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Meine Strasse

Schönheit und Schmuddel

Von Christian Hümmeler, 27.07.10, 10:54h

Die Iltisstraße beginnt zwar durchaus vorzeigbar mit Gebäuden aus der Jahrhundertwende und herrschaftlichen Mehrfamilienhäusern, endet dann aber recht trist und grau. Eben eine richtig „kölsche“ Misschung.

Iltisstraße
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Riesige Baustelle in der Iltisstraße: Hier entstehen zwei komplett neue Haltestallen. (Bild: Grönert)
Iltisstraße
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Riesige Baustelle in der Iltisstraße: Hier entstehen zwei komplett neue Haltestallen. (Bild: Grönert)
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Erst im Winter wird die Bahn wieder durch die Iltisstraße rollen. (Bild: Grönert)
Iltisstraße
Neuehrenfeld - Meine Straße ist seit vergangener Woche vor allem: meine Baustelle. Mit allem, was dazu gehört. Freie Parkplätze, vorher schon so selten wie Schnee in der Sahara, gibt es nun endgültig keine mehr. Sie sind dauerhaft besetzt mit Containern und Dixiklos, mit Baggern und Baumaterial, mit Lastwagen und Presslufthämmern. Was man halt so braucht, wenn man zwei komplett neue Straßenbahnhaltestellen baut, an jedem Ende der Straße eine. Danach wird man vermutlich alle Marketing-Register ziehen müssen, um die Bahnen wieder voll zu bekommen - denn während der Bauarbeiten ist der Verkehr schlicht eingestellt. Erst im Winter soll die Bahn wieder rollen. Bis dahin werden sich einige meiner Nachbarn - trotz Bus-Ersatzverkehr - womöglich an alternative Reisemöglichkeiten gewöhnt haben und die KVB künftig ignorieren.

Immerhin, auch das sägende Quietschen der Bahnen in jener scharfen Kurve, die die Bahnen in meine Straße führt, entfällt ein halbes Jahr lang. Was bei guter Laune als Signal einer höchst lebendigen Großstadt durchging, sorgte manche Nacht bei manchem Nachbarn für Verdruss. Bagger, Hämmer und Rüttelmaschinen aber machen weit mehr Krach - und das nicht nur alle zehn Minuten, sondern durchgehend ab 7 Uhr.

Dennoch freuen wir uns über die Bauarbeiten. Weil danach alte Menschen wie ganz junge (nämlich noch im Kinderwagen) an den neuen Haltestellen endlich ohne fremde Hilfe in die Bahn einsteigen können. Über Jahre hinweg sah man hier immer wieder verzweifelnde Senioren und Kinderwagen-Schieber vor dem für sie unbezwingbaren Hindernis dreier mächtiger Stufen vom Straßenniveau bis hoch in die Bahn.

Außerdem besteht die Hoffnung, dass die dann umgestaltete Straße möglicherweise ein ganz kleines bisschen sauberer wird. Bislang erweist sie sich nämlich gerade in ihrem ersten Teil als Anziehungspunkt für Schmutz aller Art. Das mag am Wind liegen, der alte Zeitungen und leere Plastiktüten zielsicher vor das Haus lenkt, in dem wir wohnen. Das mag aber auch an jenen liegen, die den Müll einfach fallen lassen und die von der Stadt großzügig verteilten Papierkörbe lässig ignorieren. Immerhin, man weiß sofort: Das hier muss Köln sein - diese einzigartige Mischung aus Schönheit und Schmuddel, aus Charme und Schmutz lässt keinen Zweifel zu.

Meine Straße gibt sich ebenfalls alle Mühe, diese kölsche Balance zu wahren: Sie beginnt zwar durchaus vorzeigbar mit Gebäuden aus der Jahrhundertwende und herrschaftlichen Mehrfamilienhäusern aus den 1930er Jahren im Herzen von Neuehrenfeld, nämlich direkt am Lenauplatz. Der eine Seltenheit in Köln ist, nämlich ein echter Platz, mit Bäumen und Bänken, Kneipen und Restaurants, mit einem Kiosk und einem Supermarkt im denkmalgeschützten ehemaligen Kino. Der Platz ist Mittelpunkt eines Gevierts aus extrem beliebten, weil von prächtigen Altbauten und herrlichen Bäumen bestandenen Straßen: Eichendorffstraße und Hauffstraße, Chamissostraße und Siemensstraße.

