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Diplom-Debatte

Sehnsucht nach altem Markenzeichen

Von Kerstin Meier, 04.08.10, 21:32h, aktualisiert 05.08.10, 19:10h

Die neun führenden technischen Hochschulen wollen den akademischen Grad Diplom-Ingenieur als deutsches Markenzeichen zurück. Inzwischen zeigt sogar Bildungsministerin Schavan Verständnis für die Diplom-Nostalgie.

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Die Forderung nach einer Rückkehr des "Diplom-Ingenieurs" werden lauter. (Bild: Rolf Vennenbernd/dpa/tmn)
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Die Forderung nach einer Rückkehr des "Diplom-Ingenieurs" werden lauter. (Bild: Rolf Vennenbernd/dpa/tmn)
Groß war das Wehklagen, als Deutschland sich vor ein paar Jahren von seinen Studiengängen verabschiedete: Die gesamte deutsche Wissenschaftstradition mitsamt Diplom und Magister mit einem Schlag der Globalisierung geopfert! Viele altehrwürdige Universitäten taten sich schwer mit diesem entschiedenen Schritt in einen einheitlichen europäischen Hochschulraum. Doch letztlich fügte man sich, richtete „Module“ ein, verteilte „Credit-Points“ und schließlich auch Zeugnisse, auf denen „Bachelor“ oder „Master“ stand.

Nur die Anhänger des Diploms erweisen sich als besonders hartnäckig. So spricht der Präsident des Deutschen Hochschulverbands, Bernhard Kempen, von einer „Dummheit deutscher Hochschulpolitik, eine derart renommierte Marke fallen zu lassen.“ Und auch die „Konferenz der Fachbereiche Physik“ und die „Deutsche Physikalische Gesellschaft“ fordern ihr „Gütesiegel“ zurück. Am vehementesten kämpft derzeit ein Zusammenschluss von neun technischen Universitäten (TU9) für die Wiederbelebung des Diplom-Ingenieurs. Und inzwischen zeigt sogar Bundesbildungsministerin Annette Schavan Verständnis für die allgemeine Diplom-Nostalgie. Sie „unterstützt ausdrücklich den Erhalt des weltweit anerkannten akademischen Titels »Dipl.-Ing.«“.

„Dass jetzt auch Frau Schavan unsere Forderung unterstützt, ist toll“, freut sich Ernst Schmachtenberg, Rektor der RWTH Aachen und gleichzeitig Präsident der TU9. Er ist davon überzeugt, dass Studiengänge genauso funktionieren wie Shampoos, Bohrmaschinen oder Autos, wenn es um Außenwirkung geht: „Manchmal macht eine Marke die Hälfte des Werts eines Konzerns aus.“ Und unter der Marke „Dipl. Ing.“ habe man in den letzten 111 Jahre „ganz hervorragend“ ausgebildet, sagt Ernst Schmachtenberg. Und dann erzählt er von Kaiser Wilhelm, der am 11. Oktober 1899 den polytechnischen Hochschulen das Recht auf die Vergabe des Titels „Diplom-Ingenieur“ verliehen hat. „Wir schauen akademisch auf eine stolze Tradition zurück.“ Eine Tradition, von der sich die technischen Hochschulen ungern trennen wollen. Gleichzeitig wehren sie sich vehement gegen den Vorwurf, ihre Forderung sei rückwärts gewandt: „Es gibt welche, die behaupten, wir wollen das Rad zurück drehen. Das ist falsch. Wir bekennen uns zu den neuen Studiengangsstrukturen.“ Nur heißen soll das Studium eben anders.

Joachim Metzner, Präsident der Kölner Fachhochschule, mag nicht so recht daran glauben, dass es allen Kritikern des Bachelor und Master nur um den akademischen Titel geht: „Da steckt oft der Wunsch dahinter, man möge die Bologna-Reform rückgängig machen.“ Woher dieser Unmut kommt? Viele Hochschulen haben bei der Bologna-Reform einfach alles beim Alten gelassen haben - nur dass sie jetzt statt dem Vordiplom einen Bachelor vergeben. Dort sind die Studierenden unzufrieden, weil ihr Bachelor sie nicht für den Beruf qualifiziert. Andere Hochschulen haben es wiederum mit der Reform übertrieben und die Stundenpläne so sehr verdichtet, dass Studenten und Lehrende gleichermaßen unter der Arbeitslast ächzen. Gegen beide Probleme helfe aber kein Titel, meint Metzner, sondern nur ein Überdenken der Struktur.

Ohnehin bezweifelt er, dass der „Diplom-Ingenieur“ tatsächlich einen so guten Ruf in der Wissenschaftswelt genießt, wie die TU9 es beschwören: „Dass der deutsche Diplom-Ingenieur auf der ganzen Welt ein Markenzeichen war, lag nicht daran, dass er Diplom-Ingenieur hieß, sondern daran, dass er eine gute Ausbildung hatte.“ Die Bezeichnung „Diplom“ sei im Gegenteil sogar oft missverständlich gewesen. Denn in angelsächsischen Ländern ist ein „diploma“ kein akademischer Abschluss. „Wir hatten immer das Problem, klar zu machen, dass unsere Diplom-Ingenieure etwas anderes sind“, so Metzner.

Einen Weg zurück zum alten Studiensystem sieht er nicht, kann sich aber vorstellen, dass die Landesregierungen es freistellen, beide Abschlüsse parallel anzubieten. Allerdings erinnert sich Metzner nur ungern an die Zeit, als die alten Diplom-Studiengänge an der Kölner Fachhochschule ausliefen und die Bachelor-Studiengänge schon gestartet waren. „Ich frage mich, welche Hochschule kann beides gleichzeitig schaffen?“ Ob die Studierenden die Nostalgie teilen, und sich dann in den Diplom-Studiengang einschreiben würden, ist ohnehin fraglich. Joachim Metzner würde ihnen nicht dazu raten: „Wer im internationalen Bereich arbeitet, hat mit Sicherheit von einem Master-Abschluss mehr.“

Kommentar, Seite 4



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