Von Philip Sagioglou, 31.07.10, 14:13h, aktualisiert 31.07.10, 19:11h
Mit dieser Route haben die Fußballfans in Nordrhein-Westfalen ihren eigenen Pilgerweg zu den Kultstätten ihres Sports. Vom geschichtsträchtigen Aachener Tivoli über den Bolzplatz im Erftkreis, auf dem Lukas Podolski alias Poldi einst seinen Linksfuß trainierte. Der Weg führt vorbei an den Stadien, in denen unzählige Fußball-Heldenlegenden ihren Anfang nahmen und macht Station am Grab der Fußball-Ikone des Potts, Lothar „Emma“ Emmerich.
Sicher, selbst härteste Fußballfans müssen nicht unbedingt wissen, wo Helmut Rahn sein Stammlokal hatte - aber auch diese Kneipe in Essen ist ein solcher Ballerlebnispunkt. Und weil auch der treueste Anhänger nicht einfach sagen kann „Ich bin dann mal fünf Wochen weg“, muss man die ganze Strecke auch nicht laufen, sondern kann fahren - mit dem Rad. Auf insgesamt 820 Kilometern von Aachen bis Bielefeld können Radler im Schnitt alle 8,4 Kilometer absteigen und ihren Wissensdurst in Sachen Fußball stillen.
Pfingsten wurde die Strecke eröffnet, jetzt im Sommer haben die 42 Tagestouren bei Familien Konjunktur. Die Europäische Union mag das erkannt haben, als sie rund 1,6 Millionen Euro für die Umsetzung dieser Idee zur Verfügung stellte. Das Herzstück der Route führt durch das Ruhrgebiet, zum Beispiel von Dortmund nach Bochum. Schilder mit gelben und grünen Fahrrädern weisen dem ortsfremden Tagestourradler den Weg. Inkognito - das heißt: nicht als Sympathisanten des 1.FC Köln zu erkennen - beginnen wir die Fahrt am Ausgang des Dortmunder Hauptbahnhofs, wo das „Deutsche Fußballmuseum“ ab 2014 die Route prägen soll.
Fußballhistoriker Roland Leroi, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Projekts, ist mit der bisherigen Resonanz zufrieden: „Wir wissen natürlich nicht, wie viele Leute den Weg tatsächlich fahren. Aber die angebotenen Materialen werden gut verkauft und es gibt viele Rückfragen.“ Bis zur Frauen-Weltmeisterschaft 2011 solle die Route auch eine präsente Verbindung zwischen den hiesigen Spielstätten Mönchengladbach, Leverkusen und Bochum bieten: „Da gibt es viele Anfragen für Zusammenarbeit. Wir werden versuchen, den Bezug zum Frauenfußball zu intensivieren.“
Doch auch ohne das macht das erste Etappenziel dem Fußballfan flinke Beine: der eindrucksvolle Signal Iduna Park ist durch seine gelben Pylonen weithin sichtbar. Wie ein kleiner Bruder gleich daneben: das traditionsreiche Stadion „Rote Erde“, in dem Borussia Dortmund zur Legende wurde. Orte mit Geschichte sind auch das vereinseigene Museum, das „Borusseum“, und der Westfalenpark, in dem 1962 die Gründung der Fußball-Bundesliga beschlossen wurde.
Auf asphaltierten, größtenteils sicheren Wegen geht es weiter - geeignet für Ausflüge und Klassenfahrten. Selten sind kurze Stücke der Strecke auf der Landstraße ohne eigenen Radweg zurückzulegen.
Nur die etwas älteren Fans werden wohl an Lothar Emmerichs Grab auf dem Dorstfelder Friedhof eine Gedenkminute einlegen und an seine Taten zurückdenken, bevor sie weiterradeln und es ländlicher wird auf dem Weg nach Bochum. Auf einem früheren Bahnweg wird die Route fast idyllisch, führt vorbei an Feldern.
Bevor man vergisst, dass man die Region mit der höchsten Dichte an Fußballclubs mit großer Tradition durchradelt, ist das „Rewirpowerstadion“ erreicht. Hier haben die U-20-Nationalspielerinnen im Halbfinale ihrer WM am Donnerstag gerade Südkorea besiegt.
In Bochum angekommen, kann man den Tag ausklingen lassen, bevor das Heimweh nach Köln zurücktreibt. Die gut 20 Kilometer lange Tour von Dortmund nach Bochum ist ein Tages-Trip für den Alleinradler oder für einen Familienausflug. Vielleicht werden die oft als bewegungsarm verdächtigten Fußballfans demnächst am Sonntagmorgen also die Familien-Fahrräder aus der Garage holen und verkünden: Wir sind heute mal weg.
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