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Spendeninitiative

„Stiftern fehlt öffentliche Anerkennung“

Erstellt 06.08.10, 23:29h, aktualisiert 09.08.10, 20:36h

Jürgen Chr. Regge ist stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Aus seiner Sicht ist die Stiftungsbereitschaft bei vielen Vermögenden in Deutschland nicht annähernd so ausgeprägt wie in den USA.

Jürgen Chr. Regge
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Jürgen Chr. Regge, stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen und und Vorstand der Fritz Thyssen Stiftung. (Bild: ksta)
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Jürgen Chr. Regge, stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen und und Vorstand der Fritz Thyssen Stiftung. (Bild: ksta)
Herr Regge, in den USA haben sich 40 Milliardäre bereit erklärt, die Hälfte ihres Vermögens zu stiften. Wie bewerten Sie das?

JÜRGEN REGGE: Das ist sehr sehr, sehr erfreulich und eine beachtliche Leistung. Schließlich ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass es den Einzelnen Stiftern zu Lebzeiten möglich ist, diese umfangreichen Vermögen sinnvoll auszugeben.

Halten Sie eine ähnliche Initiative in Deutschland für möglich?

REGGE: Da habe ich Zweifel, denn die Stiftungsbereitschaft ist bei vielen Vermögenden hierzulande nicht annähernd so ausgeprägt wie in den USA. Ein Beispiel ist der kürzlich verstorbene Theo Albrecht. Er hat zwar sein Vermögen in eine Stiftung eingebracht. Aber der Zweck liegt primär darin, das Unternehmen zu befördern.

Die Stifterkultur in Deutschland und den USA ist grundverschieden. Worin liegt das historisch begründet?

REGGE: Die Bereitschaft, als Privatperson etwas für die Allgemeinheit zu tun, ist in den USA tief verwurzelt. Der Stahlmagnat Andrew Carnegie, der einen Großteil seines Vermögens in den Dienst wohltätiger Zwecke stellte und den Satz prägte: Wer reich stirbt, stirbt in Schande, war sicherlich ein Vorbild. In Deutschland wurden viele Aufgaben durch den Sozialstaat abdeckt. Zudem haben der Nationalsozialismus und der Kommunismus das Stiftungswesen zurückgedrängt. Die hohe Zahl der Stiftungen, die wir nach dem ersten Weltkrieg verzeichnen konnten, als Deutschland eine regelrechte Stiftungshochburg war, konnten bis heute nie wieder erreicht werden.

Aber die Zahl der Stiftungen steigt wieder stetig an.

REGGE: Das ist richtig. Wir verzeichnen einen jährlichen Zuwachs von 800 bis 900 Stiftungen pro Jahr. Wir sind zuversichtlich, dass Deutschland in zehn Jahren absolut gesehen wieder auf dem Stand von Anfang des 20. Jahrhunderts angelangt sein wird.

Gab es im Zuge der Wirtschaftskrise Einbrüche?

REGGE: Nein. Die Zuwächse sind stabil geblieben. Allerdings muss man dazu sagen, dass die Neugründungen zum großen Teil im Bereich von einem Vermögen zwischen 100 000 und 500 000 Euro liegen. Die sind natürlich nicht so schlagkräftig wie große Einrichtungen.

Der frühere Finanzminister Peer Steinbrück hat kürzlich in einem Interview gesagt, dass die sehr Wohlhabenden ihr gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein verloren hätten. Teilen Sie diese Einschätzung?

REGGE: Nein. Sicherlich hat sich die Bereitschaft vieler sehr Vermögender, sich gesellschaftlich einzubringen, nicht so positiv entwickelt, wie es wünschenswert wäre. Aber bedauerlicher Weise fehlt es in Deutschland auch an öffentlicher Anerkennung.

Inwiefern?

REGGE: Wenn jemand hierzulande sein Vermögen für wohltätige Zwecke einsetzt, kann er sich nicht sicher sein, ob er Anerkennung erntet oder vielleicht Neid. Nach dem Motto „Seht mal, da hat jemand so viel Geld, dass er einfach weggeben kann“. Ich würde mir wünschen, dass sich auch die Politik, ähnlich wie beim Ehrenamt, stärker dafür einsetzt, dass Stifter öffentlich stärker wertgeschätzt werden, auch wenn es um kleinere Summen geht. Bisher liegt es leider häufig bei den Stiftern, öffentlich auf ihre Leistungen aufmerksam zu machen.

...Was im Gegensatz zu den USA, wo es heißt „Tue Gutes und sprich darüber“ hierzulande offensichtlich nicht so gern gemacht wird.

REGGE: Niemand möchte gerne Eigenlob verbreiten.

Viele Stifter kritisieren, dass ihnen das Stiftungsrecht zu viele Hindernisse in den Weg legt.

REGGE: In der vergangenen Legislaturperiode ist das Stiftungsrecht reformiert worden, was ich sehr begrüße. So sind beispielsweise die Höchstbeträge angehoben worden. Um aber mehr große Vermögen für den Stiftergedanken zu gewinnen, hilft nicht nur die Absetzbarkeit oder Ähnliches, sondern vor allem eine angemessene Geste, die die Stifter würdigt. Wäre die Akzeptanz großer Vermögen in Deutschland stärker ausgeprägt, würden sie vielleicht auch irgendwann auch halbiert werden, wie dies nun in den USA geschieht.

Das Gespräch führte Corinna Schulz



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