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Leitartikel zur Konjunktur

Wir erleben keineswegs ein Wunder

Von Robert von Heusinger, 13.08.10, 22:26h

Rechnet man die deutsche Wachstumszahl für das zweite Quartal aufs Jahr hoch, glänzt die deutsche Wirtschaft mit stolzen neun Prozent. So berauschend die Zahl auch ist: Um ein Wunder handelt es sich hierbei nicht.

Konjuktur Aufschwung Boom
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Die deutsche Wirtschaft wächst wie seit 23 Jahren nicht mehr. (Bild: dpa)
Konjuktur Aufschwung Boom
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Die deutsche Wirtschaft wächst wie seit 23 Jahren nicht mehr. (Bild: dpa)
Zwickts mi, i man i tram, singt Wolfgang Ambros in einem seiner berühmten Schlager. Dieser Refrain kommt einem beim Blick auf die deutsche Wachstumszahl für das zweite Quartal in den Sinn. Gibt man sich weltmännisch und rechnet die Zahl aufs Jahr hoch (so machen es die Amis), dann glänzt die deutsche Wirtschaft mit stolzen neun Prozent. Damit ist sie unangefochtener Spitzenreiter unter den alten Industrienationen. Der Imagewandel der deutschen Volkswirtschaft von einer verkrusteten hin zu einer super-flexiblen sollte damit endlich geschafft sein.

Die großen US-Nachrichtenagenturen sprechen bereits von „Germanys Superman Economy“. Dabei handelt es sich keineswegs um ein Wunder. Drei teils ineinander greifende Erklärungsstränge sind zentral. Da ist erstens Angela Keynes: die Kanzlerin hatte das Glück den richtigen Koalitionspartner im Winter 2008 / 09 zu haben als sie gemeinsam mit Finanzminister Peer Steinbrück Konjunkturpolitik betrieb. Getreu den Lehren des größten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, John Maynard Keynes, wurde der Einbruch der Nachfrage mit höheren Staatsausgaben auf Pump bekämpft. Das hat prima funktioniert und ist der Beweis dafür, dass Nachfragepolitik durchaus wirken kann.

Stärke unter Beweis gestellt

Zweitens hat das deutsche Konsensmodell seine Stärke unter Beweis gestellt. Denn es waren die Gewerkschaften die erst die Arbeitgeber für längeres Kurzarbeitergeld und Abwrackprämie begeisterten und dann gemeinsam die Regierung überzeugten. Und es waren die Gewerkschaften, die der Beschäftigungssicherung Vorrang gaben und es damit den Unternehmern erleichterten, Jobs zu sichern. Kein anderes großes Industrieland hatte 2009 einen schärferen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts erlitten, kein anderes hatte einen so geringen Anstieg der Arbeitslosigkeit verzeichnet. Und jetzt kann kein anderes Land so rasch die kräftig angesprungene Nachfrage befriedigen.

Drittens und leider am wichtigsten für das starke zweite Quartal: Deutschland ist in der vergangenen Dekade zu einem so genannten „kleinen, ganz offenen Land“ verkommen. So bezeichnen Volkswirte Länder, die ganz stark vom Welthandel abhängen, etwa Holland und Österreich, für deren Wachstum der Gesundheitszustand der Weltwirtschaft entscheidend ist. Und die Weltwirtschaft war und ist noch viel stärker durch Konjunkturpolitik à la Keynes gedopt als die deutsche Wirtschaft. Damit ist das Märchen erzählt. Die deutsche Wirtschaft wird sobald nicht mehr so rasch wachsen, weil weltweit die Konjunkturprogramme auslaufen. Die USA schwächeln bereits. Ein erneuter Absturz ist nicht das wahrscheinlichste, indes ein ernstzunehmendes Szenario.

Deshalb sollte Kanzlerin Merkel nach ihrem Urlaub folgendes tun: Sich über den Aufschwung freuen, Keynes für die Theorie, den Amerikanern und Chinesen für die exzessive Anwendung derselben danken. Danach sollte sie tunlichst alles vermeiden, was die Binnennachfrage bremst, also an erster Stelle Abgaben- und Steuererhöhungen. Will sie Deutschland wieder zum „großen Land“ machen dann muss sie weiter die Nachfrage etwa über Bildungs- oder Infrastrukturinvestitionen stimulieren.



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