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Sack Reis 2.0

Die Komödie vom zerbrochenen Kübel

Von Christian Bos, 05.08.10, 21:28h, aktualisiert 06.08.10, 17:43h

Vor einem Seniorenheim auf dem Land ist ein Blumenkübel umgekippt: Nachdem eine Lokalredaktion die Meldung getwittert hatte, gab es kein Halten mehr. Nun kursiert sogar ein brisantes „Bekenner-Video“ auf Youtube.

Der zerstörte Blumenkübel
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Der bewusste Blumenkübel. (Bild: dpa)
Der zerstörte Blumenkübel
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Der bewusste Blumenkübel. (Bild: dpa)
Es ist nicht immer einfach, die Zeitung zu füllen. Nicht an einem Augusttag, mitten in den Ferien. Nicht einmal in Berlin-Mitte. Und erst recht nicht, wenn es sich um die Lokalredaktion der 14.000-Seelen-Gemeinde Neuenkirchen im Westfälischen handelt. Da kann es einer Praktikantin schon mal passieren, dass sie zu einem Termin am örtlichen Altenheim geschickt wird. Denn dort ist etwas passiert. Etwas, dass die Senioren des Antoniusstifts, so wird es die angehende Journalistin später melden, „fassungslos“, „traurig und verständnislos“ zurückließ: „Einer der zwei Blumenkübel vor dem Eingang des Altenheimes wurde umgestoßen und lag zerbrochen vor dem Eingang.“

Von den Tätern fehlt jede Spur. Doch die Meldung in der Neuenkirchener Ausgabe der Münsterschen Zeitung kennt jetzt die ganze Welt. Das kam so. In der Nacht zum Dienstag kippte der Kübel. Am Mittwochmorgen stand die Meldung online, am Abend twitterte ein selbstkritisch aufgelegter Redakteur der Lokalzeitung: „In Neuenkirchen ist ein Blumenkübel umgekippt.“

"Es war wie Krieg"

Dessen Twitterfeed haben immerhin 2.100 Nutzer des Kurznachrichtendienstes abonniert. Unter denen sich genug Spaßvögel fanden, um in belustigtes Gezwitscher zu verfallen. „Überall Erde... und dann diese Scherben... es war wie Krieg“, twitterte der eine, „weiter tritt Blumenerde an der Unfallstelle aus“, feixte ein anderer und ein dritter Nutzter regte gar ein „ZDF spezial“ noch am selben Abend an. Prompt reagierten twitternde Online-Redakteure des ZDF und kündigten ein ebensolches „Spezial“ für 19.20 Uhr an. Am Donnerstagnachmittag hatten sich die Blumenkübel-Tweets vertausendfacht, der „Blumenkübel“ war zum „Trending Topic“ bei Twitter geworden, rangierte zeitweise auf Platz vier der weltweit am häufigsten verbreiteten Storys. Weltweit! So dass immer mehr amerikanische Twitter-Nutzer sich fragten, was zum Kuckuck denn so ein umlauthaltiger „Blumenkübel“ sei. Eine „german sex position“ vermutete ein fremdsprachlich Unbedarfter.

Parodie auf CNN-Eilmeldung

Und der „Reissack 2.0“ purzelte weiter: Mittlerweile besitzt der Kübel eine eigene Profilseite bei Facebook. Menschen mit zu viel Zeit texteten einen Blumenkübel-Song, andere fälschten einen Screenshot des Nachrichtenkanals CNN, auf dem der Kübel als „Breaking News“ eingeblendet ist: „Big flower bucket destroyed. Situation unclear“. Und auf „Youtube“ findet man eine - übrigens sehr empfehlenswerte - „dramatisierte Lesefassung“ der etwas zu pathetisch geratenen Lokalmeldung.

Seit Freitag kursiert auf youtube ein satirisches "Bekenner-Video" mit einem maskierten jungen Mann. Er verliest in abgehackten Worten eine Erklärung: "Hiermit übernimmt die Gruppe 'Free The Flowers' die volle Verantwortung für die Vorkommnisse. Wir werden es nicht länger hinnehmen, dass alte Menschen harmlose Blumen in Kübel einsperren und zu ihrer eigenen Belustigung vor ihren Heimen aufstellen", sagt der Maskierte und zertrümmert einen Topf.

Laut Münsterscher Zeitung wurde der Kübel, der alles ausgelöst hat, inzwischen entsorgt. Sponsoren sollen einen neuen Blumenpott angeboten haben. (mit dpa)



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