Von Michael Struck-Schloen, 26.07.10, 22:51h, aktualisiert 26.07.10, 22:53h
Überraschender und verstörender wirkt da schon, was in den en-gen Gängen hinter der Schleuse zu sehen ist: fahrbare Holzregale mit der Aufschrift „Lohengrin“ voller Rattenköpfe, bedrohliche Drahtgespinste mit rotglühenden Augen, die entfernt an die Visiere von Sportfechtern erinnern. Im nächsten Schrank schwere, elegant gekrümmte Neopren-Anzüge mit Rückennummern - die überdimensionalen Rattenkörper, unter denen Choristen und Statisten gehörig ins Schwitzen kommen. Dann Hüte im leuchtenden Sommergelb wie für eine Promenade auf dem Lido. Und die Rüstungen der Mannen von Brabant und sächsischen Edlen, die das deutsche Land gegen die Horden aus dem Osten verteidigen sollen?
Man wird sie nicht finden an diesem Bayreuther Premierenabend, dem der Regisseur Hans Neuenfels und sein Bühnenbildner Reinhard von der Thannen alles Deutsche, aber auch alles Deutschkritische ausgetrieben haben. Der neue „Lohengrin“ ist keine Beschäftigung mit den Verwerfungen der Geschichte, sondern eine radikale Verinnerlichung. Was treibt uns Menschen um, wer schickt uns in die Welt, wer steuert die Gesellschaft, und vor allem: Welche Grenzen vermag Liebe zu überschreiten? Das sind die Frage, die den 69-jährigen Grandseigneur unter den Regisseuren interessieren.
Dafür schaffen Neuenfels und von der Thannen auf der Bühne eine Spielsituation, abseits jedes platten Realismus. Lohengrin selbst schiebt die Kulissen, wenn aus dem Graben das Herzflimmern der Solostreicher im Vorspiel erklingt. Jonas Kaufmann stemmt und schiebt eine weiße Wand in den Bühnenhintergrund, auf dass ein klinischer Raum mit Lamellen, Gucklöchern, Gitterzellen entsteht. Lohengrin, ein geschäftsmäßig angezogener Sunnyboy mit gelockertem Schlips, schafft sich so seine künstliche Welt und schaut mal, was passiert - Ähnlichkeiten mit psychiatrischen Anstalten und Labors für Menschenversuche sind gewollt.
Und schon zu den ersten Marschtritten der Anfangsszene erscheinen die Kostüme aus den Regalen: Ratten mit Drahtköpfen und Glimmeraugen, langschwänzig und auf übergroßen Silikonfüßen trippelnd, Beifall spendend, wuselnd. Es sind fantastische Kostüme, aber auch urkomische Figuren, die, obwohl sie mit der hinreißenden Präzision und Klangfeinheit des Festspielchores singen, manchen Besucher aufstöhnen lassen. Ratten sind überall, wenn Masse gefragt ist, vom Auftritt der Heere bis zum Brautchor, weiße, schwarze, rosige Ratten - selbst auf mehreren Videos, in denen sie töten, beißen, ein Tier bis auf die Knochen abnagen. Märchen und Moderne, Abstrusität und Gnadenlosigkeit vereinen sich in diesem Bild in einer Weise, wie es Rüstungen und Puffärmel nie vermöchten.
Zwischen den Nagern agieren die Menschen - auch sie psychisch seltsam verkrüppelt und ohne Halt. Elsa ist längst schon eine Ausgestoßene, der nach der Gewohnheit christlicher Märtyrerinnen Pfeile im Rücken stecken. Sie ist im Weltbild Wagners die Sehnsüchtige, Passive, die selbst für die Liebe nicht auf ihre Zweifel verzichten kann. Und Annette Dasch singt diese Partie mit schönen Bögen und schlanker Phrasierung, der in den Höhen die letzte Entschlossenheit und Sicherheit fehlt.
Die Verletzlichkeit dieser Stimme sucht ihre Widersacherin Ortrud mit brachialer Gewalt für ihre Zwecke auszunutzen: Evelyn Herlitzius ist eine packende, giftige züngelnde Darstellerin - das Prinzip Vernichtung, dem leider am Ende auch ihr Mezzo an heimfällt. Wer seine Stimmbänder derartig überstrapaziert, um einer falschen Idee von „dramatischem Fach“ zu entsprechen, wird sich seiner Karriere nicht mehr sonderlich lang erfreuen können. Ihr Partner Hans-Joachim Ketelsen (Telramund) hat diese Karriere weitgehend hinter sich - er musste für einen Vorgänger eingeflogen werden, der die deutsche Sprache nicht genügend beherrschte.
Dabei ist auch Ortrud keine eigenständig agierende Person. Im Spiel um Selbstbestimmung und das Aufgehen in der Masse ist das Geschehen immer manipuliert und kontrolliert von einer unbekannten Macht. Laborgehilfen befehlen Auftritte und Abgänge, jagen unbotmäßige Ratten, führen den labilen, neurotischen König Heinrich herein (Georg Zeppenfeld mit männlich-kernigem, aber subtil geführtem Bass) oder weisen den Heerrufer ein, dem Samuel Yuon seinen samtigen Bariton verleiht.
Und Lohengrin selbst, der vermeintliche Drahtzieher der Versuchsanordnung? Vielleicht wäre er zur Liebe fähig gewesen, wenn Elsa seine Bedingungen erfüllt hätte. Wir wissen es nicht so genau - auch weil sich Jonas Kaufmann nicht die Mühe macht, seine Rolle als Darsteller mit Sinn und Intensität zu füllen. Der Mann scheint einfach zu sehr mit sich selbst und seiner Präsenz beschäftigt, um wirklich einen Charakter formen zu können. Und es wirkte schon ein wenig ungerecht, dass er am Ende mit tosenden Bravos empfangen wurde, während über Neuenfels ein Buhsturm niederging. Den Vergleich mit den Heroen des Fachs kann Kaufmanns leicht gequetschter, in der Mitte reizloser, ungleichmäßig registrierter und nur bei einigen wunderbaren Pianos und Spitzentönen überzeugender Tenor jedenfalls nicht aushalten.
Nein, der wirkliche Star dieser Produktion war der 31-jährige Lette Andris Nelsons. Wann hat Bayreuth je erlebt, dass sich ein ganz junger Dirigent so selbstbewusst mit den schwierigen akustischen Verhältnissen umgeht, dass es kaum zu Wackeleien mit der Bühne, dafür aber zu Momenten himmlischer Erfüllung kommt? Nelsons disponiert klug, setzt im ersten, eher deutsch-pathetischen Aufzug auf Durchsichtigkeit und präzises Timing; im zweiten und dritten Aufzug auf Dramatik und Beweglichkeit.
Immer klebt er mit dem wunderbaren Bayreuther Orchester am Text und folgt seismografisch dem Herzschlag der Protagonisten. Und wenn er es für notwendig hält, lässt er eine Orchesterpassage wie das Nachspiel zum Duett Elsa-Ortrud im zweiten Akt so himmlisch ausschwingen, dass die Zeit stehen bleibt. So ist der „Lohengrin“ von Nelsons ein Psychogramm wie der von Neuenfels, der zuletzt einen neuen Herrscher als Fötus aus dem Schwanenei kriechen lässt. Wird er ein guter sein - oder doch wieder nur Ratten befehligen?
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