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Fall Kachelmann

Die Schlacht tobt weiter

Von Marianne Quoirin, 31.07.10, 13:33h, aktualisiert 04.08.10, 22:43h

Er verklagte die „Bild“-Zeitung und bot Alice Schwarzer ein Exklusiv-Interview an: Nach seiner Freilassung aus der U-Haft hat Jörg Kachelmann eine Medienkampagne gestartet. Mit seine Offensive könnte er vor allem sich selbst schaden.

Jörg Kachelmann
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Jörg Kachelmann nach seiner Haftentlassung. (Bild. dpa)
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Jörg Kachelmann nach seiner Haftentlassung. (Bild. dpa)
Bringt „Emma“ nach „Spiegel“, „Focus“ und „Stern“ auch noch eine Titelgeschichte über ihn? Gibt der ARD-Wettermann in seiner Medien-Offensive kurz nach der Freilassung aus der Untersuchungshaft Alice Schwarzer auch noch ein Exklusiv-Interview, wo er sich wie zuvor als gesetzestreuer, lieber Kumpel mit ein paar kleinen Webfehlern präsentieren kann? Indirekt hat Jörg Kachelmann sich der Journalistin in einer Mail an die Redaktion kurz nach dem Spektakel bei „Anne Will“ anzudienen versucht, wo Schwarzer ihm angesichts unappetitlicher Frauengeschichten eine Therapie empfahl, aber noch heftiger ihre Lieblingsfeindin Gisela Friedrichsen attackierte.

Doch Schwarzer wäre nicht Schwarzer, wäre sie auf die durchsichtige Offerte Kachelmanns „an die geschätzte Kollegin“ eingegangen. Was wäre das für ein Triumph für den Moderator, wenn er Deutschlands obersten Feministin exklusiv seine Erfahrungen im Knast schildern könnte. Da holt Schwarzer doch lieber noch einmal auf ihrer Internetseite zu Rundumschlägen aus. Zunächst müht sie sich, die „Spiegel“-Gerichtsreporterin Friedrichsen k.o. zu schlagen. Deren Arbeit hat sie schon vor Jahren auf mehreren Seiten ihres Blattes bösartig verrissen und wiederholt jetzt noch mal ihre Vorwürfe gegen die angebliche „Richterin der Richter“.

Danach holt sie trickreich gegen Kachelmann aus, den sie „eigentlich immer geschätzt“ habe. Ihn lässt sie abblitzen, kreidet ihm nochmals seine medial ausgebeuteten Sexualpraktiken an und fügt am Ende die Erkenntnis einer Erz-Feministin hinzu: „Auch nette Männer vergewaltigen manchmal, Kollege Kachelmann. Leider.“

Was würden wir Journalisten bloß im berühmten Sommerloch tun, wenn Jörg Kachelmann, immer noch angeklagt wegen Vergewaltigung in einem besonders schweren Fall in Tateinheit mit Körperverletzung, nach der U-Haft seine Medien-Kampagne nicht begonnen hätte? Was ohne das öffentliche Mitteilungsbedürfnis des Wettermoderators, der gleich auf mehreren TV-Kanälen mit den selben Aussagen in eigener Sache zu sehen war? Was ohne das „Spiegel“-Interview, welches keinem x-beliebigen Beschuldigten gewährt worden wäre? Die Diskussion um die Frage, ob Prominente bevorzugt an den Pranger gestellt werden, scheint angesichts der Selbstvermarktungsstrategie des J.K. obsolet. Denn welches Interview wird schon im Feuilleton der „Süddeutschen“ besprochen als wäre es die Ur-Aufführung eines umstrittenen Dramas!

Die Medienschlacht im Fall Kachelmann tobt weiter - mit einer Doppelstrategie. Während Professor Ralf Höcker als Medienanwalt für Kachelmann vom Axel-Springer-Konzern wegen der „Bild“-Berichterstattung Schadenersatz in Höhe von 2,25 Millionen Euro fordert, veröffentlicht „Bild“ Kachelmanns TV-Interview. Nützt aber der mediale Abtausch dem Beschuldigten? Schon in der Sendung von Anne Will warnten der PR-Stratege Hans-Hermann Tiedje (früher „Bild“-Chefredakteur) und Medienanwalt Christian Schertz, der Prominente wie Günther Jauch vertritt, vor den Folgen der Interviewlust.

Strafverteidiger Wolfgang Kubick sprach in der „taz“ von einer Art „medialem Volksgerichtshof“, der die Unbefangenheit der Richter beeinflussen könnte. Auch andere erfahrene Strafverteidiger und Richter sehen das Problem ähnlich. Dass jede Interview-Äußerung im Strafverfahren gegen ihn verwendet kann, sollte Kachelmann aus einem anderen berühmten Fall lernen: Die später rechtskräftig wegen Mordes an ihren beiden Töchtern verurteilte Monika Weimar konnte in ihrem dritten Strafprozess nicht mehr schweigen, weil sie zuvor für ein Buch Interviews gegeben hatte.



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