Die Iltisstraße gehört trotz des guten Starts leider nicht in diese Liste. Im weiteren Verlauf sieht es hier nämlich so aus: Häuser aus den 1960er, 70er und 80er Jahren - sämtlich nicht gerade Höhepunkte des jeweiligen Architekturschaffens, außer man mag etwa mehrgeschossige Wohnhäuser, die komplett mit Waschbeton verkleidet sind. Dann aber wieder stolze Genossenschaftsbauten aus den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts auf beiden Seiten der Straße, die von der sehr aktiven Ehrenfelder Wohnungsbaugenossenschaft regelmäßig saniert und gepflegt werden. Das bisherige Einheitsbraun der Häuser etwa wird Zug um Zug durch angenehmere Farben ersetzt, was die Situation erheblich aufwertet. Doch dann das graue Ende: Eine Tankstelle (allerdings mit hervorragendem Service), ein Geschäft für Autozubehör - die Äußere Kanalstraße ist erreicht. Und damit die tristeste Stelle meiner Straße, die anschließend noch ein kleines Stück nach Ossendorf hineinragt.

Eine eher durchschnittliche Straße also, wäre da nicht der seltsame Name: Die Iltisstraße erinnert nicht etwa an das gleichnamige Tier, sondern - samt den Seitenstraßen Takustraße und Lansstraße sowie dem Takuplatz - an die Niederschlagung des chinesischen Boxeraufstands durch deutsche Kolonialisten im Jahr 1900. Und damit an ein eher unrühmliches Kapitel deutscher Vergangenheit, in dessen Verlauf das Kanonenboot „Iltis“, gesteuert von Korvettenkapitän Lans, das chinesische Fort „Taku“ in Trümmer schoss.

Politisch korrekt wäre daher eine Umbenennung, befand im vergangenen Jahr ein Teil der Bezirkspolitik. Das ist uns ganz egal, findet die große Mehrheit der Anwohner: Die Straßen heißen eben so, und solange sie nicht nach ganz großen Halunken benannt sind, soll das auch so bleiben. Positiv ist jedenfalls zu vermerken: So gute Kenntnis der deutschen Kolonialgeschichte, wie sie die Bewohner des „Chinesenviertels“ dank ihrer Straßennamen haben, dürfte andernorts eine Seltenheit sein. Dazu trägt auch eine Informationstafel bei, die die rührige Bürgervereinigung an der Ecke zum Takuplatz aufgestellt hat.

Baumbestanden und mit dreieckigem Grundriss markiert dieser Platz die Mitte der Iltisstraße. Einst Straßenbahn-Endstation samt Wendeschleife, verliert er zunehmend an Bedeutung. Demnächst nämlich soll die Bahn hier überhaupt nicht mehr halten, weil die neue Station ein Stück die Iltisstraße hinabwandert. Warum die neue Haltestelle dann aber nicht mehr „Lenauplatz“ genannt werden soll, obwohl sie direkt neben der jetzigen Station gleichen Namens liegt, bleibt unergründliches Geheimnis der Kölner Verkehrs-Betriebe. Zwar liegt die Haltestelle schon seit 1958 nicht mehr auf dem Lenauplatz selbst. Doch den Namen trägt sie immerhin seit bald 100 Jahren.

Überhaupt, der Lenauplatz. Gefühlte zehn Jahre hat es gedauert, bis sich Stadt und Bezirkspolitik einig waren, wie das ramponierte Areal mit den Hochbeeten aus den 60er Jahren und dem Flickenasphalt, dem Wackelpflaster und den exakt zwei Sitzbänken attraktiver gestaltet werden könnte. Jetzt ist er fertig - und mancher Anwohner wünscht sich den alten Platz zurück, weil ihm der neue zu karg erscheint. Viele andere aber, etwa die Boule-Spieler und die Rad fahrenden Kinder, die Vereine, die nun genug Platz haben für Bühnenaufbau, Publikum und Bierwagen, sowie jene, die die neuen Bänke rund um den Platz Tag und Nacht intensiv frequentieren, sie alle finden den neuen Lenauplatz - dessen übersichtliche Gestaltung auch im Lichte der aktuellen Finanzlage der Stadt erfolgt ist - ganz gelungen. Wir auch.

Zumal er ein Symbol der Hoffnung ist: Die Stadt hat es tatsächlich geschafft, den Lenauplatz zu sanieren - da wird sie womöglich auch meine Straße hinbekommen. Dauert ja nur noch ein halbes Jahr.



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