Von Fabian Klask, 28.07.10, 20:04h
Doch so leicht lässt sich der Rekord nicht fassen. Gesicherte Erkenntnis ist zunächst nur das, was der Landessportbund meldet: Hünxe ist landesweit der Ort mit den meisten Mitgliedern in Sportvereinen - gemessen an der Einwohnerzahl. Die kleine Gemeinde am Niederrhein kommt auf eine Sportler-Einwohner-Quote von 73,7 Prozent. Ein Vergleich hilft beim Staunen: Im nordrhein-westfälischen Schnitt ist nur etwa jeder Dritte Mitglied in einem Sportverein, in Köln sind es gerade mal 17,7 Prozent.
Auf Spurensuche
Im Rathaus, gleich neben der Pferdekoppel und den vielen hübschen Einfamilienhäusern, sitzt Herbert Hansen. Der Mann mit der Mecki-Frisur ist der Bürgermeister, der zur Gemeinde mit dem Sportrekord passt: Ein drahtiger Typ ist er, immer in Bewegung. Im Gespräch wippt er häufig vor und zurück, manchmal springt er auf, wenn er etwas erklären will. Hansen hat hier selbst 20 Jahre lang Leichtathletik gemacht, natürlich.
Wie kommt es, dass die Hünxer so sportlich sind, Herr Bürgermeister? Hansen muss jetzt grübeln: Gesundheitsbewusst seien sie wohl die vielen Familien am bürgerlichen Niederrhein, meint er. „Und die Leute, die herziehen, die wollen hier auch ihre Freizeit genießen.“ Hansen sagt, in Hünxe kauften sich viele Leute aus dem Ruhrgebiet ein Haus, weil sie keine Lust mehr auf die Großstadt hätten. „Wer hier wohnt, der nimmt halt in Kauf, dass er nicht mit der U-Bahn ins Theater fahren kann.“
Er meint: Die 14.000 Hünxer nutzten eben das, was der Niederrhein so bietet - viel Landschaft und viele Vereine. Die Gemeinde spendiert ihren Sportlern allerdings noch ein besonderes Extra: „Die Vereine zahlen bei uns nichts für die Nutzung der Sportanlagen.“ Das ist in vielen Pleite-Städten des Landes inzwischen anders. Einer, der das Angebot für die sportvernarrten Bürger von Hünxe irgendwie organisieren muss, ist Gottfried Benninghoff. Der Notar aus Duisburg ist Vorsitzender des größten Vereins am Ort, dem TV Bruckhausen, 2.500 Mitglieder stehen in der Kartei.
Benninghoff hat hier mal als Turnwart angefangen, jetzt ist er seit 23 Jahren Vorsitzender. „Dieser Rekord . . .“, sagt Benninghoff und lehnt sich zurück - auch er muss erst mal nachdenken: Ja, ja, sagt der 66-Jährige dann, sportinteressiert, gesundheitsbewusst seien sie schon die Hünxer, „aber der Sportverein, der bietet ja auch Gemeinschaft und ist für viele ein Treffpunkt. Das suchen die Leute hier.“
Während sich die Großstädter ganz individuell beim Workout im Fitnesscenter in die Balance bringen, kombinierten die Menschen am Niederrhein ihren Sport wohl am liebsten mit gesellschaftlichem Anschluss, meint Benninghoff. Oder kurz: „Bei uns ist man halt im Sportverein.“ So wie Eveline Kleine, 49 Jahre alt und Mutter von drei Söhnen: „Es fängt mit dem Babyschwimmen an, dann macht man mal einen Abstecher zum Trampolin, geht zum Tennis und am Ende ist man bei »Alles am Stuhl«“, erklärt sie den Hünxer Lauf der Dinge. „Alles am Stuhl“ heißen hier die Seniorenkurse.
Ein Austritt aus einem der drei großen Vereine sei da nicht vorgesehen. Eveline Kleine ist mit ihren Kindern auf der Tour durch das örtliche Sportangebot inzwischen beim Surfen angekommen: „Der Große war schon Landesmeister“, erzählt sie am Ufer der Surfstrecke. Der größte Verein am Ort hat nicht nur 17 Abteilungen, sondern auch einen eigenen See, der mal eine Kiesgrube war und sich recht unvermittelt zwischen den unzähligen Pferdekoppeln auftut.
An diesem sonnigen Samstag liegen sie hier am Strand, die sportlichen Hünxer aus der Surfabteilung, die Füße im Wasser, die Surfbretter daneben und plötzlich bekommt man diese Ahnung, warum es sich lohnt, ein Sportler in Hünxe zu sein. „Wir haben hier viel Platz", hatte der Bürgermeister gemeint, eine nette Landschaft, könnte man auch sagen. Surfen, Tauchen, Inline-Hockey . . .
In der Tenniskrise Tai Chi entdeckt
Die drei großen Vereine am Ort haben ein feines Gespür für neue Trendsportarten entwickelt, wissen, dass Turnen und Leichtathletik allein als Angebot nicht ausreicht. Die Krise der Tennisabteilung war da eine Lehre. Die soll, bitteschön, eine Ausnahme bleiben. Die Abteilung hat seit Mitte der 1990er Jahre, nach Ende des Becker-Graf-Booms, ein paar Plätze zu viel und 300 Mitglieder weniger. Doch Benninghoff und seine Kollegen haben bisher noch immer etwas gefunden, um die sagenhafte Sportlerquote zu halten: „Wir haben dann zum Beispiel Tai Chi angeboten. Das kannte ja hier keiner.“
Die Hünxer könnten nun bald eine eigene Tai-Chi-Abteilung aufmachen. Und demnächst soll ja auch noch die neue Segel-Abteilung ihre ersten Boote auf dem Baggersee zu Wasser lassen, erzählt Benninghoff. Die Rekordquote von 73,7 Prozent dürfte dann mal wieder steigen und die kleine Gemeinde am Niederrhein könnte bleiben, was sie ist: Die sportlichste im ganzen Land.
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