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Radioaktivität

Experten warnen vor Panik in Deutschland

Von Simone Andrea Mayer, 11.08.10, 19:54h, aktualisiert 11.08.10, 19:55h

Die verheerenden Waldbrände in Russland löst auch bei vielen Menschen in Deutschland Besorgnis aus - die Feuer wüten auch in Gebieten, die durch das Unglück von Tschernobyl verseucht wurden. Experten warnen allerdings vor Panikmache.

KÖLN - Eine radioaktive Wolke konfrontierte 1986 die Deutschen vor der eigenen Haustür mit den dramatischen Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Nun lösen die verheerenden Waldbrände in Russland Sorgen vor einer Wiederholung des Ereignisses aus. Denn die Feuer wüten auch in Gebieten, die durch das Unglück von Tschernobyl verseucht wurden. Radioaktive Asche könnte in die Luft gelangen. Doch Experten warnen vor voreiliger Panikmache.

Die Geschäftsführerin der deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz, Inge Schmitz-Feuerhake, sagte dem „Kölner-Stadt-Anzeiger“: „Auch wenn Teilchen in die Luft geraten sollten, ist es zu früh, um Folgen für andere Länder wie Deutschland absehen zu können.“ Das Bundesamt für Strahlenschutz geht ebenfalls davon aus, dass die nun freigesetzten Teilchen - anders als beim Reaktorunglück - nicht in große Höhen geschleudert und so über große Strecken transportiert werden. Und der Atomexperte von Greenpeace, Mathias Edler, beruhigte: „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass bei der derzeitigen Wetterlage eine radioaktive Rußwolke nach Deutschland kommt.“ Die Brände seien vor allem für die Menschen in der Umgebung der verseuchten Gebiete eine Bedrohung. Allerdings: Genaue Prognosen über eine mögliche Gefährdung sind derzeit kaum möglich. Denn die durch Wald- und Torfbrände entstandenen Rauchwolken könnten nach Ansicht des Deutschen Wetterdienstes in den kommenden Tagen bis an den östlichen Rand Deutschlands geweht werden. Fraglich ist bislang, ob diese Wolken auch radioaktive Staubpartikel enthalten.

Radioaktive Strahlung wird in die Luft freigesetzt, wenn die immer noch kontaminierten Pflanzen und Torfböden verbrennen, erläuterte Schmitz-Feuerhake. „Der Staub fliegt durch die Luft und wird von Menschen eingeatmet. Diese Teilchen setzen sich in der Lunge fest oder werden im Blut aufgelöst.“

Bisher gebe es aber keine Erkenntnisse, wie genau sich das Gemisch aus Ruß, Feinstaub, Kohlenmonoxid und radioaktiven Partikeln in der Luft auf Menschen auswirke. Medizinisch sei jedoch erwiesen, dass bereits ein Millionstel Gramm Plutonium Krebs erzeugen könne. Auch das krebserregende Cäsium 137 komme in den verseuchten Gebieten vor. Die Feuer stellen aber noch aus einem ganz anderen Grund eine Bedrohung für die Umwelt dar: In den brennenden Torfflächen sind Unmengen des umweltschädlichen Kohlenstoffs gespeichert, die zusätzlich zu eh schon bei einem Brand entstehenden Schadstoffen in die Atmosphäre gelangen.

„Während Feldern und Wälder sich nach Bränden mit etwas Zeit wieder selbst regenerieren und das ausgestoßene CO wieder aufnehmen, ist das in Torfgebieten nicht der Fall“, sagte der Feuerökologe Johann Goldammer vom Max-Planck-Institut. Sie bräuchten für diese Regeneration viele hundert Jahre. „Wir sprechen hier daher von einem Netto-Eintrag von CO in die Atmosphäre.“ Der Schaden für die Umwelt sei massiv. Goldammer ist skeptisch, dass die Brände bald unter Kontrolle kommen: „Der Torf dort könnte monatelang brennen.“ Der Professor fordert daher, die einstmals trockengelegten Torf-Flächen wieder zu fluten. „Nur so können sie gelöscht werden. Aber das geht erst nach dem Regen im Herbst, wenn die nun gesunkenen Wasserstände wieder aufgestockt sind“, betonte er. Am Mittwoch machte er sich mit einer Expertengruppe auf den Weg nach Moskau.

„Es ist einfach eine absolute Fahrlässigkeit der Bevölkerung, die zu diesen Bränden geführt hat“, sagte Goldammer kurz vor der Abreise. Eine mangelnde Finanzierung, Ausstattung und Ausbildung der Feuerwehren und eine insgesamt zu geringe Kapazität an Kräften habe erst dazu geführt, dass die Brände außer Kontrolle gerieten. „Wir haben bereits vor 20 Jahren vor diesen Zuständen in Russland gewarnt. Aber erst jetzt scheint die Zeit zu sein, in der politische Nachfragen möglich sind“, sagte Goldammer. (mit dpa, rtr)



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