Erstellt 07.08.10, 08:53h
FRANS DE WAAL Zumindest haben sie ein Spielverhalten und mitunter sind sie sehr nah an einem Sinn für Humor. Ihr Verhalten gleicht oft dem eines Menschen, der sich einen Scherz erlaubt. Es geht um Überraschungsmomente und Provokation.
Provokation?
DE WAAL Ja, sie provozieren zum Vergnügen. Georgia ist ein gutes Beispiel. Die Schimpansin nimmt Wasser in den Mund, wartet bis Besucher kommen, um sie dann nass zu spritzen. Das hat etwas Unerwartetes, ja etwas Humoristisches. Es gab noch einen krasseren Fall: Bjorn, ein anderer Schimpanse, klet terte einst auf einen Baum und pinkelte auf die Besucher. Fühlen Affen Ablehnung, treiben sie gerne derbe Späße. Sie wollen Reaktionen provozieren.
Und was hat es mit den Überraschungsmomenten auf sich?
DE WAAL Das mir einprägsamste Ereignis war, als einer meiner Kollegen sich eine Gorillamaske aufsetzte und sich hinter einem Baum versteckte. Als die Gorillas kamen, sprang er hervor und die Tiere bekamen Angst. Sie fingen an zu brüllen und warfen Dinge nach ihm. Als sie sich etwas beruhigt hatten, nahm er die Maske ab und das älteste Weibchen machte das typische „Playface“, mit leicht geöffnetem Mund, das Schimpansen machen, wenn sie lachen. Wir hatten den Eindruck, dass sie das ziemlich amüsant fand.
Das Eine ist, was wir sehen: Affen, die den Mund verziehen. Das Andere ist, was wir glauben, zu sehen: Affen, die Humor haben. Wann fangen Sie als Forscher an zu interpretieren?
DE WAAL Das ist tatsächlich sehr schwierig. Doch ist es beim Menschen nicht leichter: Wir können nie wissen, warum jemand lacht. Manchmal lachen wir über Dinge, die überhaupt nicht zum Lachen sind. Und jeder Mensch hat einen anderen Sinn für Humor.
Können wir kognitive Fähigkeiten überhaupt beweisen oder raten wir fortwährend?
DE WAAL Es gibt schon Fähigkeiten, die wir beweisen können. Zum Beispiel die, dass sich Primaten im Spiegel erkennen. Da können wir Experimente machen, und kognitive Fähigkeiten nachweisen. Bei Humor ist das schwieriger. Wie will man das experimentell nachweisen?
Ein Indiz wäre das Lachen.
DE WAAL Ja, erst kürzlich wurde dazu im Stuttgarter und Frankfurter Zoo geforscht. Die Wissenschaftler kitzelten Gorillababys und nahmen die Laute auf, um sie anschließend mit anderen Affen- und mit menschlichen Babylachen zu vergleichen. Das Ergebnis war verblüffend: All diese Laute sind sich sehr ähnlich, auch wenn der Mensch wesentlich lauter lacht.
Tiere lachen, sie erkennen sich im Spiegel und haben offensichtlich einen Sinn für Humor. Gibt es überhaupt kognitive Fähigkeiten, die den Menschen allein zuzuschreiben sind?
DE WAAL Doch, da gibt es viel. Sprache zum Beispiel. Wahrscheinlich auch Religion. Dann noch einige moralische Aspekte, wobei es da eine kontinuierliche Grenze zwischen Tier und Mensch gibt.
In ihrem Buch „Der Affe in uns“ siedeln Sie den Menschen „irgendwo zwischen den sanften Bonobos und den aggressiven Schimpansen“ an. Wie sind die Reaktionen auf das Buch?
DE WAAL Da gibt es zwei Varianten: Die Einen haben überhaupt kein Problem damit, mit Tieren verglichen zu werden. Die Anderen werden wütend. Sie sehen sich nicht als Tiere.
Haben sich die Reaktionen auf den Vergleich im Laufe der Zeit geändert?
DE WAAL Emotionen, Instinkte, Tiere - darüber wurde früher viel gesprochen. Dann machte der Behaviorismus das Thema zum Tabu. Und heute ändert sich das erneut. Das liegt nicht unbedingt an den Ergebnissen der Verhaltensforschung, die weiterhin sehr konservativ bleibt. Das liegt an den Fortschritten der Neurowissenschaften. Dort werden Gefühle im Gehirn lokalisiert - beim Mensch und beim Tier. Es gibt im menschlichen Gehirn nicht einen Teil, der nicht auch bei Primaten zu finden ist. Es gibt also keinen Grund zu glauben, dass sich menschliche Emotionen sehr von tierischen unterscheiden.
Das Gespräch führte Malina OpitzFrans de waal ist Tierpsychologe und einer der bekanntesten Primatenforscher der Welt
Wer Tiere beobachtet...
08.08.2010 | 11.45 Uhr | NinjaGirl
ohne sie zu vermenschlichen, erkennt schnell, dass die Unterschiede zu uns Menschen oft gar nicht so groß sind wie gemeinhin angenommen. Das gilt…
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