Von Marion Eickler, 26.07.10, 15:38h, aktualisiert 26.07.10, 15:40h
Wenn in Kürze noch das erwartete Prüfzertifikat der neuesten zur Auswahl stehenden Lüftungsanlage die erhofften Werte bestätigt, könnte Zeller darüber hinaus die Wärmeverluste durch die Lüftung so stark minimieren, dass er mit dem bereits ausgewählten Tonziegel auskäme, rechnet er weiter. Dabei handelt es sich um einen speziellen Hohlkammerziegel. Die Kammern sind mit Mineralwolle gefüllt. Dieser Stein verfügt zwar nicht über ganz so hohe Dämmwerte wie ein Vergleichsprodukt, besitzt aber eine höhere Druckfestigkeit, was wiederum eine statisch günstigere Konstruktion des Gebäudes zulässt. Im Zweifelsfall könnten die dreifach verglasten Fenster im Bereich des Holzrahmens noch durch einen Dämmkern optimiert werden, um das Gebäude in seiner Energiebilanz auf das gewünschte Niveau zu heben.
So geht kaum noch Wärme über die Außenwände verloren. Und das ist wichtig. Denn die Baugruppe „Sülzer Freunde“ will Maßstäbe setzen. Während die Notare noch an den Formulierungen des Kaufvertrages für das Baufeld 5.2 auf dem ehemaligen Kinderheimgelände am Sülzgürtel feilen, planen die Freunde die Umsetzung ihres gemeinsamen Traums von einem Energie sparenden, möglichst wenig CO verursachenden Wohnens. Es soll nichts weniger werden als eines der ersten Kölner Wohnhäuser dieser Größe im Passivhausstandard. 16 Parteien (30 Erwachsene und 24 Kinder) werden dort einziehen und auf 35 Jahre gerechnet weit über 700 Tonnen des klimaschädlichen Gases einsparen.
Im Gebäudebestand liegt der durchschnittliche Heizenergieverbrauch bei 220 bis 280 Kilowattstunden pro Quadratmeter (KWh / m²) im Jahr. Demgegenüber werden in einem Passivhaus nur noch 15 KWh / m² pro Jahr benötigt. „Passivhausstandard“ war einer der wenigen Eckpunkte, über den die Kerngruppe - vier Familien / Paare, aus denen die „Sülzer Freunde“ hervorgingen - nicht mit sich diskutieren ließ. „Das war von Anfang klar“, sagt Zeller.
Der Architekt plant Passivhäuser schon seit einigen Jahren, kennt sich in der Materie aus und weiß um die Vorzüge. „Man muss gar nicht öko oder Gutmensch sein, um zu erkennen, dass der Passivhausstandard die Zukunft im Wohnungsbau ist. Das ist eine Frage ökonomischer Einsicht. Fossile Energien kommen uns heute schon in mehrfacher Hinsicht teuer zu stehen, auch ohne die aktuelle Havarie im Golf von Mexiko. Und die Preise werden weiter steigen“, so Zeller.
Wer im Passivhaus wohnt, kann sicher sein, dass ihm die Energiekosten in der Zukunft nicht davonlaufen und er womöglich frieren muss. Die Vorteile eines Passivhauses liegen auf der Hand. Aber gibt es auch Nachteile? In der Gruppe gibt es auch Vorbehalte: „Ich mache mir vor allem Sorgen, dass es im Sommer zu warm werden könnte, baue aber auf unseren Architekten, der diesen Punkt in seine Berechnungen mit einbezogen hat“, sagt Julia Müller-Ost. Bettina Metz ist froh, dass die Sülzer Freunde ihre ökologischen Vorstellungen wahr machen und spricht für viele der Gruppenmitglieder, wenn sie sagt: „Ich bin gespannt, ob die Technik hält, was sie verspricht.“
Nicht alles geht mit einem Passivhaus. Zwar darf man ohne weiteres die Fenster öffnen - auch wenn das dank des Lüftungssystems nicht mehr nötig ist. Aber eine große Differenz zwischen der Temperatur im Wohnraum und im Schlafzimmer, die gibt es beim Passivhaus nicht mehr. Extrem-Kaltschläfer müssen sich also umgewöhnen. Schwierig ist es auch, im Bad eine Temperatur von 24 Grad Celsius herzustellen, wie sie manch einer bevorzugt. „Um diesen Nachteil auszugleichen, rüsten wir die Bäder mit zusätzlichen Heizgeräten aus. Dann kann jeder selbst bestimmen, wie er es haben möchte“, so Zeller.
Er erklärte vieles bei den regelmäßig stattfindenden Gruppenabenden. Einige Bauherren besichtigten außerdem Passivhäuser, die das Büro Zeller bereits in der Vergangenheit geplant hatte. Sie sprachen mit deren Bewohnern, bekamen Antwort auf viele ihre Fragen und profitierten so von deren Erfahrungen.
Baustoffe, Raumgrößen und Belüftungssysteme sind zur Zeit Zellers Welt. Unterstützt wird er bei seiner Arbeit von den eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie den Ingenieuren des Aachener Büros Lebherz & Partner und dem Ingenieurbüro Klünker aus Erftstadt. Ein weiteres Thema sind die „unseligen“ Wärmebrücken. Das sind Gebäudeteile, über die Wärme schnell nach außen abgegeben wird, beispielsweise Balkone, Rollladenkästen, Gebäudeecken oder Fensterstürze. Eine nach der anderen gilt es möglichst zu eliminieren.
„Schon jetzt haben wir 30 Detailzeichnungen in x Varianten erstellt“, sagt Zeller. „Dieser Teil der Planung gleicht der Bewegung eines Esels mit zusammengebunden Beinen.“ Nur Stückchen für Stückchen gehe es voran. „Das braucht viel Beharrlichkeit - die Abhängigkeiten sind komplexer als bei einem konventionellen Gebäude.“ Auf das Gesamtprojekt gesehen also eher eine zähe Zeit? „Ein wenig schon“, findet Müller-Ost und erläutert: „Es fließt viel Geld und Arbeit in das Projekt, und es wird noch eine Weile dauern, bis der Bau wirklich beginnt.“
Die „Sülzer Freundin“ Andrea Herbst hingegen findet die Zeit der Planung richtig spannend und sagt: „Es ist sehr interessant, manchmal aufreibend, wenn es für ein Problem keine Lösung zu geben scheint. Umso toller, wenn ein anfängliches Problem in einer nachher besseren Lösung endet.“
Insgesamt ist die Gruppe guter Dinge, was den Fortschritt des gemeinsamen Projektes angeht. Bald unterschreiben sie den Kaufvertrag. Der Termin beim Notar steht bereits fest. Zeller freut sich sehr darauf und meint: „Das wird wie ein Befreiungsschlag, wenn wir endlich den Kaufvertrag in Händen halten. Dann sind wir einen großen Schritt weiter. In der Zusammensetzung der Gruppe hat es noch einmal eine Veränderung gegeben. „Eine Partei musste aus persönlichen Gründen ausscheiden, worüber wir alle sehr traurig waren“, so Ingrun Gerke. Doch die Nachrückerliste ist lang. Schnell war eine Familie gefunden, die die entstandene Lücke füllte und sich darüber freute, doch noch Teil der „Sülzer Freunde“ werden zu können.
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