. Um kurz vor elf beginnen die Glocken zu läuten.

In 14 Kirchen in der gesamten Stadt, wird die Trauerfeier auf Leinwände übertragen. Am Dellplatz, unweit des Hauptbahnhofs, ist schon lange kein Sitzplatz mehr frei. Dicht gedrängt stehen die Menschen in der katholischen Kirche St. Joseph bis zum Eingang. „Offene Kirche für Trauer, Gedenken und Gebet“ steht auf einem Zettel neben der Tür. Die Trauerfeier ist fast beendet, doch eine Frau hält es nicht länger auf der Bank. Während NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft eine bewegende Ansprache hält, beginnt sie zu schluchzen, ihr Mann stützt sie und begleitet sie aus der Kirche. „Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr“, sagt sie draußen auf dem Vorplatz und lässt sich auf einer Treppe nieder. Ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes folgt ihr, setzt sich neben sie, reicht ihr eine Beruhigungstablette und eine Flasche Wasser.

Sie ist nicht die einzige, der die Tränen kommen. Viele Menschen verlassen die Kirche nach der Übertragung mit feuchten Augen. Reden möchte niemand. Oliver Breuer (29) und Sarah Riesner (31) dagegen wirken gefasst. „Ich denke, diese Feier war sehr angemessen“, sagt Sarah. „Die Politiker und die Geistlichen haben genau die richtigen Worte für das gefunden, was man selbst nicht so gut ausdrücken kann.“ Zu zweit, zu Hause vor dem Fernseher, wollte das junge Paar den Gottesdienst nicht verfolgen. „Wir brauchten die Gemeinschaft hier in der Kirche. Das hilft uns“, sagt Oliver, dessen Bruder das Unglück vorigen Samstag auf der Loveparade unverletzt überstanden hat.

An der Salvatorkirche beginnen um kurz nach 12 Uhr schon wieder die Aufräumarbeiten. Die Malteser bauen ihre Zelte wieder ab. Die Feldbetten wurden nicht benötigt.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Newsticker


Bildergalerien


Anzeige


Neue Videos